Zwiebelfisch: Das Verflixte dieses Jahres

Von Bastian Sick

"Wir haben zum 1. Januar diesen Jahres die Steuern gesenkt", verkündet die Regierung stolz. Das ist natürlich erfreulich, auch wenn es leider nicht richtig ist; denn diese Aussage enthält einen Fehler. Der ist allerdings so weit verbreitet, dass er kaum noch auffällt. Auch die Presse hat ihn gefressen. Journalisten rechnen immer mit dem schlimmsten Fall, nur nicht mit dem zweiten.

Der Schatten diesen Wolfs ist überall!
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Der Schatten diesen Wolfs ist überall!

Munter singend läuft das Rotkäppchen durch den Wald, in der Hand den Korb mit Kuchen und Wein für die Großmutter. Da erscheint der Wolf und spricht: "Hallo, mein Kind, so spät noch unterwegs?" - "Grüß dich, Wolf!", ruft das Rotkäppchen furchtlos, "wie geht's?" - "Phantastisch!", sagt der Wolf, "ich habe mir Anfang diesen Jahres einen roten Sportwagen gekauft, der ist einsame Spitze! Wenn du willst, kann ich dich ein Stück mitnehmen!" - "Einen Sportwagen? Ich glaub dir kein Wort!" - "Doch, doch, er steht gleich dort drüben zwischen den dunklen, finsteren Tannen, hähä." - "Der ist doch bestimmt geklaut!", sagt das Rotkäppchen. Der Wolf hebt feierlich die Pfote: "Ich schwör bei deiner roten Kappe, ich habe ihn gekauft! Das heißt, vorläufig noch geleast, aber spätestens im Sommer diesen Jahres gehört er mir. Was ist, Bock auf eine Spritztour?" - "Nein danke", erwidert das Rotkäppchen, "ich gehe lieber zu Fuß." Und naseweis fügt es hinzu: "Übrigens heißt es 'zu Anfang und im Sommer dieses Jahres'." Damit springt es singend davon. Der Wolf denkt verächtlich: "Blöde Göre! Ob ich dich im Sommer diesen Jahres oder im Sommer dieses Jahres fresse, worin liegt da der Unterschied? Fressen werde ich dich so oder so!"

Jacob Grimm war nicht nur berühmter Märchensammler, sondern auch ein bedeutender Sprachwissenschaftler*. Mit seinem "Deutschen Wörterbuch" legte er den Grundstein für die Vereinheitlichung der deutschen Sprache. Sein Wolf hätte daher auch die korrekte Beugung des Demonstrativpronomens "dieses" gewusst. Der Wolf in obiger Rotkäppchen-Variation indes kennt sich nicht aus mit der Grammatik, vielleicht handelt es sich bei ihm um einen Wes-Wolf (eine Nebenform des Wer-Wolfs), vielleicht hat er aber auch einfach nur zu viel ferngesehen oder Zeitung gelesen, denn dort wird einem die falsche Genitiv-Form pausenlos um die Ohren geschlagen.

"Die Bundesregierung will ... den Zivildienst im Herbst diesen Jahres von zehn auf neun Monate kürzen", schreibt zum Beispiel die "Bild"-Zeitung am 13. Januar. Und bereits am 9. Januar wies die "WAZ" darauf hin, dass die Bewerbungsfrist für die Kulturhauptstadt Europas "im März diesen Jahres" abläuft.

Doch die Wes-Wölfe hausen längst nicht nur im Boulevard-Journalismus, sondern überall: "Nach derzeitigem Stand will die EU Ende diesen Jahres über einen solchen Fahrplan entscheiden." ("Süddeutsche Zeitung") "Mit einem neuen Gesetz will die rot-grüne Bundesregierung ab Sommer diesen Jahres die Schwarzarbeit in Deutschland stärker bekämpfen." ("Tagesspiegel")

Selbst das Presse- und Informationsamt der Bundesregierung gibt voller Stolz bekannt: "Wir haben gerade zum 1. Januar diesen Jahres die Steuern gesenkt." Da glaubt man in Berlin endlich einmal etwas richtig gemacht zu haben, und prompt enthält es wieder einen Fehler.

Besonders schwer haben es die Rotkäppchen in Ostdeutschland - im sächsischen Blätterwald lauern die Wölfe gleich rudelweise. In der "Sächsischen Zeitung" gibt es fast täglich mindestens eine Stelle, an der die falsche Genitiv-Form zum Einsatz kommt. Drei Beispiele, alle in einer einzigen Ausgabe (vom 9. Januar dieses Jahres) gefunden:

· Im Sommer diesen Jahres soll der Umbau des Gebäudes abgeschlossen werden.
· Ende diesen Jahres wird bestimmt wieder ein immergrüner Baum in Bischofswerda den Altmarkt schmücken.
· Bei der Sportlerehrung im Landratsamt Bautzen wurden im März diesen Jahres auch zwei Wehrsdorfer ... geehrt.


Man ist schon versucht zu glauben, dies sei der berühmte sächsische Genitiv, von dem man im Schulunterricht gehört hat. Doch die Ver-Beugung dieses Pronomens ist ein gesamtdeutsches Phänomen. Mag die Sprache uns bisweilen auch trennen, die Sprachirrtümer führen uns wieder zusammen.

Das Ende dieses Jahres kommt bestimmt. Doch wann ist endlich Schluss mit dem Ende diesen Jahres?
DDP

Das Ende dieses Jahres kommt bestimmt. Doch wann ist endlich Schluss mit dem Ende diesen Jahres?

Die inflationäre Ausbreitung der falschen Fallbildung vor dem "Jahres"-Wort erregt Besorgnis und sorgt für Erregung. Immer wieder erreichen den "Zwiebelfisch" Hilferufe und entrüstete Appelle von Lesern, die den Unsinn dieses (!) Ausdrucks anprangern und eine bundesweite Klarstellung fordern. Sie haben dabei die Grammatik ganz klar auf ihrer Seite. Man spricht ja auch nicht vom "Zauber diesen Augenblicks" oder vom "Ende diesen Liedes", und ebenso wenig war Maria "die Mutter diesen Kindes". Noch gilt dies als falsch. Einen Tages wird es womöglich anders sein.

Wer dieses sagt, der muss auch jenes sagen. Wer also vom "Herbst diesen Jahres" spricht, der muss auch den "Frühling jenen Jahres" für richtig halten. Und tatsächlich: An die "Terroranschläge vom 11. September jenen Jahres" erinnert man sich bei der "WAZ", und die "Frankfurter Rundschau" schreibt zum Jubiläum einer bunten Schweizer Armbanduhr: "Ganze zwölf Modelle waren es zunächst, die im Herbst jenen Jahres für einheitlich 50 Franken in den Handel kamen." Das Verflixte dieses Jahres liegt an seiner Ähnlichkeit mit anderen Wendungen, die ihrerseits völlig korrekt sind: im Herbst letzten Jahres, im Mai vergangenen Jahres, im Sommer nächsten Jahres - stets endet das Attribut auf -n; und auch "die Wurzel allen Übels" mag als Vorbild gedient haben, denn: im Fall des zweiten Falles heißt "alles" nicht mehr "alles". So trat "diesen" durch Analogiebildung vor das Wort "Jahres" und vertrieb "dieses" von seinem angestammten Platz.

Die Rotkäppchen dieses Landes trifft ein hartes Los. Im Haus der Großmutter angekommen, findet das brave Kind die alte Dame seltsam verändert vor. "Großmutter, was hast du für große Ohren?", fragt es verwundert. Die vermeintliche Großmutter lässt die Zeitung sinken, schielt über den Rand der dicken Brille und sagt: "Kindchen, Kindchen, nerv mich nicht mit deinen Fragen! Stell den Wein auf den Tisch und scher dich weg! Ich verdaue gerade deine zähe Oma und will bis zum Ende diesen Winters meine Ruhe!"

dieser, diese, dieses
männlich weiblich sächlich
Nominativ dieser Mann diese Frau dieses Jahr
Genitiv dieses Mannes dieser Frau dieses Jahres
Dativ diesem Mann(e) dieser Frau diesem Jahr(e)
Akkusativ diesen Mann diese Frau dieses Jahr


*Hinweis an die Leser aus Österreich: In Deutschland sagt man tatsächlich Wissenschaftler mit "l". Die Form Wissenschafter ist eine österreichische Variante.


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