Zwiebelfisch: Die Sauna ist angeschalten!

Von Bastian Sick

Es gibt Dinge, die gibt's einfach nicht. Zum Beispiel Verbformen, die völlig sonderbar klingen. Man meint, sich verhören zu haben, und muss erkennen: Man hat richtig gehört! Da ist von Kindern die Rede, die genaschen haben, und von Häusern, die angemalen worden sind. Unsere Sprache wird täglich neu gestalten.

Verstand ausgeschalten, Sauna eingeschalten!
DDP

Verstand ausgeschalten, Sauna eingeschalten!

Ich wollte es ja erst nicht wahrhaben: Da schrieb mir ein verzweifelter Leser und flehte mich auf Knien an, ich möge doch dringend mal etwas über die korrekte Bildung des Perfektpartizips von "schalten" schreiben. Immer häufiger höre er Menschen sagen, ein Gerät sei "ausgeschalten" oder ein Motor "eingeschalten". Dabei heiße es doch "ausgeschaltet" und "eingeschaltet"! Wie sei es möglich, lamentierte der Leser, dass hier plötzlich falsche Formen auftauchen, die dann auch noch eine so rasante Verbreitung finden, als handele es sich um den neuesten Unsinn aus der Werbung?

Ich habe die Anfrage, wie ich es mit allen Zuschriften mache, ausgedruckt und abgeheftet, und zwar unter dem Stichwort "Perfekt, pervertiertes". Eine interessante Beobachtung, dachte ich mir, aber doch wohl eher eine kuriose Ausnahmeerscheinung. Da ich selbst bis zu diesem Zeitpunkt noch nie gehört hatte, dass jemand "geschalten" statt "geschaltet" sagt, sah ich keinen dringenden Handlungsbedarf. Bis ich Anfang des Jahres in den Urlaub nach Südtirol reiste, um mich ein paar Tage in einem Wellness-Hotel zu erholen. Die Empfangsdame an der Therme versicherte mir in tadellosem Hochdeutsch und mit einem bezaubernden Lächeln: "Aber freilich, Herr Sick, die Sauna ist angeschalten!" Ich war wie vom Donner gerührt.

Zitternd gab ich die Perfektform "geschalten" in Google ein. Ich wollte doch mal sehen, wie es tatsächlich um die Verbreitung dieses absonderlichen Partizips steht. Und tatsächlich: 66.000 Fundstellen! Da konnte es wenig trösten, dass über der Trefferliste die automatisch erstellte Korrekturanfrage erschien: "Meinten Sie 'geschaltet'?"

Wenn Fernsehkonsumenten sich plötzlich fragen, ob irgendjemand "das Programm umgeschalten hat", und wenn immer neue Parks und Einkaufszentren von namhaften Architekten "gestalten" werden, so liegt dies möglicherweise an der Ähnlichkeit der Verben "schalten" und "gestalten" mit dem Verb "halten". Letzteres wird im Perfekt schließlich zu "hat gehalten", und nicht zu "hat gehaltet". Aber bei "halten" handelt es sich um ein unregelmäßiges Verb, das im Imperfekt seinen Hauptklang verändert: aus "halt" wird "hielt". Schalten hingegen ist ein regelmäßiges Verb, das seinen Hauptklang behält. Und weil es im Imperfekt nicht zu "schielt" wird, wird es im Perfekt auch nicht zu "geschalten", sondern zu "geschaltet". Eigentlich ganz einfach.

Im buchstäblichen Sinne gespalten sind die Meinungen über die korrekte Bildung des Perfektpartizips von "spalten". Obwohl es sich - auf den ersten Blick - um ein regelmäßiges Verb zu handeln scheint (ich spalte, ich spaltete, nicht etwa: ich spielt oder gar ich spolt), existiert die Perfektform "gespalten". "Gespaltet" gibt es gleichwohl, doch das ist inzwischen viel seltener zu hören: "Ich habe das Holz gespaltet"; "Die einen hatten sich von den anderen abgespaltet." Gerade als Adjektiv verwendet man fast ausschließlich die Form "gespalten": "Wir haben ein gespaltenes Verhältnis"; "Der weiße Mann spricht mit gespaltener Zunge." Offenbar gibt es nicht nur regelmäßige und unregelmäßige Verben, sondern auch noch regelmäßig-unregelmäßige Verben. Nun ja, warum auch nicht: Sprache ist wie Botanik. Es gibt wunderschöne Blüten und jede Menge Unkraut. Und ab und zu zwittert es halt im deutschen Verbenwald.

Können Meerschweinchen "gebaden" werden?
AP

Können Meerschweinchen "gebaden" werden?

In einigen Gegenden soll man angeblich auch statt "Wir haben gebadet" sagen können: "Wir haben gebaden." In Sachsen zum Beispiel. Ich müsste mal meine Freundin Moni fragen. Die wohnt in Chemnitz und spricht Sächsisch erster Güte. Moni würde vermutlich sagen: "Mir ham gebaden."

Bei Moni lasse ich das selbstverständlich durchgehen, denn Sächsisch ist nun mal Sächsisch, und das ist nicht ganz dasselbe wie Hochdeutsch. Man findet die Form "gebaden" aber auch in hochdeutschen Zusammenhängen, in Internetforen zum Beispiel. Da fragt ein gewisser Michael, ob Meerschweinchen eigentlich schwimmen können, und eine Melanie antwortet ihm: "Nein, Meerschweinchen dürfen nicht gebaden werden, die können sich eine Lungenentzündung holen und eine Erkältung!"

Die Perfektform "gebaden" würde freilich voraussetzen, dass "baden" zur Gruppe der sogenannten starken, besser gesagt: unregelmäßigen Verben zählt. So wie "laden", das im Imperfekt zu "lud" wurde und dann im Perfekt zu "geladen". Aber "baden" wird im Imperfekt nicht zu "bud", sondern zu "badete", wird also ganz regelmäßig gebildet - und muss im Perfekt daher auch "gebadet" heißen. Melanies Antwort war also grammatisch nicht ganz einwandfrei, trotzdem sei ihr von Herzen gedankt, denn vermutlich hat sie damit mehreren Meerschweinchen das Leben gerettet.

Von Lidl freigeschalten

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Sehr ans Herz zu legen ist in diesem Zusammenhang die Internet-Seite der "Gesellschaft zur Stärkung der Verben", auf der sich eine drollige Liste mit (wohlgemerkt!) ausgedachten Ableitungen befindet. Die Grundannahme lautet: Was wäre, wenn es im Deutschen nur starke (also unregelmäßige) Verben gäbe? Wie hörte sich das an? Und so tummeln sich auf der Liste so herrliche Formen wie "bescheren, beschor, beschoren", "herrschen, harrsch, gehorrschen" und "schimpfen, schampf, geschompfen". Mein Favorit ist "faulenzen", das im Imperfekt zu "lonz faul" und im Perfekt zu "faulgelonzen" wird.

Unsere Sprache hat bekanntermaßen kein in Beton gegossenes, unveränderliches Fundament. Vielmehr gleicht sie einem Sumpf, einem Treibsand oder einem mit Tiefen und Untiefen gesegneten See, der von einer Eisschicht bedeckt ist, die wir "Standarddeutsch" nennen. Wie dünn diese Eisschicht ist, erfuhr ich erst kürzlich wieder, als ich mit einem alten Bekannten telefonierte. Auf meine harmlose Frage "Und, wie läuft's so bei euch beiden?" antwortete er: "Danke, kann nicht klagen, wir sind ganz gut ins neue Jahr gestarten!" Nachdem ich aufgelegt hatte, setzte ich mich an meinen Schreibtisch. Was tat ich dann? Ach ja, ich habe den Fernseher ausgeschalten und den Computer gestarten, um eine Geschichte zu schreiben über seltsame Arten und noch seltsamere Unarten des Perfekts.

Regelmäßige und unregelmäßige Verben auf -alten/-elten
Infinitiv Imperfekt Perfekt
erkalten die Lava erkaltete die Lava ist erkaltet
falten ich faltete ich habe gefaltet
gestalten ich gestaltete ich habe gestaltet
schalten ich schaltete ich habe geschaltet
verwalten ich verwaltete ich habe verwaltet
zelten wir zelteten wir haben gezeltet

spalten ich spaltete ich habe gespaltet/gespalten

gelten das galt das hat gegolten
halten ich hielt ich habe gehalten
schelten ich schalt ich habe gescholten


So ungewöhnlich, wie es sich auf den ersten Blick liest, ist das gescholtene Partizip "geschalten" gar nicht. Es erfreut sich weiter Verbreitung - von München bis Berlin, von Leipzig bis Aachen. Nur in Norderstedt war es bis vor kurzem unbekannt. Lesen Sie hier eine Auswahl der Leserzuschriften zum Artikel "Die Sauna ist angeschalten!"


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insofern als/insofern dass
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