Zwiebelfisch Kasus Verschwindibus

In der Schule lernen wir, dass die deutsche Sprache vier Fälle hat. Später aber stellen wir fest, dass es noch einen fünften geben muss: den unsichtbaren Fall, auch Kasus Verschwindibus genannt. Man findet ihn zum Beispiel am Ende des Barock und beim US-Präsident.

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Hokuspokus, Kasus Verschwindibus!

Hokuspokus, Kasus Verschwindibus!

Auf meinem Flug nach Mallorca blättere ich im Bordmagazin von Air Berlin. Aus alter Gewohnheit lese ich auch den Comic, eine belanglose Geschichte, in der das Maskottchen "Air Bär" von einem Zauberkünstler engagiert wird. "Ich lasse jetzt den Bär verschwinden!", verkündet der Magier und schwingt seinen Zauberstab. Autsch!, denke ich, da verschwindet noch etwas ganz anderes, nämlich die Kasus-Endung des Pelztiers, das man im Akkusativ artgerecht als "Bären" behandeln sollte. Hokuspokus, Kasus Verschwindibus!

Derselbe faule Verschwindezauber begegnet einem auch immer häufiger beim Wort "Präsident". Wenn unser Bundeskanzler nach Washington fliegt, hört man garantiert auf irgendeinem Kanal, dass er sich "mit dem US-Präsident" treffen werde. Jedem Korrespondenten dürfte es dabei eiskalt über den Rücken laufen.

Nicht viel besser ist es um den berühmten Schönheitschirurgen bestellt, dessen Endsilbe wohl einem Lifting zum Opfer gefallen sein muss, wenn ihn der Fernsehsprecher als "den berühmten Schönheitschirurg" vorstellt. Ganz zu schweigen vom Kandidaten der Quizsendung, der beharrlich zum "Kandidat" verkürzt wird: "Dann bitte ich jetzt unseren nächsten Kandidat zu mir!" Und gleich danach dieser Spruch in der Werbung: "Jetzt gibt es den neuen Swiffer-Staubmagnet!" Da fragt man sich unwillkürlich: Wie soll an dem Ding der Staub haften bleiben, wenn ihm schon in der Werbung die Endsilbe abfällt?

Die Neigung, bei schwach gebeugten männlichen Hauptwörtern die Endungen im Dativ und im Akkusativ einfach unter den Tisch fallen zu lassen, ist sehr stark ausgeprägt. Sätze wie "Dem Patient geht's gut" und "Lukas, lass den Elefant in Ruhe" sind mittlerweile häufiger zu hören als die korrekt formulierten Aussagen "Dem Patienten geht's gut" und "Lukas, lass den Elefanten in Ruhe". Die Unterlassung der Deklination ist umgangssprachlich weit verbreitet, standardsprachlich jedoch gilt sie als falsch.

Ausstellungsplakat auf Sylt: Faszinierend ist hier nicht nur der Körper, sondern auch die Grammatik(eingeschickt von Zwiebelfisch-Leserin Britta Waldstein, Hamburg)

Ausstellungsplakat auf Sylt: Faszinierend ist hier nicht nur der Körper, sondern auch die Grammatik(eingeschickt von Zwiebelfisch-Leserin Britta Waldstein, Hamburg)

Wenn die Bankfiliale auf einem Schild darauf hinweist, dass wegen einer Computerumstellung heute leider "keine Kontoauszüge am Automat" erhältlich seien, dann brennt es einem in den Augen. Wenn der Komiker im Fernsehen freimütig berichtet, wie er sich letztens wieder "zum Idiot gemacht" habe, kribbelt es einem in den Ohren. Wenn eine Illustrierte "neue Enthüllungen über den norwegischen Prinz" verspricht, bekommt man schon rote Flecken, und wenn kleine handgeschriebene Kärtchen an hübsch verpackten Geschenken verkünden, dies sei "für den Konfirmand", dann wird der Juckreiz unerträglich.

Kennen Sie jemand, der sich von niemand beugen lässt? Das wäre - in grammatischer Hinsicht - keine gewinnbringende Bekanntschaft. Sollten Sie aber jemanden kennen, der niemandem einen Ge-Fall-en ausschlägt, dann dürfen Sie sich glücklich schätzen. Der Verzicht auf die Endung bei "jemand" und "niemand" in Dativ und Akkusativ hat allerdings schon so lange Tradition, dass er mittlerweile von den Grammatikwerken gebilligt wird. Nicht gebilligt werden hingegen "Neue Erkenntnisse über den Höhlenmensch«, "Fotografien vom Planet Erde" und schon gar nicht die "Jagd auf den letzten Leopard". Zu wünschen wäre vielmehr, dass, solange es den Menschen noch auf diesem Planeten gibt, er sich für den Leoparden und andere bedrohte Arten einsetzt und den Kasus Verschwindibus bekämpfen wird.

Die Fortsetzung von Bastian Sicks Sensationserfolg "Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod" ist erschienen!

Am schlimmsten bedrängt vom Kasus Verschwindibus ist der Genitiv, und zwar bei Fremdwörtern männlichen und sächlichen Geschlechts. Viele scheinen zu glauben, man könne auf die Genitivendung verzichten; so mancher hält ihre Verwendung gar für falsch. Und so kommt es zu Ausstellungen über "Die Kulturgeschichte des Kaffee" (statt des Kaffees) und zu Büchern über "Die Geheimnisse des Islam" (statt des Islams). Man liest vom "Vorsitzenden des Komitee" und studiert das "Programm des diesjährigen Festival".

Und immer wieder hört man von den "Terroranschlägen des 11. September" statt von den Terroranschlägen des 11. Septembers. Wenn man die Verursacher des September-s-Wegfalls fragt, was sie dazu veranlasst habe, so antworten die meisten, die Form ohne "s" klinge in ihren Ohren "irgendwie richtiger". Begründungen, die das Wort "irgendwie" enthalten, die also irgendwie so aus dem Bauch heraus entstanden sind, sind irgendwie nicht richtig überzeugend. Natürlich muss es "des 11. Septembers" heißen, was sollte am Weglassen eines Schlusslaut elegant sein? (Wenn Sie eben zusammengezuckt sind und denken: es muss doch "Schlusslautes" heißen, dann ist das der beste Beweis.) Der Verzicht auf die Genitivendung bei Fremdwörtern wird vom Duden als falsch bezeichnet. Zum Glück! Sonst wäre diese Kolumne nämlich kein Beitrag zur Rettung des Genitivs, sondern höchstens einer "zur Rettung des Genitiv".

Rennfahrer Schumacher: Endungslose Erfolgsgeschichte "des Kerpener vom Kart-Pilot zum Top-Favorit des deutschen Motorsport"
EPA/DPA

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Und das wäre nicht genug! Denn der Genitiv braucht jede verfügbare Hilfe, um die Ausbreitung des Kasus Verschwindibus einzudämmen. Sonst steht er irgendwann völlig nackt da. Dann ist es »in den Weiten des Orient" genauso öd und leer wie "am Rande des Universum". Und ein bisschen mehr Beugungen wünscht man sich auch für die anscheinend endlose und vor allem endungslose "Erfolgsgeschichte des Kerpener vom Kart-Pilot zum Top-Favorit des deutschen Motorsport". Wo der kassierte Kasus grassiert, wird man früher oder später des Wahnsinn fette Beute.


SPIEGEL ONLINE

Nachtrag vom 5.9.2005: Die Fluggesellschaft Air Berlin beweist, dass sie Humor hat - und lernfähig ist. Heute erhielt ich mit der Post ein Exemplar des knuddeligen Maskottchens, das einen Zettel in der Hand hält, auf dem die Buchstaben "en" stehen. Als wollte es mir sagen: "Hallo, ich bin ein Bär, aber wenn du mich auf den Arm nehmen willst, dann werde ich zum Bären!" Dafür danke ich Air Berlin von ganzem Herzen!


Lasst ihnen ihre Endungen! (Nur einige Beispiele von vielen...)

Nominativ Genitiv Dativ Akkusativ
der Agent des Agenten dem Agenten den Agenten
der Architekt des Architekten dem Architekten den Architekten
der Artist des Artisten dem Artisten den Artisten
der Assistent des Assistenten dem Assistenten den Assistenten
der Automat des Automaten dem Automaten den Automaten
der Bandit des Banditen dem Banditen den Banditen
der Bär des Bären dem Bären den Bären
der Chirurg des Chirurgen dem Chirurgen den Chirurgen
der Demokrat des Demokraten dem Demokraten den Demokraten
der Diamant des Diamanten dem Diamanten den Diamanten
der Dirigent des Dirigenten dem Dirigenten den Dirigenten
der Elefant des Elefanten dem Elefanten den Elefanten
der Fabrikant des Fabrikanten dem Fabrikanten den Fabrikanten
der Favorit des Favoriten dem Favoriten den Favoriten
der Fotograf des Fotografen dem Fotografen den Fotografen
der Fürst des Fürsten dem Fürsten den Fürsten
der Graf des Grafen dem Grafen den Grafen
der Held des Helden dem Helden den Helden
der Idiot des Idioten dem Idioten den Idioten
der Jurist des Juristen dem Juristen den Juristen
der Kamerad des Kameraden dem Kameraden den Kameraden
der Kandidat des Kandidaten dem Kandidaten den Kandidaten
der Komet des Kometen dem Kometen den Kometen
der Konfirmand des Konfirmanden dem Konfirmanden den Konfirmanden
der Konkurrent des Konkurrenten dem Konkurrenten den Konkurrenten
der Leopard des Leoparden dem Leoparden den Leoparden
der Magnet des Magneten dem Magneten den Magneten
der Mensch des Menschen dem Menschen den Menschen
der Narr des Narren dem Narren den Narren
der Patient des Patienten dem Patienten den Patienten
der Patriarch des Patriarchen dem Patriarchen den Patriarchen
der Patriot des Patrioten dem Patrioten den Patrioten
der Pilot des Piloten dem Piloten den Piloten
der Pirat des Piraten dem Piraten den Piraten
der Planet des Planeten dem Planeten den Planeten
der Polizist des Polizisten dem Polizisten den Polizisten
der Praktikant des Praktikanten dem Praktikanten den Praktikanten
der Präsident des Präsidenten dem Präsidenten den Präsidenten
der Prinz des Prinzen dem Prinzen den Prinzen
der Satellit des Satelliten dem Satelliten den Satelliten
der Soldat des Soldaten dem Soldaten den Soldaten
der Spatz des Spatzen dem Spatzen den Spatzen
der Student des Studenten dem Studenten den Studenten
der Terrorist des Terroristen dem Terroristen den Terroristen
der Tourist des Touristen dem Touristen den Touristen
der Trabant des Trabanten dem Trabanten den Trabanten
der Trabant (Eigenname des Automodells) des Trabants dem Trabant den Trabant
der Veteran des Veteranen dem Veteranen den Veteranen
der Zar des Zaren dem Zaren den Zaren
der Zyklop des Zyklopen dem Zyklopen den Zyklopen

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