Von Bastian Sick
Eine dieser Kräfte, mittels deren der Mensch den Tod zu besiegen vermag, ist der Glaube, eine andere die Phantasie. Die dritte und vielleicht am häufigsten anzutreffende ist sprachliche Ungenauigkeit. Dank ihrer Hilfe können Menschen auch nach ihrem Ableben noch eine ganze Menge Unheil anrichten. So erfuhr man beispielweise in der "Braunschweiger Zeitung": "71-Jähriger soll zunächst sich und später seine 65-jährige Ehefrau erschossen haben." Ich sehe es förmlich vor mir, wie der 71-Jährige nach seinem Selbstmord auf dem Weg ins Jenseits innehält und ausruft: "Mist, ich muss noch mal zurück, jetzt hab ich doch glatt meine Alte vergessen!"
Nicht erst seit Bram Stoker im 19. Jahrhundert seinen "Dracula" erschuf, wissen wir, dass wir uns die Welt mit Untoten teilen müssen. Die Angaben darüber, wie viele dieser Untoten es gibt, schwanken. Aber es müssen sehr, sehr viele sein, denn allein in Paraguay gibt es Hunderte, wenn man einem Bericht der "Rheinischen Post" glauben darf: "In einem Einkaufszentrum in Paraguay ist es zu einem verheerenden Brand gekommen", schrieb das Blatt im August 2004 in seiner Internetausgabe. "Dabei sind nach Angaben eines TV-Senders mindestens 340 Tote ums Leben gekommen."
Ein anderes Mal vermeldete dieselbe Zeitung den Tod von 36 Toten in der Türkei. Da war ein Bild von einem entgleisten Zug zu sehen, "in dem mindestens 36 Tote starben", wie der Bildunterschrift zu entnehmen war. Irgendwo da draußen auf dem Meer muss ein leckes Schiff mit drogensüchtigen Zombies treiben, denn kürzlich las ich in einer Zeitung die Überschrift: "Drogentote sinken".
Manchmal haben die Toten auch Glück und kommen mit dem Leben davon. So konnte man auf einer Videotexttafel des Norddeutschen Rundfunks erfahren: "In Hutzfeld bei Eutin haben zwei überraschte Diebe in der Nacht zum Sonntag einen 45-jährigen Grundstücksbesitzer niedergestochen. Nach Angaben der Polizei vom Montag wurden die 16 und 23 Jahre alten Täter gefasst. Der Erstochene ist außer Lebensgefahr."
Einige Menschen glauben, dass man mit den Toten in Kontakt treten könne, und halten sogenannte Séancen ab, bei denen sie Nachrichten aus dem Jenseits zu empfangen hoffen. Dabei kann man sich diesen Aufwand sparen. Mitunter genügt es schon, die Zeitung aufzuschlagen, denn dort wimmelt es von Nachrichten aus dem Totenreich. Ein beliebter Weg, die Hinterbliebenen zu grüßen, ist die Todesanzeige: "Nach langer, schwerer Krankheit verstorben, trauern wir um unseren geliebten Opa, Vater und Schwiegervater". Erst waren sie krank, dann sind sie gestorben, und jetzt trauern sie um ihren Opa. Tot zu sein ist kein Vergnügen. Man ist als Toter ja noch nicht einmal sicher! "Bei der Überführung der sterblichen Überreste von Emile Zola ins Pariser Pantheon am 4. Juni 1908 versucht ein rechtsextremer Journalist, ihn mit zwei Schüssen zu ermorden", konnte man im SPIEGEL lesen. Entweder muss es sich bei dem Attentäter um einen Verrückten gehandelt haben, denn was sollte es bringen, den toten Zola zu ermorden, oder aber der Artikel war schlecht recherchiert und die Schüsse galten in Wahrheit jemand anderem, zum Beispiel Alfred Dreyfus. Darüber gibt die Grammatik dieses Satzes leider keinen Aufschluss.
Jubiläen und Geburtstage machen einem immer wieder auf unbarmherzige Weise klar, wie schnell die Zeit vergeht. Todestage natürlich auch. So schrieb die faz.net im April 2005: "Sie reden sich wieder die Köpfe heiß, die Damen und Herren vom Literarischen Quartett, das sich anderthalb Wochen vor seinem 200. Todestag wiedervereint, um über Friedrich Schiller zu reden." Ich wusste gar nicht, dass das Literarische Quartett schon seit 200 Jahren tot ist! Da kann man mal wieder sehen! Und ich glaubte seinerzeit immer, es wären Live-Sendungen gewesen, dabei müssen das uralte Konserven gewesen sein, die das ZDF da in den neunziger Jahren ausgestrahlt hat!
Ruhe in Frieden? Von wegen! So wenig, wie die Toten uns in Ruhe lassen, so wenig lassen wir die Toten in Ruhe. Anlässe, sich über den Umgang mit Toten Sorgen zu machen, findet man immer wieder. "Verdächtiger wird nach Autopsie erneut verhört", meldete t-online im Juni 2006. Da wird der Verdächtige also erst einmal aufgeschlitzt, und anschließend nochmals vernommen. Vermutlich, um auch noch das Letzte aus ihm rauszuholen. Die "Frankfurter Neue Presse" titelte im Oktober letzten Jahres: "Sieben Jahre Haft für drei tote Babys". Nein, das ist wirklich nicht nett. Babys sperrt man nicht ein, auch keine toten.
Der Tod ist eine ernste Angelegenheit. Und eine kostspielige noch dazu. Der Volksmund weiß: "Nicht mal der Tod ist umsonst, denn er kostet das Leben". Mit einem, wie ich finde, recht zweifelhaften Vorschlag, wie man dem Tod ein Schnippchen schlagen kann, wartet ein geschäftstüchtiger Bestatter aus Oberhausen auf: "Wenn Sie von uns gehen! Alberts - Tiersärge". Ob Sie oder sie - der Tod trifft uns alle, früher oder später. Ein Fundstück aus dem "Iserlohner Kreisanzeiger": "In treuer Pflichterfüllung hat Gott der Herr meine liebe Frau, meine herzensgute, besorgte Mutter zu sich gerufen." Das mag uns tröstlich erscheinen: Auch Gott erfüllt nur seine Pflicht.
Dass das Wissen um die Endlichkeit das Leben überhaupt erst lebenswert macht, hat man auch in Baden-Württemberg erkannt. Vor einiger Zeit hingen in der Landeshauptstadt Plakate mit folgender Aufschrift: "100 Jahre Garten- und Friedhofsamt - Ihr Partner für ein lebenswertes Stuttgart".
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