Zwiebelfisch Der mit dem Maul wirft

Sind Windhunde schnell wie der Wind? Reifen Schattenmorellen am besten im Schatten? Wurden am Rosenmontag einst Rosen unters Volk geworfen? Die Antwort lautet in allen Fällen: nein! Denn keines der Wörter hat mit dem zu tun, wonach es aussieht.


Ich war gerade sieben Jahre alt, als ich zum ersten Mal von einer äußerst mysteriösen Krankheit hörte, die offenbar sehr gefährlich war. Ich kannte bis dahin nur Windpocken, Masern und Scharlach - nichts, was sich nicht mit Bettruhe, Gummibären und Comicheften kurieren ließ. Aber nun war ein Mitschüler an Hepatitis erkrankt. Die Schulleitung war sehr besorgt, und aus Angst vor einer Ansteckung wurden wir alle nach Hause geschickt. Hepatitis sagte damals allerdings nur der Arzt, die Leute bei uns im Dorf sprachen von Gelbsucht.

Hat ein Maul zum Fressen, doch die Erde wirft er mit den Pfoten: Der Maulwurf
DDP

Hat ein Maul zum Fressen, doch die Erde wirft er mit den Pfoten: Der Maulwurf

Ich verstand etwas anderes, "Gelbsucht" ergab für mich jedenfalls keinen Sinn, denn wie sollte man nach einer Farbe süchtig werden können? Meiner Mutter erklärte ich, dass ein Kind in meiner Klasse die Geldsucht bekommen habe. Ich machte mir viele Gedanken deswegen. Konnte man an Geldsucht sterben? Oder darüber den Verstand verlieren? Hatte ich mich womöglich schon angesteckt? Immerhin hatte ich in letzter Zeit doch häufiger daran gedacht, meinen Vater um eine Taschengelderhöhung zu bitten! Eine große Angst erfasste mich. Ich nahm mein Sparschwein, gab es meiner Mutter und bat sie, es bis auf weiteres vor mir zu verstecken. Als ich schließlich erfuhr, dass die Krankheit gar nichts mit Geld zu tun habe, war ich sehr erleichtert.

Derlei Missverständnisse kennt wohl ein jeder von uns. Meine Freundin Sibylle glaubte als Kind an Knecht Huprecht, an Renntiere und an Eisbärsalat. "Wat man nich' selber weiß, dat muss man sich erklären", wusste der großartige Jürgen von Manger zu singen, und so haben sich die Menschen immer schon ihren eigenen Reim auf Dinge gemacht, die sie nicht verstanden.

Das ist ein ganz natürlicher Vorgang, dem der Duden und der Wahrig einige schöne, klangvolle Einträge zu verdanken haben. Im Laufe der Sprachgeschichte ist so manche Wortbedeutung in Vergessenheit geraten, und wann immer man sich unter einem bestimmten Wort nichts mehr vorstellen konnte, hat man stattdessen ein anderes gewählt, das ähnlich klang. Nicht selten erfuhr das Wort dadurch eine neue Deutung, die mit dem ursprünglichen Sinn nicht viel zu tun haben musste. So entstanden Wörter wie Affenschande, Windhund und Rosenmontag.

Letzter hat seinen Namen nämlich nicht etwa von Rosen, sondern vom Rasen. "Rasender Montag" sagte man einst, weil das feierlustige Volk schon zu früheren Zeiten am Rosenmontag außer Rand und Band geriet. Der Windhund mag vielen zwar "schnell wie der Wind" erscheinen, doch verdankt er seinen Namen dem slawischen Volk der Wenden: Windhund bedeutet "wendischer Hund". Und auch die Affenschande ist nicht das, wonach sie aussieht, jedenfalls hat sie nichts mit Affen zu tun. Der niederdeutsche Ausdruck "aapen schann" bedeutete nichts anderes als "offene (öffentliche) Schande".

  • 1. Teil: Der mit dem Maul wirft
  • 2. Teil


© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.