Zwiebelfisch Ein Hoch dem Erdapfel

Man kennt sie als Herzogin, im Stanniol-Mantel, als grobe Country-Version, als Pomme Macaire, Gratin, Puffer, Kroketten oder als Pommes Frites – die Kartoffel ist äußerst vielseitig. Deshalb trägt sie auch viele verschiedene Namen. Eine Geschichte über die Geschichte der erstaunlichsten Frucht der Welt.


Zur Feier des vorzeitigen Endes seiner Salat-Diät schleift Henry mich in ein neues Restaurant, das von seinem Gourmet-Führer mit mehreren Sternen und Euro-Symbolen ausgezeichnet worden ist. Die Karte verheißt erlesene Spezialitäten wie "Medaillons von der Kalbslende mit Bries auf Morchelsauce" und "souffliertes Steinbuttfilet an Trüffel-Kaviarschaum". "Ich nehme das Putengeschnetzelte", sage ich zum Ober und füge hinzu: "Wäre es möglich, statt Basmatireis Kartoffeln zu bekommen?" Der Ober zieht die Augenbrauen hoch, als hätte ich ihn gebeten, mir das Essen in einem Hundenapf zu servieren, und sagt: "Ich werde in der Küche mal nachfragen."

Vorwiegend festkochend: Kartoffeln
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Vorwiegend festkochend: Kartoffeln

"Du und die Kartoffel - eine lebenslängliche Liebesgeschichte", feixt Henry, "ich bin immer wieder aufs Neue gerührt!" - "Mach dich nur über mich lustig! Kartoffeln sind eine Köstlichkeit! Aus einem mir unverständlichen Grunde sind sie in Verruf geraten, jedenfalls findet man sie auf den Speisekarten der Restaurants immer seltener. Pasta und Reis gibt es in allen erdenklichen Variationen, aber Kartoffeln sind eine echte Rarität geworden." - "Sie gelten eben als typisch deutsch", meint Henry. "Bei Kartoffeln denken viele an die sogenannte bürgerliche Küche, an Kohlrouladen, Saubohnen und dicke Mehlsoße. Das will heute keiner mehr." - "Mmh, Kohlrouladen", seufze ich, "bei dem Gedanken läuft mir das Wasser im Munde zusammen!"

"Soll ich den Ober zurückrufen? Du kannst ihn ja fragen, ob du anstelle der frischen Salatvariation nicht ein paar Kohlblätter bekommen könntest …" Darauf gehe ich nicht weiter ein und frage Henry stattdessen, ob ihm bekannt ist, woher das Wort 'Kartoffel' stammt. Henry schüttelt den Kopf: "Über die Herkunft des Wortes habe ich mir nie Gedanken gemacht. Ich weiß nur, dass die Kartoffel ursprünglich aus Südamerika stammt und unter dem Preußenkönig Friedrich dem Großen im großen Stil in Deutschland eingeführt wurde. Aber ich merke schon, dass es dir offenbar ein Bedürfnis ist, dich in epischer Breite über die Kartoffel auszulassen. Also bitte, erzähle mir alles, was du über die Kartoffel weißt!"

Das lasse ich mir nicht zweimal sagen. Schließlich hat Henry mich bei unserem letzten Treffen fast zwei Stunden lang über amerikanischen Folk aufgeklärt, da ist es nur recht und billig, wenn ich ihm ein wenig von meiner bevorzugten Sättigungsbeilage berichte. Die Kartoffel ist eine Verwandte der Tomate und des Paprikas und stammt aus den Anden. Dort wurde sie von den Inkas kultiviert, die sie Papa nannten. Spanische Eroberer brachten sie Mitte des 16. Jahrhunderts nach Europa, wo sie unter dem Namen Patata (einer Entlehnung aus der haitianischen Indianersprache) zunächst als Zierpflanze gezogen wurde.

Es dauerte rund 200 Jahre, ehe man ihren Nährwert erkannte und sie als Nutzpflanze anbaute. Über Spanien und Italien breitete sich die Kartoffel langsam nach Norden aus. Einige Sprachen übernahmen die spanische Bezeichnung Patata; im Englischen zum Beispiel wurde sie zu Potato abgewandelt. Andere Sprachen schufen eigene Namen. Die Italiener hielten die Kartoffel anfangs für eine Art Trüffel und nannten sie daher tartufolo. Unter diesem Namen gelangte das Nachtschattengewächs im 18. Jahrhundert nach Sachsen und Preußen, wo es zu Tartuffel und schließlich Kartoffel eingedeutscht wurde. Im deutschsprachigen Süden gab man ihm den Namen Erdapfel, eine in der Schweiz und in Österreich noch heute übliche Bezeichnung. Auch im Französischen (pomme de terre) und im Niederländischen (aardappel) hat sich der Erdapfel durchgesetzt. Manche aber sahen in der Kartoffel eher eine Birne. Im rheinhessischen und pfälzischen Dialekt wird die Kartoffel Krumbeer, Grumbeer oder Grumbier genannt, was nichts mit krummen Beeren zu tun hat, sondern "Grundbirne" bedeutet. Dieser Name wurde sogar erfolgreich exportiert: Im Kroatischen heißt die Kartoffel "Krumpir". Und die Tschechen sagen "Brambora", das heißt "Brandenburgerin", da die Kartoffel aus Brandenburg nach Böhmen gelangt war. Ältere Österreicher kennen noch den Begriff "Brambori" als Bezeichnung für Kartoffeln, die nichts taugen.

Inzwischen hat Henry sich mit großem Appetit über seine "Perlhuhnbrust gefüllt mit Mozzarella an glasierten Kirschtomaten und Maisplätzchen" hergemacht. "Nun ist Schluss mit dem Brimborium um deine Brambori", sagt er, "fang endlich an zu essen!" Ich betrachte glücklich die goldgelben Erdäpfel auf meinem Teller. Möglicherweise aufgrund ihrer rundlichen Form, die mütterliche Assoziationen weckt, und sicherlich auch wegen ihrer besonderen Nahrhaftigkeit wurde die Kartoffel als eine weibliche Frucht angesehen. Dies spiegelt sich nicht nur im Geschlecht des Wortes Kartoffel wider, sondern auch in den Namen, die man den diversen Züchtungen gab: Sieglinde, Bintje, Camilla, Gloria, Linda, Nicola, Rosara oder Selma.

"Von mir aus können wir das nächste Mal in den 'Kartoffelkeller' gehen", schlägt Henry vor. "Da kannst du so viele Kartoffeln essen, wie du magst." - "Prima", sage ich, "das hört sich gut an!" - "Also abgemacht. Wie wär's mit Freitag?" - "Am Freitag habe ich bereits eine Verabredung." - "Oh, ich gratuliere! Mit einer festkochenden Linda oder einer mehligkochenden Karlena?" - "Sie heißt Suzanne und hat zum Glück nichts von einer Kartoffel", sage ich. "Nicht einmal an den Stellen, wo's gern ein bisschen mehr sein darf?", fragt Henry besorgt. Ich lege die Serviette beiseite und entgegne: "Der Gentleman genießt und schweigt."

Die Kartoffel

Bezeichnung Region
Tartuffel/Kartoffel Sachsen, Preußen
Krumbeer/Grumbeer/Grumbier/Krumbiere Rheinhessen, Pfalz
Grombiera/Grumbiera/Krombiara
Äbbiera/Ebbiera
Schwaben
Podaggn/Potacken/Bodaggen
Ebbien/Äbbjen
Erpfel
Franken
Kartuffel Westfalen
Tüfften Mecklenburg
Nudel Uckermark
Bodabira Oberallgäu
Aper/Aber Oberlausitz
Erdapfel Schweiz, Österreich
Krumpan Österreich
Krumbier Kroatien
Krumpir Tschechien
Brambora/Brambori Tschechien, Österreich
Burgonya
Krumpli
Ungarn
Cartofi
Iárdappel
Grummpien
Rumänien

E-Mails an den Zwiebelfisch bitte ausschließlich an diese Adresse schicken:

zwiebelfisch@bastiansick.de

Anschrift für Postsendungen:

Bastian Sick
Am Sandtorkai 56
20457 Hamburg

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