Zwiebelfisch Die Ruderregatta

Warum müssen Politiker eigentlich immer zurückrudern - wieso schreibt niemand darüber, wenn sie irgendwo hinrudern? Warum wird Geld nicht mehr eingenommen, sondern nur noch gespült? Ab und zu sollte man populären Redewendungen ruhig auf den Zahn fühlen. Einige beginnen nämlich schon zu faulen.


Beim Rudern gibt's nur eine Richtung: zurück
DDP

Beim Rudern gibt's nur eine Richtung: zurück

Da sitzt er, der arme Bundeskanzler, mit triefendem Jackett, die Haare zersaust, in dieser kläglichen Nussschale, die unaufhaltsam auf einen tosenden Wasserfall zutreibt, und stemmt sich mit aller ihm verbliebenen Kraft in die Riemen. Wird er es noch schaffen?

Dieses dramatische Bild erscheint bisweilen vor meinem geistigen Auge, wenn ich irgendwo mal wieder lese: "Schröder rudert zurück". Und das kommt erschreckend häufig vor. Aber nicht immer zuckt es derart dramatisch in meinem Hirn. Mitunter sehe ich den Kanzler auch einfach in einem ruhigen Kahn auf dem Steinhuder Meer, ihm gegenüber Doris unterm gepunkteten Sonnenschirmchen, zu seinen Füßen einen Picknickkorb mit einer geöffneten Rotweinflasche. "Wo steuerst du hin?", fragt Doris orientierungslos. "Ich rudere zurück!", erwidert Gerhard entschlossen. Am Ufer ein Rudel Reporter, Kameras werden in Stellung gebracht, klick, klick, und noch am selben Abend die Meldung im Fernsehen: "Schröder rudert zurück."

Mit den sprachlichen Bildern ist das so eine Sache. Wenn sie einmal in Mode gekommen sind, dann sind sie von der Festplatte der Journalisten nur schwer wieder zu löschen. Und wer ist in den letzten Monaten und Jahren nicht alles schon zurückgerudert? Nach ihrem Kniefall in Washington vor dem fleischgewordenen Denkmal des amerikanischen Imperialismus, für den sie sich hier zu Lande reichlich Schelte einhandelte, stand über die Parteichefin der CDU prompt zu lesen: "Angela Merkel rudert zurück." Ein ziemlich weiter Weg, so quer über den Atlantik...

Auch Fischer, Trittin und Westerwelle rudern immer mal wieder zurück. Seltsam nur, dass man nie liest, wie jemand hinrudert. Man ertappt ihn immer erst beim Zurückrudern. Vielleicht eine Sparmaßnahme des Bundes? Hinfahrt in der gepolsterten Limousine oder im Guidomobil, zurück dann bitte per Ruderkahn. Sicherlich gibt's auch hierbei die Möglichkeit, Bonusmeilen zu sammeln. So oft, wie Gerhard Schröder schon zurückgerudert ist, steht ihm zweifellos die eine oder andere Gratisfahrt im Tretboot zu.

Nichts geht über gut gespültes Geld
DPA

Nichts geht über gut gespültes Geld

Pecunia non olet, Geld stinkt nicht, soll schon Kaiser Vespasian gesagt haben, als ihn sein Sohn dafür tadelte, dass er römische Bedürfnisanstalten mit einer Steuer belegt hatte. Wenn dieser Ausspruch auch heute noch gilt, so vielleicht deshalb, weil das Geld so oft gespült wird.

Geld einnehmen, auftreiben oder womöglich verdienen - das ist stilistisch passé. Heute wird Geld in die Kassen gespült, und zwar im Akkord:

"Um die Verluste auszugleichen, kündigte die weitgrößte deutsche Geschäftsbank am Donnerstag eine Kapitalerhöhung an, die dem Institut mindestens drei Milliarden Euro in die Kassen spülen soll", meldet die "Berliner Zeitung". Und der "Kölner Stadt-Anzeiger" berichtet: "Die Vignette kommt wieder und soll mit 40 Millionen Euro pro Monat rund ein Drittel der Mauteinnahmen in die Kassen spülen." - " Vor fünf oder sechs Jahren konnte der Hallenfußball noch das eine oder andere Milliönchen in die Kassen spülen", schreibt die "Frankfurter Rundschau", und in der "Financial Times Deutschland" erfährt man: "Im Vorjahr hatten die schnittigen Züge noch rund 57 Millionen Euro Gewinne in die Kassen der Bahn AG gespült."

Dies sind nur ein paar Beispiele von Tausenden, bei denen in jüngster Zeit irgendwelche Gelder in irgendwelche Kassen gespült wurden. Diese Form der Geldwäsche ist juristisch zwar völlig legal - stilistisch allerdings ist sie, spätestens nach der tausendsten Wiederholung, ein Verbrechen.

Die Metapher lässt an Wogen von Bargeld denken, an donnernde Brandung, die sich schäumend über den Strand ergießt und einen Haufen glitzernder Münzen und durchnässter Geldscheine zurücklässt. Oder an Dagobert Duck, der im gestreiften Badeanzug beglückt in ein Meer aus Talerstücken hüpft.

Woher das Geld kommt, wie hart es erarbeitet werden musste, das spielt keine Rolle. Es ist einfach da, wogt hin und her und schwappt in die offenen Kassen hinein. Das mag im Comic funktionieren, mit der Wirklichkeit hat es nichts tun.

Pecunia non olet? Geld vielleicht nicht, aber dafür stinkt hier etwas anderes: Wenn überstrapazierte Redewendungen faulig werden, verbreiten sie einen unangenehmen Geruch.

Wer beim Thema Geld das Spülen partout nicht lassen kann, der soll weiter spülen, aber dann bitte in der Küche.



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