Fragen an den Zwiebelfisch Nur keine Torschusspanik!

Was hat es mit der berühmten Panik vor dem Tor auf sich? Geht es dabei ums Schießen oder ums Schließen? Und dürfen Produkte aus Papier papierhaft genannt werden? Leser stellen Fragen, der Zwiebelfisch gibt Antwort.


Elfmeterschütze Hajto (r., Schalke 04), Torhüter Kahn (Bayern München): Panik vorm Schuss aufs Tor?
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Elfmeterschütze Hajto (r., Schalke 04), Torhüter Kahn (Bayern München): Panik vorm Schuss aufs Tor?

Lieber Zwiebelfisch, jahrelang glaubte ich, dass man, wenn überhaupt, nur eine "Torschusspanik" haben könne. Nun höre ich aber immer wieder, dass meine Vorstellung einer Angst vor einem verzogenen Schuss aufs Tor nicht richtig sein soll. Heißt es tatsächlich "Torschlusspanik"? Wird da nicht irgendwas mit "Kurzschlussreaktion" verwechselt?

German Hammerl, Schweiz

Lübecker Holstentor: Wer zu spät kam, kam nicht mehr rein
DDP

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Antwort des Zwiebelfischs: Lieber Herr Hammerl, es heißt tatsächlich "Torschlusspanik". Dieser Ausdruck geht zurück auf frühere Zeiten, als Städte noch von Mauern umgeben waren. Allabendlich wurden die Tore geschlossen, wer es nicht rechtzeitig in die Stadt geschafft hatte, musste damit rechnen, die Nacht vor den Toren zu verbringen. Daher hasteten die Menschen bei Sonnenuntergang bisweilen wie in Panik auf die Stadttore zu, um nicht ausgesperrt zu bleiben. Verwandt mit der Tor(es)schlusspanik sind die Redewendungen "kurz vor Toresschluss" (gerade noch rechtzeitig) und "nach Toresschluss" (zu spät).

Im Fußball mag es auch so etwas wie Torschusspanik geben, eine Psychose, die zum Beispiel einen Elfmeterschützen heimsucht. Doch dieser Ausdruck gilt - im Unterschied zur Torschlusspanik - nicht als feststehende Wendung.


Lieber Herr Sick, da in unserem Geschäft viel von papierhaften Dokumenten geredet und geschrieben wird, möchte ich gerne wissen, ob es dieses Wort überhaupt gibt. Wenn es das nicht gibt, wie würde man den Unterschied zum elektronischen Dokument nennen?

Karin Rebuschat

Antwort des Zwiebelfischs: Liebe Frau Rebuschat, Ihr Gefühl hat Sie nicht getäuscht, das Wort "papierhaft" hört sich stark nach einer künstlichen Zusammensetzung an, die einem bürokratischen Hirn entsprungen ist.

Die bei der Bildung von Adjektiven verwendete abstrakte Endsilbe "-haft" steht hinter abstrakten Begriffen, also Dingen, die man nicht sehen oder anfassen, wohl aber fühlen oder sich vorstellen kann:

beispielhaft, dauerhaft, geisterhaft, glaubhaft, ekelhaft, fabelhaft, krankhaft, lebhaft, massenhaft, rätselhaft, sagenhaft, schauderhaft, schemenhaft, schleierhaft, schmerzhaft, zauberhaft
Adjektive, die von konkreten Begriffen abgeleitet werden (und was könnte konkreter sein als Materialien?), haben hingegen auch eine sehr konkrete Endung, nämlich -en, -ern oder -n:

blechern, eisern, golden, gläsern, hölzern, irden, kupfern, ledern, papieren, samten, silbern, stählern, steinern, tönern, wächsern, wollen
Freilich gibt es Ausnahmen, aber die Produkte, die ein Papierwarengeschäft verkauft, sollten getrost papieren genannt werden: papierene Dokumente, papierene Formulare. Man kann es sogar noch kürzer sagen, nämlich in einem Wort: Papierdokumente, Papierformulare. Es gibt noch ein weiteres Argument, das gegen "papierhaft" spricht: In der Endsilbe "-haft" klingt, ähnlich wie bei "-artig", ein vergleichendes "beschaffen wie" an. Etwas, das "sagenhaft" ist, ist "wie eine Sage", und was "wie ein Schemen" aussieht, erscheint uns schemenhaft. Produkte, die laut Angaben des Herstellers "papierhaft" sind, wären dieser Logik zufolge nicht aus Papier, sondern nur wie Papier, in Wahrheit aber womöglich aus Kunststoff. Vielleicht sollte man die Artikel, die als "papierhaft" gehandelt werden, noch einmal sehr kritisch auf ihre Zusammensetzung prüfen.

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