Fragen an den Zwiebelfisch: Das Rätsel des Steinhuder Meeres

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Wie kommt es, dass Steinhude am Meer liegt? Und dass ein Wort wie Sanktion zwei völlig gegensätzliche Bedeutungen hat? Was kauft derjenige, der jemandem den "Schneid" abkauft? Und heißt "einfrieren" in Wahrheit womöglich "eingefrieren"? Leser stellen Fragen, der Zwiebelfisch gibt Antwort.




Es gibt keine Wale im Steinhuder Meer, nicht mal Salz
DPA

Es gibt keine Wale im Steinhuder Meer, nicht mal Salz

Frage eines Lesers:

Lieber Herr Sick, wieso wird das Steinhuder Meer eigentlich Steinhuder Meer genannt? Es hat doch kein Salzwasser? Und es schwimmen auch keine Wale darin. Es ist nicht mal besonders groß. Wie kommt's? Die Niedersachsen müssten doch wissen, was ein Meer ist, schließlich haben sie die Nordsee! Wie war eine solche Verwechslung nur möglich?

Manfred Appelt

Antwort des Zwiebelfischs: Lieber Herr Appelt, wissen Sie, was der Steinhuder sagt, wenn man ihn fragt, warum das Steinhuder Meer so heißt, wie es heißt? "Weil's bei Steinhude liegt, deshalb!"

Scherz beiseite: Die Bezeichnung "Meer" ist im nordwestdeutschen und niederländischen Raum häufiger für stehende Gewässer anzutreffen. Bei Oldenburg gibt es das Zwischenahner Meer, und bei Emden das Große Meer. Dieses Meer geht zurück auf das mittelniederdeutsche Wort mere, das Binnenseen bezeichnete. Im Niederländischen wimmelt es noch heute von Meeren, denn was bei uns ein See ist, das ist in Holland "een meer". Dafür spricht man im Niederländischen von "de zee", wenn wir "vom Meer" sprechen. So wie sich das Wort "See" in zwei Richtungen entwickelte (der See = Binnengewässer/die See = Meer), so hat auch das Wort Meer zwei Richtungen eingeschlagen. Dass das Meer von den Germanen als stehendes Gewässer angesehen wurde, spiegelt sich heute außerdem noch in den Wörtern Moor und Marsch, die beide mit dem Wort "Meer" verwandt sind. Auch die als Maare bekannten Kraterseen in der Schwäbischen Alb und in der Eifel (zum Beispiel Randecker Maar, Dauner Maar) gehen auf das Wort "Meer" zurück - ganz genau auf das dem Vulgärlateinischen entlehnte Wort "mara", eine Ableitung des lateinischen Wortes "mare".


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Frage eines Lesers: Der Begriff "Sanktion" wird, so scheint es mir, für zwei sich widersprechende Tatbestände verwendet: Einmal im Sinne von "abmahnen/strafen" und zum anderen im Sinne von "gutheißen". Könnten Sie da mal etwas Licht ins Dunkel bringen und erklären, wie es zu so einer doppelten Bedeutung kommt?

Klaus Dieter Stolz

Kubanischer Sozialismus: Von Castro sanktioniert, von den USA mit Sanktionen belegt
AP

Kubanischer Sozialismus: Von Castro sanktioniert, von den USA mit Sanktionen belegt

Antwort des Zwiebelfischs: Sehr geehrter Herr Stolz, das Fremdwort Sanktion, im 18. Jahrhundert aus dem französischen Wort sanction entlehnt, welches wiederum auf das lateinische sanctio zurückgeht, hat die Bedeutung "Billigung, Bestätigung, Erteilung der Gesetzeskraft". Dass darin das Wort sanctum (= heilig) anklingt, ist kein Zufall: Früher galten Gesetze oft als heilig - oder sollten zumindest als heilig angesehen werden. Mit einer Sanktion hat man es also immer dann zu tun, wenn eine Autorität (König, Papst, Regierung, Parlament) etwas bestätigt, billigt, für rechtmäßig oder gar zum Gesetz erklärt. Weil dies natürlich auch Zwangsmaßnahmen betreffen kann, hat das Wort "Sanktion" noch eine zweite Bedeutung erlangt, die im scheinbaren (!) Widerspruch zur ersten steht. Aus der Billigung wurde die Bestrafung. Meistens wird es dann im Plural gebraucht. Man unterscheidet zwischen Sanktionen zur Bestrafung eines Staates und allgemeinen Sanktionen gegen ein bestimmtes Verhalten:

Kriegslüsterne Politiker fordern militärische Sanktionen gegen Schurkenstaaten; die Uno verhängt wirtschaftliche Sanktionen über ein Land; ein Unternehmen beschließt eine Reihe von Sanktionen, um einen Streik zu brechen; überall auf der Welt müssen Raucher mit immer drastischeren Sanktionen rechnen.
Das Verb "sanktionieren" wird überwiegend in der ersten Bedeutung, also als "billigen, gutheißen, zum Gesetz erklären", gebraucht. Wenn die USA Sanktionen über Kuba verhängen, heißt das nicht, dass sie Fidel Castros politischen Kurs sanktionieren - im Gegenteil.


Frage eines Lesers aus Erlangen: Lieber Zwiebelfisch, woher kommt die Redewendung "jemandem den Schneid abkaufen"? Meine Internet-Recherche ergab bisher leider nichts. Können Sie mir helfen?

Eckart Müller

Antwort des Zwiebelfischs: Lieber Herr Müller, zunächst einmal sei gesagt, dass "jemandem den Schneid abkaufen" nichts mit einem Geschäft zu tun hat, auch wenn es sich danach anhört. "Abkaufen" ist hier eine schönfärberische Umschreibung für "rauben", "wegnehmen". Das Wort "Schneid" ist ein alter Ausdruck für Mut, Tatkraft und war im 19. Jahrhundert vor allem in der Soldatensprache anzutreffen. Wer Schneid hatte, der besaß Mut. Schneid und das davon abgeleitete Adjektiv schneidig sind verwandt mit der Schneide (eines Messers): Wer scharf wie eine Schneide auftrat, das war kräftig und forsch, also mutig. Wem der Schneid geraubt wurde, dem wurde der Mut genommen. Jemandem den Schneid abkaufen bedeutet daher heute noch jemanden mutlos machen, einschüchtern.


Frage einer Leserin aus Hannover: Mein Sohn ist heute mit einem Diktat nach Hause gekommen, in dem unter anderem der folgende Satz enthalten war: "... das zum Eingefrieren verwendet werden kann." Google kennt ca. 2000 Einträge für "eingefrieren", aber korrigiert mich: Meinten Sie: "einfrieren"?

Bitte helfen Sie mir, ich wüsste gerne, ob die Lehrerin einen Fehler gemacht hat!

Annette Schreiber

Antwort des Zwiebelfischs: Liebe Frau Schreiber, wenn man darüber nachdenkt, was alles einfrieren kann und was sich alles einfrieren lässt, so stellt man fest, dass es eine grundsätzliche Unterscheidung zu treffen gilt zwischen der intransitiven und der transitiven Form des Wortes "einfrieren". Im ersten Fall friert etwas selbst ein (zum Beispiel eine Wasserleitung), im zweiten Fall wird etwas eingefroren - Fleisch oder Gemüse zum Beispiel, oder diplomatische Beziehungen.

Kühlschrank: Einfrieren oder eingefrieren?
DDP

Kühlschrank: Einfrieren oder eingefrieren?

In dem von Ihnen zitierten Diktat ging es offenbar um die zweite Form - bei der Dinge wörtlich oder im übertragenen Sinne "auf Eis gelegt" werden. Der Duden kennt für diesen Vorgang sowohl "einfrieren" als auch "eingefrieren", wobei er die zweite Form als Nebenform der ersten ausweist. Ich selbst kenne in diesem Zusammenhang nur den Ausdruck "einfrieren". Aber das muss nichts heißen. Ich bin ein Nordlicht, und als solches lasse ich mich immer wieder gern überraschen von den vielfältigen Variationen, die der Süden zu bieten hat.

So ist im Badischen, im Schwäbischen und im Pfälzischen das Wort "Eigfriere" (also "Eingefrieren") gebräuchlich, wenn's ums Tiefkühlen von Lebensmitteln geht - im Unterschied zum "Eifriere" (Einfrieren) der Zehen oder Finger an kalten Tagen. In der Pfalz sagt man entsprechend "oigfriere", und in Bayern "eing'frian". Im süddeutschen Raum ist übrigens auch das kuriose Wort "aufgefrieren" bekannt - in der Bedeutung "auftauen".

Zwar spricht man allgemein von "Gefrierschrank" und "Gefrierbeuteln" - es käme wohl niemand auf die Idee, "Frierschrank" oder "Frierbeutel" zu sagen. Die gängige Verbform im Hochdeutschen lautet indes "einfrieren".

Da Ihr Sohn ein Recht darauf hat, in der Schule in Standarddeutsch unterrichtet zu werden, sollte sich seine Lehrerin an das Verb "einfrieren" halten.


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