Zwiebelfisch Kommt ein Flieger geflogen

Wer etwas kauft, ist ein Käufer. Und wer siegt, der ist ein Sieger. Wer lügt, ist ein Lügner, und wer fliegt - ist der ein Flieger? Ein Beitrag über sprachliche Ableitungen und den Wechsel zwischen Mensch und Maschine.

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In einem Café in Buenos Aires verabschiedet sich ein junger Mann aus Deutschland von seiner argentinischen Verwandtschaft. "Mein Flieger geht um 17 Uhr", sagt er, woraufhin seine Tante missbilligend erwidert: "Flieger? Du meinst Flugzeug!" Der junge Mann zuckt nur mit den Schultern und lacht: "Von mir aus auch das, Tante Paula. Flieger oder Flugzeug, das ist doch dasselbe!" Da ist Tante Paula aber anderer Meinung: "Ein Flieger ist ein Mensch, der ein Flugzeug fliegt", erklärt sie mit Bestimmtheit, "also ein Pilot. So wie ein Fahrer jemand ist, der ein Fahrzeug fährt, und nicht das Fahrzeug selbst. Ein BMW ist kein Fahrer, und eine Boeing ist kein Flieger." - "Vielleicht war das früher mal so", sagt der Neffe, "aber manche Wörter ändern ihre Bedeutung. Bei uns in Deutschland wird das Wort Flieger heute auch im Sinne von Flugzeug gebraucht." Tante Paula stößt einen Seufzer aus: "Armes Deutschland!"

Ein Flieger im Flieger
Katharina M. Baumann

Ein Flieger im Flieger

Ganz so schlimm steht es zum Glück nicht um unsere Kultur. Dass Wörter im Laufe der Zeit ihre Bedeutung ändern oder eine zweite Bedeutung hinzugewinnen können, ist nichts Ungewöhnliches. Die Begründung, mit der Tante Paula die Verwendung des Wortes "Flieger" im Sinne von "Flugzeug" abqualifiziert, ist ohnehin recht löchrig. Denn durch Anhängen der Endung "-er" lassen sich aus Verbstämmen nicht allein Menschen erzeugen, sondern auch praktische Dinge wie Einrichtungsgegenstände oder Maschinen. Zweifellos ist ein Leser jemand, der liest, und ein Zuhörer jemand, der zuhört - aber ein Rechner ist nicht etwa ein Mensch, der rechnet, sondern die Maschine, die dem Menschen das Rechnen (und zunehmend auch das Nachdenken) abnimmt.

Ein Läufer kann sowohl jemand sein, der läuft, als auch etwas, auf dem gelaufen wird. Läufer ist nämlich auch eine Bezeichnung für einen längeren, schmalen Teppich. Diese Bezeichnung ist vielen Jüngeren nicht mehr geläufig, da der Teppichläufer ein wenig aus der Mode gelaufen - pardon: geraten ist.

Bisweilen bezeichnet die Ableitung auf "-er" auch nur jemanden, der in gewisser Weise qualifiziert ist: Nicht jeder, der denkt, ist gleich ein Denker. Und nicht jeder, der sprechen kann, ist ein Sprecher. Es ist zum Glück auch nicht jeder, der trinkt, gleich ein Trinker. Und wer sich auf einen Stuhl setzt, ist noch lange kein Setzer.

Während meines Militärdienstes bei der Luftwaffe wurde ich zum "Fernschreiber" ausgebildet. Ich weiß noch, wie wir jungen Rekruten uns darüber amüsierten. Denn ein Fernschreiber war für uns eine Maschine und kein Mensch. Doch man belehrte uns, dass die Maschinen "Fernschreibgeräte" seien und wir die Fernschreiber - sofern wir die Prüfung bestünden. Andernfalls würden wir nur Kabelträger. Auch über diesen sprachlichen Zweifelsfall ist die Geschichte hinweggegangen: Die Fernschreibgeräte von damals stehen längst im Technikmuseum. Und auch die menschlichen Fernschreiber sind mittlerweile ausgemustert worden.

Drucker-Zeugnis oder Druck-Erzeugnis?

Ein weiteres Beispiel für den Bedeutungswandel ist der Drucker. Bis in die achtziger Jahre verstand man darunter ausschließlich einen Menschen, der in einer Druckerei arbeitet und eine Druckmaschine bedient. Heute denkt man bei dem Wort "Drucker" als erstes an ein Gerät, das im günstigen Fall Papier bedruckt und uns ansonsten ständig auffordert, sündhaft teure Tintenpatronen nachzukaufen. Das berühmte Beispiel für den sinnvollen Einsatz eines Bindestrichs zur Unterscheidung zwischen Drucker-Zeugnis und Druck-Erzeugnis droht ebenfalls ins Museum abgeschoben zu werden.

Im Süden Brasiliens lebt eine kleine deutschsprachige Gemeinde, die noch heute einen Dialekt pflegt, wie er zum Zeitpunkt der Auswanderung im 19. Jahrhundert gesprochen wurde. Dieses sogenannte Hunsrück-Deutsch ist für andere Deutschsprechende kaum zu verstehen. Fern der Heimat waren die Hunsrück-Deutschen von der Entwicklung der deutschen Sprache abgeschnitten. So ging die Einführung des Wortes "Matratze" komplett an ihnen vorbei. Noch heute sagen sie "Strohsack". Und auch "Flugzeug" ist für sie ein abgehobener Modernismus, mit dem sie nicht viel anfangen können. Sie sagen stattdessen "Luftschiff". Sollte Tante Paula jemals nach Brasilien reisen und dort auf eine Gruppe von Hunsrück-Deutschen stoßen, würde man sie womöglich verständnislos belächeln, wenn sie etwas von einem "Flugzeug" erzählte. "Das ist doch ein Luftschiff!", würde man ihr sagen, woraufhin Tante Paula energisch erwiderte: "Aber nein, glauben Sie mir, in Deutschland sagt man schon lange Flugzeug dazu!" Und die Hunsrück-Deutschen würden die Köpfe schütteln und murmeln: "Armes Deutschland!"

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