Fragen an den Zwiebelfisch Was vom Apfel übrig blieb

Wie wird das Wort "radebrechen" konjugiert und woher stammt es? Wie lautet die korrekte Befehlsform von "feiern"? Und welche Begriffe gibt es für den Rest des Apfels? Leser stellen Fragen, der Zwiebelfisch gibt Antwort.


Paul McCartney: Radbruch in Berlin?
AP

Paul McCartney: Radbruch in Berlin?

Lieber Zwiebelfisch, beim Lesen einer renommierten Berliner Tageszeitung stolperte ich in einem Bericht über Paul McCartney über folgende Formulierung:

"McCartney hat diesen Blick des ewig unbedarften Jungen auch mit 60 noch gut konserviert, dem man nur schlecht böse sein kann. Auch dann nicht, als er ein paar Kinderverse auf Deutsch radebrach."

Dass McCartney Probleme mit der deutschen Sprache hat, ist verzeihlich und nicht weiter überraschend. Aber es stellt sich doch die Frage, wer "radebrach" hier mehr?

Ernst Dornemann, Berlin

Antwort des Zwiebelfischs: Lieber Herr Dornemann, Ihre Zweifel sind durchaus berechtigt, das Verb "radebrechen" wird tatsächlich regelmäßig gebeugt: er radebrecht (nicht: radebricht), er radebrechte (nicht: radebrach), er hat geradebrecht. Das Wort geht ins finstere Mittelalter zurück, als Übeltäter für ihre Vergehen noch aufs Rad gebunden wurden (daher auch: gerädert), wo man ihnen dann alle Knochen brach. In späteren Jahrhunderten erlangte es die Bedeutung "quälen", und seit dem 17. Jahrhundert bezeichnet "radebrechen" das Schinden einer Sprache. Obwohl mit dem unregelmäßig gebeugten Verb "brechen" verwandt, hat "radebrechen" als feste Fügung einen anderen Konjugationsweg eingeschlagen.


Sehr geehrter Herr Sick, derzeit streite ich mit einem Bekannten über die Frage, was nun richtig ist:"Feiere deinen Geburtstag" oder "Feier deinen Geburtstag" oder "Feier' deinen Geburtstag"?

Peter Schmidt

Antwort des Zwiebelfischs: Lieber Herr Schmidt,"feiere" ist zweifellos der korrekte Imperativ.Bei Verben auf -eln und -ern wird der Imperativ Singular mit -e gildet. Allerdings kann dabei das unbetonte "e" in der Wortmitte wegfallen.

"Sammle die Hefte ein!" statt "Sammele die Hefte ein", "Schmettre deine Bälle nicht so!" statt "Schmettere deine Bälle nicht so!" - Daher erlaubt die Hochsprache neben "Feiere deinen Geburtstag" auch "Feire deinen Geburtstag".

In der Umgangssprache fällt heute zumeist das "e" am Wortende weg: Aus "feiere" wird "feier", aus "sammele" wird "sammel", aus "wickle" wird "wickel". Mein Grammatikbuch aus dem Jahre 1995 sieht diese Formen gar nicht vor, daher galten sie wohl - zumindest vor zehn Jahren - noch nicht als salonfähig.

Das könnte sich inzwischen geändert haben. Zumindest im norddeutschen Raum wird niemand daran Anstoß nehmen, wenn Sie ihn auffordern: "Nun feier mal schön deinen Geburtstag!" Auf einer teuren Glückwunschkarte ist die vollständige Form "Feiere" zu bevorzugen. Denn wer 2,95 Euro für eine hübsch bedruckte Karte ausgibt, der sollte nicht plötzlich am "e" sparen.

Falsch ist allein die Form mit Apostroph (Feier'). Beim Wegfall des Endungs-"e" wird nie ein Apostroph gesetzt.


Apfel, vom Zwiebelfisch persönlich abgenagt: Zwiebelgriebsch? Fischbutzen?
SPIEGEL ONLINE

Apfel, vom Zwiebelfisch persönlich abgenagt: Zwiebelgriebsch? Fischbutzen?

Hallo Zwiebelfisch! Der Rest des Apfels, bestehend aus Stengel, Blüte und Kerngehäuse, heißt auf Hessisch Grotzen, auf Schwäbisch und Bayerisch Butzen, auf Berlinerisch Griebsch und auf Rheinländisch Kitsche. Kennen Sie noch weitere regionale Bezeichnungen dafür? Und gibt es auch ein hochdeutsches Wort? Vielen Dank und beste Grüße,

Dirk Weber

Antwort des Zwiebelfischs: Lieber Herr Weber, manche Menschen sammeln Euro-Münzen, andere sammeln Ü-Ei-Figuren, Sie sammeln offenbar mundartliche Wörter für abgenagte Kerngehäuse. Das ist mal was Neues! Bei meinen Recherchen bin ich auf Griebs, Butzen, Grotzen und Ketsche gestoßen. Jedes dieser Wörter kennt mehrere Varianten, mal mit "n" am Ende, mal ohne, mal härter, mal weicher ausgesprochen. In meiner norddeutschen Heimat pflegt man wie in Berlin "Griebsch" zu sagen; ein Kollege, der aus Hessen stammt, fing sogleich an, von "Abbelkrotze" zu babbeln, wobei "Abbel" natürlich für "Apfel" steht und "Krotze" dem Wort "Grotzen" sehr ähnlich klingt. Zwei andere Kollegen Hamburger Herkunft riefen wie aus einem Munde: "Apfelknust!" Laut Lexikon bezeichnet Knust nur das Endstück des Brotes, aber in Hamburg unterscheidet man offenbar zwischen Brotknust und Apfelknust.

Ein hochdeutsches Wort könnte Strunk sein. Als Strünke werden allgemein die harten, ungenießbaren Teile einer Pflanze bezeichnet, so gibt es Kohlstrünke ebenso wie Apfelstrünke.

Vielleicht kennen unsere Zwiebelfisch-Leser ja noch weitere Varianten und können uns sagen, wo diese gesprochen werden. Dann bitte eine kurze E-Mail an den Zwiebelfisch (Adresse siehe unten), Stichwort "Kerngehäuse". Sollten sich weitere mundartliche Begriffe finden, werde ich sie an dieser Stelle veröffentlichen.


Sehr geehrter Herr Sick, da ich ein technisches Fach studiere, habe ich mit "nummerischer Strömungssimulation" zu tun. Und genau da liegt das Problem. Schreibt man nun "nummerisch" oder "numerisch"? Im Duden mit den neuen amtlichen Rechtschreibregeln steht "nummerisch". Diese neuen Regeln wende ich nun an, aber niemand glaubt mir, dass 'nummerisch' richtig geschriebenist. Erst bei Vorlage des Dudens kann ich überzeugen. Nun habe ich Bewerbungen geschrieben, indenen ich mein Gebiet der "nummerischen Strömungssimulation" erwähne. Als ich diese Bewerbungen einem Bekannten zur Durchsicht gab, empfahl er mir, "numerisch" weiterhin nur mit einem "m" zu schreiben. Was raten Sie mir? Natürlich möchte ich korrekte Bewerbungen verschicken, will aber nicht, dassdie Personalabteilung meine Bewerbung gar nicht beachtet, weil das Anschreiben schon fehlerhaft ist. Ich kann ja nicht in meinen Bewerbungen darauf hinweisen, dass ich die neue Rechtschreibung verwende. Haben Sie eine Idee?

Björn T.

Antwort des Zwiebelfischs: Sehr geehrter Herr T., zwar steht im Duden (23. Auflage, 2004) das Wort "nummerisch" mit Doppel-m, doch ebendort steht auch nach wie vor das Wort "numerisch", und zwar direkt hinter "Numerik". Demnach ist die Schreibweise mit einem "m" nach wie vor erlaubt.

Unter "nummerisch" finden Sie den Hinweis: "für numerisch"
Und unter "numerisch" steht: "zahlenmäßig, der Zahl nach; mit Ziffern [verschlüsselt]"

Da das Wort "numerisch" anders betont wird als alle anderen Wörter, die sich von der "Nummer" ableiten, nämlich nicht auf der ersten Silbe, sondern auf dem "e", und weil das "u" in "Numerik" und "numerisch" zudem ein langes "u" ist, spricht einiges dafür, die klassische Schreibweise mit einem "m" beizubehalten.

Das Wort "nummerisch" ist im Duden übrigens nicht rot, sondern schwarz gedruckt, daraus kann man schließen, dass es sich - anders als im Fall des Wortes "nummerieren" - nicht um eine geänderte Schreibweise auf Grundlage der Rechtschreibreform handelt, sondern dass die Schreibweise mit Doppel-m schon früher existierte - parallel zu der wissenschaftlichen Form.

Meine Empfehlung: Da Sie sich auf dem Gebiet der Wissenschaft bewegen, die nach wie vor "Numerik" heißt und nicht "Nummerik", sollten Sie getrost die Ableitung "numerisch" verwenden. Ich wünsche für Ihre Bewerbungen viel Erfolg!


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