Zwiebelfisch Ey du, voll tanken, Mann!

Bevor die Reform kam und alles änderte, konnte man einen Hund mal kurz halten und den Ehepartner nebenbei kurzhalten. Das ist heute nicht mehr erlaubt. Ob zusammen- oder auseinander geschrieben wird, richtet sich nicht mehr nach Betonung und Bedeutung, sondern nach abstrakten Kriterien.


Und wieder is' einer voll am Tanken, oder isser am Volltanken?
ddp

Und wieder is' einer voll am Tanken, oder isser am Volltanken?

Früher gab es eine Regel, die war so einfach und so logisch, dass es niemandem im Traum eingefallen wäre, etwas daran zu ändern. Sie lautete: Wird bei Zusammensetzungen aus Adjektiv und Verb nur das erste Wort betont, dann wird zusammengeschrieben; wird auch das zweite Wort betont, dann wird auseinander geschrieben. Und ob eine Fügung auf dem ersten oder auf dem zweiten Wort betont wird, richtete sich oft danach, ob ein neuer, ein übertragener Sinn entstanden war:

Man konnte seine Sache gut oder schlecht machen, und wenn man jemanden anschwärzen wollte, dann konnte man ihn schlechtmachen. Das ist heute anders, heute unterstreicht die Word-Rechtschreibprüfung das Wort "schlechtmachen" rot, wenn sie es nicht gleich automatisch in seine Bestandteile zerlegt. Früher gab es Aufgaben, die einem leichtfielen, und Bemerkungen, die leicht fielen, wenn man sich in Rage geredet hatte. Heute wird "leicht fallen" immer in zwei Wörtern geschrieben, ausnahms- und unterscheidungslos. Menschen, die leicht verletzt waren, waren eben besonders empfindlich, aber deshalb keineswegs immer gleich Unfallopfer, so wie die, die leichtverletzt waren. Da es heute nur noch "leicht verletzt" gibt, fällt auch hier die Unterscheidungsmöglichkeit weg.

Am deutlichsten wurde der Unterschied beim Friseur: Wenn der die Haare nur kurz geschnitten hatte, mussten sie deshalb noch nicht kurzgeschnitten sein. Heute ist die Zusammenschreibung von "kurz" und "geschnitten" nicht mehr erlaubt.

Die alte Regel richtete sich nach Betonung und Bedeutung der Wörter. Die neue Regel richtet sich nach Merkmalen, die längst nicht immer auf den ersten Blick erkennbar sind. Sie sieht Getrenntschreibung vor, wenn der erste Bestandteil ein Adjektiv ist, das gesteigert oder erweitert werden kann. Zusammenschreibung ist nur noch in den Fällen erlaubt, wo das Adjektiv absolut ist.

Eine ehemals organische Regel, die jedermann intuitiv beherrschen konnte, wurde durch eine abstrakte Regel ersetzt. Bevor man zwei Wörter zusammenschreibt, muss man sich Klarheit darüber verschaffen, ob sich das erste nicht vielleicht steigern oder erweitern lässt. Hat das die deutsche Rechtschreibung wirklich vereinfacht, so wie es die Reformer versprochen hatten?

Kreml-Flieger Mathias Rust war vor der Reform wohlbekannt. Ob er der heutigen Schülergeneration  wohl bekannt ist?
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Kreml-Flieger Mathias Rust war vor der Reform wohlbekannt. Ob er der heutigen Schülergeneration wohl bekannt ist?

Es wäre sicherlich interessant, sich hierüber mal mit einem Schüler zu unterhalten, der mit der neuen Orthografie großgeworden - Pardon: groß geworden ist. Vielleicht ist das alles für ihn ganz schlüssig. Wer seinen Schulabschluss noch nach den alten Regeln gemacht hat, für den ist das neue Prinzip der Getrennt- und Zusammenschreibung nur schwer verständlich. Es führte nämlich zu einer ganzen Reihe von Änderungen, die bis dato Gültiges teilweise ins Gegenteil verkehrten:

Früher wurde am Satzanfang groß geschrieben, während Tugenden großgeschrieben wurden. Heute ist es genau umgekehrt: Am Satzanfang wird großgeschrieben, Tugenden werden groß geschrieben.

Denn die Großschreibung am Satzanfang ist ein Absolutum, da kann man nicht mal größer, mal kleiner schreiben, sondern eben nur groß. Die Tugenden indes können zum Beispiel besonders groß geschrieben werden, "groß" ist also erweiterbar, und daher gilt hier Getrenntschreibung.

Wer gestern noch hochqualifiziert war, ist heute bestenfalls noch hoch qualifiziert, denn auch hier lässt sich das Adjektiv erweitern ("besonders hoch qualifiziert") oder steigern, sprich: Es könnte durchaus jemanden geben, der noch höher qualifiziert ist. Eine hochschwangere Frau ist hingegen nicht hoch schwanger; denn man unterscheidet normalerweise nicht zwischen höher und weniger höher schwangeren Frauen, "hoch" ist hier absolut gemeint, daher bleibt es bei der Zusammenschreibung.

Das mag man vielleicht noch alles einsehen, doch die neue Regel hat noch einen weiteren Nachteil: Die Antwort auf die Frage, wann ein Adjektiv gesteigert oder erweitert werden kann und wann es etwas Absolutes darstellt, liegt nicht immer auf der Hand, oftmals ist es Ansichtssache. So findet man in den einschlägigen Nachschlagewerken denn auch immer wieder den Hinweis: "In Zweifelsfällen ist sowohl Getrennt- als auch Zusammenschreibung möglich."

Und Zweifelsfälle gibt es zuhauf: Früher war ein Star wohlbekannt, heute muss er sich fragen, ob er wohl bekannt ist. Da "wohl" neben "gut" auch die Bedeutung "vermutlich", "möglicherweise" hat, hat die Reform hier den Boden für unzählige peinliche Situationen bereitet. Am Ende stellt sich noch heraus, dass die Reform gar nicht wohldurchdacht war, sondern zwar wohl durchdacht, aber nicht gut.

Eingangs wurde festgestellt, dass man "schlechtmachen" heute nicht mehr in einem Wort schreiben kann. Die Unterscheidung zwischen dem konkreten "etwas schlecht machen" und dem übertragenen "jemanden schlechtmachen" fällt einfach weg. Bei "gutmachen" hingegen ist sie geblieben. Man kann seine Sache gut machen und einen Fehler gutmachen.

Wenn Manni in seinem nächsten Manta-Film sportlich-lässig eine Tanke anfährt und dem Tankwartsfritzen laut Drehbuch zurufen soll: "Ey du, lass mal voll tanken, Mann!", dann weiß er gar nicht mehr, wie er das betonen soll. Ist damit nun randvolles Tanken gemeint oder einfach nur "konkret 'n bissken wat tanken, aber nich mehr wie fürn Zwanni"?

Denn alle zwangsweise auseinander gerissenen ehemaligen Zusammensetzungen mit "voll" lesen sich heute so, als habe "voll" die Funktion des verstärkenden Jargonwortes: voll gepumpt, voll gestopft, voll besetzt, voll bescheuert...

Apropos bescheuert: Warum schreibt man nach der Rechtschreibreform "lahm legen" in zwei Wörtern, "stilllegen" aber nach wie vor in einem (dafür aber jetzt mit drei l)? Der Verkehr wird in zwei Wörtern lahm gelegt, die Fabrik wird in einem stillgelegt. Wie lässt sich das begründen?

Der Steigerungs- und Erweiterungsmerksatz greift hier nicht. Zwar ist "lahm" ein Adjektiv, das theoretisch gesteigert werden kann ("Heute arbeitet sie noch lahmer als gestern"), doch wer würde von einem noch lahmer gelegten Verkehr sprechen? Freilich kann "lahm" durch Wörter wie "völlig" und "total" erweitert werden. Aber das gilt genauso für die stillgelegte Fabrik, die lässt sich zum Beispiel komplett stilllegen, aber eben nicht komplett still legen.

Ob solcher Unstimmigkeiten mag mancher das Gefühl haben, sein Verstand sei vorübergehend lahmgelegt [Achtung: alte Rechtschreibung!], und sich wünschen, die Rechtschreibreform würde doch noch still (und heimlich zu den Akten) gelegt.

Die deutsche Schriftsprache zeichnet sich von jeher durch eine starke Tendenz zur Zusammenschreibung aus. Wortgruppen, die als Einheit empfunden werden, werden früher oder später auch in einem Wort geschrieben. Die Rechtschreibreform greift hier in natürlich gewachsene Strukturen ein und reißt wieder auseinander, was lange harmonisch verbunden war. Was wohl der selige Willy Brandt ("Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört") dazu sagen würde?

Hier einige Beispiele für alte und neue Getrennt- und Zusammenschreibung

alte Schreibweise neue Schreibweise
Alle Babys müssen lernen, allein zu stehen, viele Erwachsene müssen lernen alleinzustehen Alle Babys müssen lernen, allein zu stehen, viele Erwachsene müssen lernen, allein zu stehen
Einige sind andersgesinnt und andere sind andersgläubig Einige sind anders gesinnt und andere sind andersgläubig
Früher gab es frisch gebackenen Kuchen für den frischgebackenen Ehemann Heute gibt es frisch gebackenen Kuchen für den frisch gebackenen Ehemann
Am Satzanfang wird groß geschrieben; Pünktlichkeit wird bei uns großgeschrieben Am Satzanfang wird großgeschrieben; Pünktlichkeit wird bei uns groß geschrieben
Das hast du gut gemacht; er hat den Fehler gutgemacht Das hast du gut gemacht; er hat den Fehler gutgemacht
Die Sahne wurde hartgeschlagen; der Junge wurde hart geschlagen Die Sahne wurde hart geschlagen; der Junge wurde hart geschlagen
Ich bin hochmotiviert und unterbezahlt Ich bin hoch motiviert und unterbezahlt
Kannst du das mal kurz halten? Du darfst den Paul nicht so kurzhalten Kannst du das mal kurz halten? Du darfst den Paul nicht so kurz halten
Der Verkehr wurde lahmgelegt; die Fabrik wurde stillgelegt Der Verkehr wurde lahm gelegt; die Fabrik wurde stillgelegt
Einfache Aufgaben können leichtfallen; alte Menschen können leicht fallen Einfache Aufgaben können leicht fallen; alte Menschen können leicht fallen
Schallplatten sollten nicht schief liegen; ich fürchte, daß wir in dieser Sache völlig schiefliegen Schallplatten sollten nicht schief liegen; ich fürchte, dass wir in dieser Sache völlig schief liegen
Der Patient hat den Arzt schlechtgemacht, weil der seine Sache schlecht gemacht hat Der Patient hat den Arzt schlecht gemacht, weil der seine Sache schlecht gemacht hat
Pessimisten sind bekannt dafür, daß sie schwarzsehen und die Dinge schwarzmalen Pessimisten sind bekannt dafür, dass sie schwarzsehen und die Dinge schwarz malen
Schwer reiche Eltern haben mitunter schwererziehbare Kinder Schwerreiche Eltern haben mitunter schwer erziehbare Kinder
Die Konfitüre ist selbstgemacht; das habe ich selbst gewußt Die Konfitüre ist selbst gemacht; das habe ich selbst gewusst
Er war ein wohlhabender und wohlbekannter Mann Er war ein wohlhabender und wohl bekannter Mann

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