Zwiebelfisch: Geradewegs auf die schiefe Ebene

Von Bastian Sick

Der Physiker kennt die Gradabweichung, der Bergsteiger fürchtet die Gratabweichung: Schon die geringste Abweichung vom Grat kann zum Absturz führen. Auch in der Orthografie wandern wir oft auf schmalem Grat - und entscheiden uns gern aufs Geradewohl.

Vor einiger Zeit konnte ich mich beim Besuch eines Gymnasiums davon überzeugen, dass der Grammatikunterricht doch noch nicht überall abgeschafft worden ist. Vielleicht war er es auch zwischenzeitlich und wird nun langsam wieder eingeführt.

"Setzen Sie sich bitte gerade noch einen Moment ins Wartezimmer"
Katharina M. Baumann

"Setzen Sie sich bitte gerade noch einen Moment ins Wartezimmer"

Jedenfalls sah ich mich einer Gruppe höchst aufgeweckter und wissbegieriger Schüler gegenüber, die mich mit Fragen zur Grammatik bombardierten.

Ein paar Fünftklässler meldeten sich, die gerade etwas über den Unterschied zwischen Adjektiven und Adverbien gelernt hatten, und zwar dass Adverbien sich im Unterschied zu Adjektiven nicht steigern lassen.

"Von ein paar Ausnahmen abgesehen ist das richtig", erwiderte ich und illustrierte das Ganze mit einem Beispiel: Ein Wort wie "wenig" ist ein Adjektiv, weil man es zu "weniger" und "am wenigsten" steigern kann, "kaum" hingegen ist ein Adverb, weil es "kaumer" kaum gibt und "kaumsten" am erst rechtesten nicht.

Nun meinten die Schüler, dass dieser Regel zufolge das Wort "gerade" kein Adjektiv sein könne, weil sich "gerade" doch wohl nicht steigern lasse. Oder könne irgendetwas gerader als gerade sein? Bei geraden Zahlen zumindest sei das doch wohl sehr schwierig. Und bei geraden Linien? Ganz schön pfiffig, diese Kleinen, dachte ich und erklärte dann, dass die Sprache viel mehr Dinge zulasse als die Logik.

Schwanger gehen mit Adjektiven

Darum können zum Beispiel manche Ortschaften toter als tot sein und selbst die leerste Versprechung könne noch von einer leereren übertrumpft werden. (Das Beispiel war nicht besonders glücklich gewählt, denn die Schüler verstanden "Selbst die leerste Versprechung könne noch von einer Lehrerin übertrumpft werden", worauf meine Rede in schallendem Gelächter unterging.)

Die Theorie lässt eine Steigerung von absoluten Eigenschaften wie "tot", "leer" und "gerade" zu. Ob "toter", "leerer" und "gerader" in der Praxis einen Sinn ergeben, steht auf einem anderen Blatt. Selbst das Wort "schwanger" lässt sich steigern. So munkelte eine Kollegin einmal: "Ich bin mir sicher, dass unsere Volontärin schwanger ist! Guck doch mal genau hin! Ich finde, die sieht von Tag zu Tag schwangerer aus!"

Zur Geradheit von Geraden fiel mir noch etwas aus dem Physikunterricht ein. "Parallelen berühren einander in der Unendlichkeit", hatte ich damals gelernt. Ein Widerspruch in sich, den ich nur allzu dankbar hinnahm, denn er verlieh der leblosen Physik geradezu menschliche Züge. In diesem Paradoxon aus "immerzu gerade nebeneinander her verlaufen, um sich doch irgendwann schließlich zu berühren und zu vereinen" erkannte ich eine Hoffnung auf eine Versöhnung für all die Dinge, die einander grundsätzlich auszuschließen schienen, so wie Kapitalismus und Kommunismus, Fußball und Phantasie, Jungen und Mädchen, Sprache und Logik.

In der Unendlichkeit finden sie zusammen, in der Unendlichkeit berühren sie einander und werden eins. Die Sprache wird logisch und die Logik sprachlos. Dann wird sich zeigen, welche der Geraden die geradeste war.

Was grad so geht

Dass das Leben eher in Auf- und Abwärtskurven als geradlinig verläuft, habe ich ja schon früh erkannt: Es geht im Leben eben nicht immer eben, und auch nicht gerade immer gerade. Außerdem hat meine Arbeit mich gelehrt, dass die Entscheidung zwischen Richtig und Falsch oft eine schwierige Gratwanderung ist.

Für manchen ist sie auch eine Gradwanderung, so wie für jenen Redakteur von "stern.de", der die bevorstehende Sanierungsarbeit eines deutschen Managers beim amerikanischen Automobilkonzern Chrysler mit den Worten kommentierte: "Sein Job wird eine einzige Gradwanderung werden".

Selbst bei dieser Schreibweise hatte der Redakteur jedoch nicht ganz unrecht, denn das Hin und Her zwischen Deutschland und den USA bedeutet jedes Mal einen Wechsel von der Celsius-Zone ins Fahrenheit-Gebiet, insofern tatsächlich eine Wanderung zwischen den Graden.

Der Grat indes hat nichts mit Temperaturen oder Winkeln zu tun, sondern mit Gebirgskämmen. (Obwohl natürlich auch im Gebirge Temperaturen und Positionsberechnungen einen Rolle spielen. Man kann also durchaus die Frage stellen: "Wie viel Grad hat's am Grat grad?")

Gerade richtig

Während der Grad, der immer häufiger auch das Grad genannt wird, auf das lateinische Wort gradus (= Schritt, Stufe, Rang) zurückgeht, ist der Grat ein Verwandter der Gräte - und des menschlichen Rückgrats, eines offenbar entbehrlichen Körperteils, denn vielen Menschen wird nachgesagt, dass sie keines haben. Ich habe als Kind geglaubt, es heiße Rückrad, und wenn von irgendjemandem behauptet wurde, er habe kein Rückrad, dann dachte ich, es handele sich um einen Autofahrer ohne Reservereifen.

Dass uns gerade ein Wort wie "gerade" sprachlich immer wieder auf die schiefe Ebene geraten lässt, ist fast ebenso paradox wie die parallelen Geraden, die sich in der Unendlichkeit berühren. Die Redewendung "Aufs Geratewohl" wird von vielen Menschen missverstanden. Manche vermuten, es habe wohl etwas mit "gerade" zu tun und heiße daher "aufs Geradewohl". Trotz Rechtschreibprüfung und automatischer Korrekturvorschläge finden sich Tausende Treffer für "aufs Geradewohl" im Internet.

Meine Freundin Sibylle erklärte mir mal, dass sie als Kind zunächst "aufs Granatewohl" verstanden habe. Als in den siebziger Jahren bei uns in Deutschland fernöstliche Kampfsportarten immer bekannter wurden, wechselte sie eine Zeitlang zu "aufs Karatewohl". Sibylles Angewohnheit, sich die Dinge immer selbst zusammenzureimen, war möglicherweise einer der Gründe, weshalb sie beim Abi nicht bloß mit Pauken und Trompeten, sondern, wie sie selbst sagt, "mit Bomben und Granaten" durchgefallen ist.

Aufrechter Sprachgebrauch

Meine französische Freundin Suzanne, optisch übrigens eher Granate als Karate, berichtete mir einmal von einem recht verwirrenden Spracherlebnis aus ihrer Anfangszeit in Deutschland. Sie litt an einer Bronchitis und suchte deshalb einen Arzt auf. Die Assistentin am Empfang bat sie um etwas Geduld: "Setzen Sie sich bitte gerade einen Moment noch ins Wartezimmer!"

Und während Suzanne dort saß und wartete, fragte sie sich, warum sie aufgefordert worden war, gerade zu sitzen. Hatte das etwas mit ihrem Husten zu tun? Handelte es sich vielleicht um eine vorbereitende Maßnahme für eine eventuelle Röntgenaufnahme?

Mit durchgestrecktem Kreuz saß Suzanne stocksteif eine Dreiviertelstunde lang im Wartezimmer, bis sie endlich aufgerufen wurde. Am nächsten Tag ging es ihren Bronchien besser, dafür hatte sie es im Rücken.

Erst sehr viel später begriff sie, dass "gerade" eben auch die Bedeutung von "just" haben kann. Und gerade eben kam mir der Gedanke, dass ich sie mal wieder anrufen könnte. Und danach melde ich mich mal wieder bei Sibylle. Einfach so, aufs Granatewohl.

Gesucht wird: Ihr komischstes Erlebnis mit Deutsch als Fremdsprache
Haben auch Sie so wie Suzanne Deutsch als Fremdsprache erlernt und sich über so manches wundern müssen? Haben auch Sie vielleicht ein besonders kurioses Erlebnis durch eine sprachliche Verwechslung gehabt? Dann schreiben Sie es mir! Ich freue mich auf Ihre Post: zwiebelfisch@bastiansick.de

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