Zwiebelfisch Die reformierte Reform

Deutschland starrt wie gebannt auf das zähflüssigste Reformwerk aller Zeiten: die Neuordnung der Rechtschreibung. Die Kultusminister der Länder stimmen heute in Berlin über die endgültige Form ab. Die ist ein Kompromiss - aber einer, mit dem sich's leben lässt.

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Am Montag hat der Rat für deutsche Rechtschreibung seine Änderungsempfehlungen abgegeben, heute wird die Kultusministerkonferenz in Berlin über Annahme oder Ablehnung dieser Empfehlungen entscheiden. Mit einer Ablehnung ist nicht zu rechnen. Erstens kann sich die Reform, die ab August verbindlich für alle Schüler und alle Behörden gelten soll, eine weitere Verzögerung nicht leisten. Und zweitens stellen die Empfehlungen des Rates einen Kompromiss dar; und Kompromisse sind das Einzige, was in Zeiten Großer Koalitionen eine Chance hat.

Der Mensch hat immer eine Wahl: Er kann Bankrott gehen oder bankrottgehen
DPA

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Wenn man bedenkt, dass die Väter der Reform sehr viel radikalere Ideen hatten, dass ursprünglichen Plänen zufolge sogar die Großschreibung von Hauptwörtern abgeschafft werden sollte, dann ist die Reform in ihrer jetzigen Form kaum mehr als eine harmlose kosmetische Korrektur der alten Orthographie. Ein kleines Känguru hier, ein süßer Delfin da - damit lässt sich leben. Wer empört ausruft, die Abschaffung des "ph" sei ein Sakrileg, der sei nur darauf hingewiesen, dass Wörter wie Fotografie und Telefon schon seit vielen Jahrzehnten ohne "ph" geschrieben werden. Also werden wir uns auch an den Delfin gewöhnen.

Was ich von der Rechtschreibreform halte und was ich anders gemacht hätte, wurde ich oft gefragt. Vor der Arbeit der Reformatoren habe ich großen Respekt. Es ist beileibe nicht einfach, ein jahrhundertealtes Kulturgut zu bearbeiten, noch dazu ein so heiliges wie unsere Rechtschreibung. Um die Regeln der Schriftsprache vereinfachen zu können, muss man sie sehr genau kennen. Das ist bei den Mitgliedern der Kommission zweifellos der Fall - bei ihren Kritikern hingegen nicht immer.

Infratest hat eine Umfrage durchgeführt, die zu folgendem Ergebnis kam: Mehr als zwei Drittel der Deutschen (nämlich 68 Prozent) schreiben weiterhin nach den klassischen Rechtschreibungsregeln. Nur 19 Prozent richten sich komplett nach der neuen Regelung, und 12 Prozent verwenden dagegen eine Mischung aus alter und neuer Rechtschreibung.

Diese Angaben setzen freilich voraus, dass die Befragten genau wussten, was alte und was neue Rechtschreibung ist. Daran habe ich so meine Zweifel. Wie oft schon habe ich Briefe bekommen, in denen mir Leser mitteilten, sie würden die Reform einfach ignorieren und bei der alten Rechtschreibung bleiben.

Dagegen ist zunächst auch nichts zu sagen, das ist jedermanns Recht, solange er nicht mehr zur Schule geht oder im Staatsdienst arbeitet. Wenn diese Leser dann aber als Beispiel das Wort "Albtraum" anführten, das sie immer schon mit "b" geschrieben hätten, weil es doch nichts mit den Alpen zu tun habe, sondern mit Alben (= Elfen), dann wurde mir klar, dass diese Leser nicht gründlich informiert waren: Denn die Schreibweise "Albtraum" ist die neue! Nach klassischer Rechtschreibung war allein die Schreibweise "Alptraum" zulässig; bis zum Inkrafttreten der Reform im August des Jahres 1998 galt die Schreibweise mit "b" als falsch. Ebenso irren viele Deutsche, die der Überzeugung sind, das Eszett sei durch die Reform komplett abgeschafft. "Freundliche Grüsse" sind nur in der Schweiz korrekt, und das wiederum schon seit 70 Jahren. In Deutschland schreibt man nach wie vor "Freundliche Grüße".

Dass man Mayonnaise jetzt auch Majonäse schreiben kann und Ketchup auch mit sch (Ketschup), hat mich nie gestört. Auch platzieren mit "tz" und nummerieren mit "mm" hielt ich für akzeptabel. Fremdwörter sind schließlich schon immer eingedeutscht worden. Wer würde heute die Zigarette noch mit C schreiben wollen? Vor einiger Zeit stöhnte mir jemand vor, er könne die Schreibweise "platzieren" mit "tz" nicht ertragen. Das sei doch ein Fremdwort und müsse daher mit "z" geschrieben werden. Ihm würde es in den Augen brennen, wenn er das sähe! Ich hatte wenig Mitleid mit ihm: "Wenn Sie gegen die Eindeutschung von Fremdwörtern sind, warum beharren Sie dann auf 'plazieren' mit z? Früher schrieb man es mit 'c': placieren, denn es kommt vom französischen Wort placer. Die Form 'plazieren' war bereits eine halbe Eindeutschung. Mögen Sie lieber halbe Sachen als Ganze?" Darauf wusste er dann erst einmal nichts zu erwidern.

Wenn es Gründe gab, sich über die Reform zu ereifern, dann lagen die nicht in neuen Schreibweisen wie Biografie und Portmonee. Einige Änderungen wurden ja sogar begeistert aufgenommen. Zum Beispiel die Abschaffung der Regel "Trenne nie s-t, denn es tut ihm weh", für die es keine überzeugende Begründung mehr gab, seit Ligaturen aus der Mode geraten sind. Zahlreiche Befürworter fand auch die neue ss/ß-Regel, die ein Eszett (das sogenannte scharfe "s") nur noch hinter langen Vokalen und Diphthongen (ei, au, äu, eu) zulässt. Hinter kurzen Vokalen steht indes Doppel-s, auch am Wortende: der Fluss (kurzes u), das Floß (langes o); der Schlosshund (kurzes o), der Schoßhund (langes o), der Strass (kurzes a), die Straße (langes a). Schließlich wurde auch der Beschluss, substantivierte Adjektive in Fügungen wie "im Stillen", "im Dunkeln", "im Allgemeinen" großzuschreiben, willkommen geheißen.

Das wesentliche Problem - und somit erheblicher Nachbesserungsbedarf - zeigte sich auf dem Gebiet der Zusammen- und Getrenntschreibung. Da waren nämlich Wörter auseinander gerissen worden, die in zusammengeschriebener Form nie ernsthafte Probleme bereitet hatten. Der diensthabende Offizier war zum Dienst habenden Offizier degradiert worden, der gutaussehende Schauspieler musste sich mit der Rolle des gut aussehenden Schauspielers abfinden, und die milchproduzierende Wirtschaft war stillgelegt worden und durfte als Milch produzierende Wirtschaft neu anfangen. Die autofahrende Bevölkerung war zur Auto fahrenden Bevölkerung geworden, und die selbstgemachte Konfitüre war plötzlich nur noch als selbst gemachte Konfitüre zu haben.

Die blindwütige Trennung natürlich zusammengewachsener Wörter war es, die schließlich auch die Intellektuellen der Republik gegen die Reform aufbrachte. Weitreichende Maßnahmen sollten nur noch weit reichend sein, grundlegende Veränderungen hingegen grundlegend bleiben - weil "weit" ein steigerungsfähiges Adjektiv ist, "grund" hingegen ein "verblasstes Hauptwort".

Die Reform wollte die Orthografie vereinfachen, stattdessen wurde die Sache immer komplizierter: Denn bevor man wissen konnte, ob man zwei Wörter, die zusammen einen neuen Begriff ergaben, getrennt oder zusammenschreiben darf, musste man sich Klarheit über die Wortart verschaffen: Ist der erste Teil ein Adjektiv, wenn ja, lässt es sich womöglich erweitern oder gar steigern? Ist der zweite Teil ein Partizip? Und was ist überhaupt ein Partizip? Die Sache wurde immer undurchschaubarer.

Das Orakel...

Das Orakel...

Günter Grass empörte sich, Marcel Reich-Ranicki empörte sich, das schien zu wirken. Jedenfalls wurde die Reform "partiell modifiziert", wie es so schön hieß. Auf gut Deutsch: Man versuchte zu retten, was zu retten war, indem man den größten Unfug möglichst diskret wieder rückgängig machte. Der ehemals frischgebackene Ehemann, der seit 1998 ein "frisch gebackener" Ehemann war, durfte 2004 wieder als frischgebackener Ehemann auftreten. Überhaupt war jetzt sehr viel von "kann"-Bestimmungen und von "sowohl als auch" die Rede. Das machte es für die Deutschlehrer nicht gerade leichter, half aber, das laute Gezeter der Reformgegner zu dämpfen. Ein Kompromiss eben. Den ersten Modifizierungen folgten weitere. Inzwischen ist die Reform ein Regelwerk aus lauter Zugeständnissen. Und dieses gilt es nun am Freitag per Beschluss zu besiegeln.

Dem Gesetzgeber tut es längst leid, dass er die Rechtschreibung überhaupt je zur Reformsache gemacht hat. Zwischendurch tat es ihm Leid (mit großem L), und nun doch wieder leid. Die Lehrer und Schüler, die von "leid tun" auf "Leid tun" umdenken mussten und sich nun an "leidtun" gewöhnen sollen, können einem nur leid ... Leid ... also, die kann man nur bedauern.

Mit dem Beschluss der Kultusminister geht eine der längsten Arien der Operngeschichte zu Ende. Und zum Glück keine A-rie der O-perngeschichte, denn die ästhetisch äußerst fragwürdige Entscheidung, einzelne Vokale abtrennen zu dürfen (Bi-omüll, Zwecke-he), soll ebenfalls wieder rückgängig gemacht werden.

... von Duden (1905)

... von Duden (1905)

Kann sich die Geschichte wiederholen? Im Jahre 1901 hatte es schon einmal eine Reform der deutschen Rechtschreibung gegeben, die aus nichts anderem als Kompromissen zu bestehen schien. 1905 bemerkte Konrad Duden im Vorwort zur achten Auflage seines Wörterbuches: "Zwar hat man überall das von der Orthographischen Konferenz Geschaffene als zu Recht bestehend anerkannt, weder sind neue Reformvorschläge ans Licht getreten, noch hat man auf seiten der Gegner jeder Reform durch aktiven und passiven Widerstand das Werk zu hemmen versucht: es gilt unbestritten überall.

Und doch würde man irren, wenn man glaubte, die 'Orthographische Frage' sei mit der Herausgabe der von den Regierungen aufgrund der Konferenzbeschlüsse veröffentlichten amtlichen Regelbücher glücklich zur Ruhe gelangt; sie ist vielmehr für verschiedene Kreise wieder lebhaft in Fluß gekommen. [...] Das Ergebnis der Orthographischen Konferenz von 1901 war nur dadurch zustande gekommen, daß die Anhänger verschiedener Richtungen sich gegenseitig Zugeständnisse machten. Das geschah meistens durch Zulassung von Doppelschreibungen." Entweder hatte ich eben ein ganz starkes Déjà-vu, oder Konrad Duden war nicht nur Herausgeber eines Wörterbuchs, sondern nebenbei auch noch das Orakel von Delphi. Oder schreibt man das jetzt Delfi?

Als reformierte Reform wird die Reform der Rechtschreibung eine Chance haben. Einige prominente Verweigerer haben bereits signalisiert, dass sie ihren Widerstand gegen die neue Orthographie aufgeben werden. Andere wollen von der Reform nach wie vor nichts wissen. Für beide Standpunkte habe ich Verständnis. Meine Empfehlung: Wer sich an den Delfin mit "f" partout nicht gewöhnen mag, der soll ihn ab sofort Phlipper schreiben.

E-Mails an den Zwiebelfisch bitte ausschließlich an diese Adresse schicken:

zwiebelfisch@bastiansick.de

Anschrift für Postsendungen:

Bastian Sick
Am Sandtorkai 56
20457 Hamburg



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