Fragen an den Zwiebelfisch Die beklopfte Tür

In welchem Fall steht eigentlich die Tür, wenn ich anklopfe? Klopfe ich an der Tür oder an die Tür? Klopft man an sie oder an ihr? Eine recht beklopfte Frage, findet der Zwiebelfisch und hämmert sich eine Antwort zurecht.


Es klopfet am Kapellentor: Der Papa Ratzi steht davor!
AFP

Es klopfet am Kapellentor: Der Papa Ratzi steht davor!

Frage einer Leserin:

Lieber Zwiebelfisch, nun steht zwar Ostern vor der Tür, ich habe aber trotzdem noch eine Frage zum Nikolaus. Sie können aber von mir aus auch Knecht Ruprecht nehmen oder den Gerichtsvollzieher oder meinen Nachbarn. Die Person ist nebensächlich. Mir geht's ums Türklopfen. Klopft der Nikolaus an DER Tür oder an DIE Tür?

Antwort des Zwiebelfischs: Hier möchte ich wieder einmal sagen: sowohl als auch - beides ist möglich. Der Dativ (an der Tür) ist die Antwort auf die Frage "wo klopft es?", der Akkusativ (an die Tür) ist die Antwort auf die Frage "wohin/worauf/wogegen wird geklopft?".

Geht es mehr ums Klopfen, dann zeigt man dies durch den Dativ an:

Es klopft an der Tür.
Man hört ein Klopfen an der Tür.
Minutenlang wurde wie wild an der Tür geklopft und gerüttelt.
Geht es mehr um die Person, die anklopft, oder um die Tür, an die geklopft wird, so wählt man den Akkusativ:

Jemand klopft an die Tür.
Er hatte an so viele Türen geklopft und war doch nirgends eingelassen worden.
Nur wer an diese Tür klopft, kommt auch hinein.
Der Bedeutungsunterschied ist allerdings minimal, oft wird er gar nicht wahrgenommen. Für den Nikolaus selbst spielt es wohl keine Rolle, ob er an die Tür klopft oder an der Tür. Hineingelassen wird er in jedem Fall.

Ein ähnliches Phänomen lässt sich übrigens bei Verben der körperlichen Berührung (schlagen, treten, beißen, schneiden u.a.) beobachten: Wenn der Nikolaus mir auf gut Deutsch eine langt, stellt sich die Frage, ob er mich (Akkusativ) ins Gesicht schlägt oder ob er mir (Dativ) ins Gesicht schlägt. Beides ist grammatisch möglich, wenngleich weder das eine noch das andere wünschenswert ist. Der Dativ ist in diesen Fällen allerdings häufiger anzutreffen.

Er trat ihn/ihm vors Schienbein.
Sie zog mich/mir an den Haaren.
Ich habe mich/mir in den Finger geschnitten.
Der Hund biss ihn/ihm ins Bein.
Bei unpersönlichen Subjekten steht fast ausschließlich der Dativ:

Der Wind peitschte mir (nicht: mich) ins Gesicht.
Die Sonne stach ihm (nicht: ihn) in die Augen.
Beim Verb "küssen" (das ja ebenfalls eine körperliche Berührung bezeichnet) steht die geküsste Person im Dativ, wenn der geküsste Körperteil im Akkusativ steht, und sie steht im Akkusativ, wenn der Körperteil von einer Präposition begleitet wird: Erst küsste er ihr die Hand, dann küsste er sie auf den Mund. Dasselbe gilt für "lecken": Erst leckte er ihr die Hand, dann leckte er sie am Hals.


Frage eines Lesers: Lieber Zwiebelfisch, sag mal, wo erscheinen deine Texte eigentlich? Auf "Spiegel Online" oder bei "Spiegel Online"? Bei Zeitungen und Zeitschriften heißt es doch immer "in", aber wie heißt es bei Internet-Magazinen?

Antwort des Zwiebelfischs: Diese Frage hat die Mitarbeiter unserer Redaktion natürlich schon von Anfang an beschäftigt. Und eine endgültige und für alle befriedigende Festlegung hat es nie gegeben. Im Laufe der Jahre hat sich aber ein bestimmter Sprachgebrauch durchgesetzt. Zunächst einmal ist festzuhalten, dass SPIEGEL ONLINE artikellos gebraucht wird - im Unterschied zum SPIEGEL, der sich ja explizit "DER SPIEGEL" nennt. Es heißt also weder "der" SPIEGEL ONLINE noch "das" SPIEGEL ONLINE, sondern einfach nur SPIEGEL ONLINE. Folglich erscheint der Zwiebelfisch auch nicht "im" SPIEGEL ONLINE, und schon gar nicht "im SPIEGEL-online" oder gar im "Online-SPIEGEL". SPIEGEL ONLINE ist heute ja weit mehr als nur die Internet-Ausgabe des SPIEGEL-Magazins. Daher wird bei uns nicht nur der SPIEGEL großgeschrieben, sondern auch das Wort ONLINE, denn auf beide Komponenten sind wir stolz. Der "Zwiebelfisch" erscheint sowohl "bei" als auch "auf" SPIEGEL ONLINE, seit neustem übrigens auch "im" KulturSPIEGEL, der wiederum "auf" SPIEGEL ONLINE abrufbar ist. Unsere Redakteure schreiben "für" SPIEGEL ONLINE, andere Redaktionen zitieren "aus" SPIEGEL ONLINE (oder zitieren SPIEGEL ONLINE ganz direkt), und die Leser lesen die Artikel wahlweise "in" SPIEGEL ONLINE oder "auf" SPIEGEL ONLINE. Redaktionsintern wird SPIEGEL ONLINE übrigens gerne auch "Spon" genannt, das ist ein Akronym und spart beim Schreiben Zeit und beim Sprechen drei Silben.


Frage eines Lesers: Im Unternehmensbereich Finanzen liest man häufig die Abkürzung "p.a.", die bekanntlich für "pro Jahr" steht. Meinem Sprachgefühl folgend (vielleicht ist es auch eine vage Erinnerung aus dem Lateinunterricht), sage ich "per annum". Ich höre von Kollegen aber regelmäßig "per anno". Welche Form ist richtig?

Antwort des Zwiebelfischs: Sie liegen zwar knapp daneben, aber Ihre Kollegen wissen es keinesfalls besser. Tatsächlich steht die Abkürzung "p.a." für "pro anno". Pro (= für) erfordert den Ablativ, und der Ablativ von "annus" lautet "anno". Die Präposition per (= durch) steht hingegen mit dem Akkusativ. "Per annum" ist somit zumindest korrekt gebeugt. Das "p" in dem kaufmännischen Kürzel steht nur eben nicht für "per", sondern für "pro", und deshalb muss es "anno" heißen.


Frage eines Lesers: Ein kluger Mensch hat mich einmal davon zu überzeugen versucht, es hieße "aus aller Herren Ländern" und nicht "Länder", da es ja auch "aus allen Ländern" heißt. Klingt logisch, aber ich höre und lese es immer anders. Was ist Ihre Meinung?

Antwort des Zwiebelfischs: Es heißt heute "aus aller Herren Länder", auch wenn es früher einmal "aus aller Herren Ländern" geheißen hat. Ihr kluger Bekannter hat Recht damit, dass es "aus allen Ländern" heißt. Die Präposition "aus" setzt die "Länder" in den Dativ, und im Dativ werden Länder zu Ländern. Nun haben sich aber die "Herren" dazwischengedrängt (in Form eines Genitivattributs), und das begünstigte im Laufe der Sprachentwicklung den Wegfall der Endung. Dies lässt sich auch bei anderen Pluralwörtern beobachten, die auf -er enden, wie Bäder, Fenster, Häuser, Kinder, Krieger, Lieder, Männer, Räuber:

An den Kleidern vieler Könige klebt Blut.
Blut klebt an vieler Könige Kleider.

Man erfreute sich an den Liedern der Franzosen.
Man erfreute sich an der Franzosen Lieder.

Wenn das Pluralwort von der Präposition räumlich getrennt steht, dann ist der Verzicht auf das Endungs-"n" "erlaubt". Im Falle der Länder aller Herren hat sich die ungebeugte Form durchgesetzt und gilt heute als Standard. Die Form mit -n ist veraltet. Veraltet heißt zwar nicht falsch, aber eben "nicht mehr allgemein üblich".




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