Fragen an den Zwiebelfisch In oder im Irak?

Sag mal, Zwiebelfisch, wie heißt es denn nun richtig: im Irak oder in Irak? Was bedeutet die Redewendung "Das passt wie die Faust aufs Auge", und was ist der Unterschied zwischen fliehen und flüchten? Leser stellen Fragen rund um die deutsche Sprache, der "Zwiebelfisch" gibt Auskunft.

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Boxer Lewis, Klitschko: Faust aufs Auge
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Boxer Lewis, Klitschko: Faust aufs Auge

Wie die Faust aufs Auge

Lieber Zwiebelfisch, ich bin sicher, dass Sie mir helfen können, die Bedeutung einer Redensart zu klären, die ich seit meiner Kindheit verwende: Das passt "wie die Faust aufs Auge" wurde in meiner Familie immer für Dinge verwendet, die überhaupt nicht zueinander passen, wie zum Beispiel zwei Farben, die "sich schlagen". Nach meinem Gefühl ist das die korrekte Deutung. Nun gibt es aber in meinem Bekanntenkreis einige, die diese Redensart genau im umgekehrten Sinn verwenden, für Dinge, die besonders gut zueinander passen. Das erscheint mir unlogisch. Ich konnte mich aber bis jetzt mit meiner Ansicht nicht durchsetzen, da mir das "schlagende" Argument fehlt. Jetzt wende ich mich voller Hoffnung an Sie. Welche Deutung ist die richtige?

Johanna Hieß

Liebe Frau Hieß, die Redewendung von der "Faust aufs Auge" ist ein klassisches Beispiel für die Wandlungsfähigkeit der deutschen Sprache. Mit dem Vergleich wurde ursprünglich ausgedrückt, dass etwas überhaupt nicht zu etwas passt. Faust und Auge passen nicht zusammen, weil es höchst unangenehm ist, einen Faustschlag aufs Auge zu bekommen. Als einen solchen Faustschlag konnte zum Beispiel der modebewusste Mensch unpassende Kleider- und Farbkombinationen empfinden: "Roter Rock zu orangefarbener Bluse - das passt wie Faust aufs Auge!" So die ursprüngliche Bedeutung, wie Sie sie kennen gelernt haben.

Durch häufigen ironischen Gebrauch entwickelte sich aber eine zweite, und zwar genau gegenteilige Bedeutung: etwas passt sehr gut, ganz genau zueinander. Die ironische Sinnverdrehung gipfelte in der scherzhaften Abwandlung "Das passt wie Faust aufs Gretchen", bei der auf Goethes "Faust" Bezug genommen wird.

Die zweite Deutung ist heute die geläufigere, auch wenn die ursprüngliche nach wie vor gültig ist. Im Zweifelsfall erschließt sich die passende Deutung aus dem Zusammenhang.


Heißt es "im Irak" oder "in Irak"?

Schiiten in Bagdad: Beten im Irak oder in Irak?
DPA

Schiiten in Bagdad: Beten im Irak oder in Irak?

Seit Wochen wird immer öfter "in Irak" geschrieben. Das klingt unschön und ist alarmierend. Schließlich bin ich im Breisgau aufgewachsen und muss auch hier inzwischen manchmal "in Breisgau" lesen. Bisher habe ich keine Seite gefunden, die den korrekten Sprachgebrauch für bestimmte Länder- und Regionennamen darstellt. Vielleicht können Sie dazu etwas sagen?

Bernhard von Schwarzenfeld

Sehr geehrter Herr von Schwarzenfeld! Zunächst einmal gilt es eine Unterscheidung zu treffen zwischen Landschaftsnamen und Staatennamen. Namen von Landschaften und Regionen werden in der Regel immer mit Artikel genannt: der Breisgau, die Toskana, das Elsass, der Balkan, die Pfalz, das Kosovo.

Staatennamen hingegen sind meistens artikellos: Afghanistan, Deutschland, Österreich, Zypern... Doch es gibt ein paar Ausnahmen: Ist der Name weiblich, so wird er mit Artikel gebraucht: die Schweiz, die Türkei, die Ukraine. Ebenfalls mit Artikel werden Staatennamen im Plural gebraucht: die USA, die Vereinigten Arabischen Emirate, die Niederlande. Und schließlich steht ein Artikel, wenn der Staatenname männlich ist. Allerdings gibt es keine fest definierte Gruppe von männlichen Staatennamen. Vielmehr haben alle, die hier in Frage kommen, ein schwankendes Genus, sie können sowohl männlich als auch neutral ein. Dazu gehören Irak, Libanon, Jemen, Iran, Sudan, Tschad und Kongo.

Während das Auswärtige Amt empfiehlt, diese Staaten ohne Artikel zu nennen, wird im allgemeinen Sprachgebrauch die Nennung mit Artikel praktiziert. Da heißt es dann entsprechend im Kongo, in den Jemen, aus dem Libanon, durch den Tschad, in den Irak. Auch im SPIEGEL heißt es "der Irak", dort begründet man es mit dem Arabischen; denn die Iraker selbst nennen ihr Land "al-Irak".

Wenn in Nachrichtentexten der Artikel fehlt, so geht dies seltener auf die Empfehlung des Auswärtigen Amtes zurück; häufiger lässt es auf eine englischsprachige Quelle schließen. Briten und Amerikaner verwenden das Wort "Iraq" grundsätzlich artikellos. Beim Übersetzen aus dem Englischen wird der deutsche Artikel bisweilen vergessen, selbst wenn die Redaktion beschlossen hat, "Irak" immer mit Artikel zu nennen.

Mal mit und mal ohne Artikel findet man auch (den) Iran genannt. Während "Persien" eindeutig neutral war (jedenfalls in grammatischer Hinsicht), ist das Genus bei "Iran" im Deutschen nicht eindeutig festgelegt. Der SPIEGEL führt Iran ohne Artikel und begründet auch dies mit der Landessprache: Da das Persische keine Artikel kennt, hat auch "Iran" (was übrigens "Land der Arier" bedeutet) keinen. Somit heißt es beim SPIEGEL: in Iran, nach Iran, aus Iran etc.

Es gibt in dieser Frage kein richtig oder falsch; jedem steht es frei, sich im Falle von Irak, Iran etc. zwischen dem traditionellen Gebrauch mit Artikel und dem amtlichen Gebrauch ohne Artikel zu entscheiden.

Sollte der Breisgau eines Tages unabhängig werden, so wird das Auswärtige Amt möglicherweise empfehlen, auch hier auf den Artikel zu verzichten. Dann wohnen Sie in Breisgau. Bis dahin jedoch wohnen Sie im Breisgau. Möge es Ihnen dort wohl ergehen!


Fliehen und flüchten

Lieber Zwiebelfisch, niemand, den ich bisher fragte, konnte mir den Unterschied zwischen "fliehen" und "flüchten" erklären, so es denn einen gibt. Meine Erklärungsversuche nach dem Motto "von einem Ort weg" oder "zu einem Ort hin" wurden jeweils durch Gegenbeispiele entkräftet. Ich hoffe, Sie flüchten sich nicht in irgendwelche Ausflüchte und bringen etwas Licht in dieses Dunkel.

Olaf Sinram, Berlin

Lieber Herr Sinram, der Unterschied zwischen "fliehen" und "flüchten" liegt im Antrieb. "Fliehen" bedeutet "schnell davonlaufen", daher hat auch der schnell davonhüpfende Floh seinen Namen. Wer flieht, der tut dies aufgrund eines selbst gefassten Entschlusses. "Flüchten" stammt aus dem alten Jäger- und Kriegsvokabular und bedeutet "in die Flucht geschlagen werden". Wer flüchtet, der tut dies meist gegen seinen Willen, weil er verjagt oder vertrieben worden ist. Daher werden Heimatvertriebene meistens Flüchtlinge und selten Geflohene genannt. Vielleicht erhellt dieses Beispiel den Unterschied:

Die ersten Dorfbewohner flohen vor dem Feind (= sie rannten aus freiem Entschluss davon), die letzten konnten nur noch flüchten (= sie wurden gegen ihren Willen vertrieben).



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