So ähnlich sich diese beiden Wörter auch sind, so unterschiedlich sind ihre Bedeutungen. Die Geisel mit weichem "s" geht zurück auf das mittelhochdeutsche Wort "gisel", welches wiederum seinen Ursprung im Keltischen hat, und bedeutete ursprünglich "Leibbürge". Es hatte also zunächst nichts mit Erpressung, Bankraub und Flugzeugentführung zu tun, das kam erst später. Im antiken Griechenland war es durchaus üblich, die Söhne einer Stadt als Friedenspfand zu tauschen; eine Geisel sein zu dürfen, war demnach eine Ehre. Das Ehrenvolle spiegelt sich auch in den Namen Giselher, Giselbert und Gisela.
Die Geißel mit scharfem s geht zurück auf das germanische Wort "gaisilon", welches "Stock", "Stange" bedeutete. "Geißel" hatte ursprünglich mit schlagen zu tun, was sich noch heute in dem Verb "geißeln" zeigt, welches "züchtigen", "strafen" bedeutet. Der Stock wurde irgendwann zur Peitsche, und schließlich wurde die Wortbedeutung zu "Plage" erweitert. Die "Geißel des Krieges" oder die "Geißel der Menschheit" hat nichts mit Geiselnahme zu tun.
Dass "illegale Graffiti" die "Geisel jeder Großstadt" seien, wie die Polizeidirektion Leipzig in einer aktuellen Plakatkampagne mitteilt, macht Spraygeschmiere zu Opfern und Großstädte zu gemeingefährlichen Geiselnehmern. Die Leipziger Polizeidirektion meinte Geißel, nicht Geisel.
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