Zwiebelfisch Mal hat's Sonne, mal hat's Schnee

Ja, was hat es denn heute? Es hat doch wohl nicht etwa Regen? Nein, es hat Sonne, Gottseidank! Aber morgen soll es Wolken haben und Schnee! Bei den einen hat’s Glatteis, und bei den anderen kräuseln sich die Nackenhaare. Haben oder Nichthaben, das ist hier die Frage.


Schnee in Bayern: Beim einen hat's, beim andern gibt's
DDP

Schnee in Bayern: Beim einen hat's, beim andern gibt's

Es ist mal wieder einer dieser ungemütlichen Wintertage, wie ich sie so liebe: In der Nacht hatte es noch geschneit, morgens war dann alles getaut, die Straßen voller Schneematsch, der Verkehr ein ängstliches Schleichen. Ich sitze, noch nicht ganz aufgetaut, im Büro und warte auf Inspiration. Eigentlich wollte ich eine intellektuelle Kolumne über Kongruenz bei Appositionen schreiben, das hätte gut zu diesem Wetter gepasst, doch dann landet plötzlich eine E-Mail in meinem Postfach, die noch viel besser passt:

Lieber Herr Sick, mein Sohn (7) hat in einer Schulaufgabe folgenden Satz gebildet: "Es ist Glatteis wegen des Winterwetters." Gegen diesen Satz ist meines Erachtens nichts einzuwenden. Nun hat aber seine Lehrerin das "ist" durchgestrichen und in Rot ein "hat" darübergeschrieben und das Ganze als Fehler markiert. Ich bin jetzt etwas verunsichert, was denn richtig ist. Man ist sich eben in einem Land, das mit dem Slogan "Wir können alles außer Hochdeutsch" wirbt, nie so ganz sicher.
Donner und Doria! Das konnte mich nicht kalt lassen, allen angestrengten Gedanken über das komplexe Thema Kongruenz zum Trotz. Denn hier stand die Ehre eines siebenjährigen Knaben auf dem Spiel, der unter sprachlich widrigen Umständen im Badischen aufwächst und offenbar dringend meines Beistandes bedarf.Zunächst einmal ist festzuhalten, dass der Siebenjährige etwas kann, was den meisten erwachsenen Menschen südlich der Main-Donau-Linie äußerst exotisch erscheint: den Genitiv hinter "wegen" bilden. Ich bitte Sie, meine Damen und Herren, beachten Sie nur diese Eleganz, diese Schönheit der Form, diesen Wohlklang der Worte: wegen des Winterwetters! Und dagegen nun den schnöden Dativ: wegen dem Winterwetter. Was klingt besser? Letztlich ist alles eine Frage der Gewöhnung - und des persönliches Geschmacks. Erlaubt ist inzwischen beides. Aber darum geht es hier ja gar nicht.Es geht um Haben oder Nichthaben, um die Frage aller Fragen: Kann "es" etwas "haben"? An dieser Frage scheiden sich die Geister. Nicht unter den Philosophen im Elfenbeinturm, sondern unter den Deutschsprechenden zwischen Flensburger Förde und den Dolomiten. Im Süden sagen viele: "es hat". Da hat es Regen, oder es hat 20 Grad, dann hat's plötzlich wieder Nebel, und gelegentlich hat es dort auch Glatteis. In Baden-Württemberg ist dies gang und gäbe, in der Schweiz sogar Standard. (Nicht das Glatteis, sondern das "Es hat".)
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Zwiebelfisch
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Dies ist wohlgemerkt die süddeutsche Art, das Wetter zu beschreiben. In den nördlicheren Breiten unseres Sprachgebietes ruft diese Art eher Erstaunen hervor: "Es hat Glatteis? Ja, habt ihr sie noch alle?" Und schon gehen sie wieder aufeinander los, die Hanseaten und die Bayern, die Schwaben und die Rheinländer, die Wiener und die Berliner. So war es schon immer, und so wird es immer sein. Uns interessiert an dieser Stelle natürlich vor allem, wie es in der Schulsprache aussieht. Hat die Lehrerin nun richtig gehandelt, indem sie den Satz anstrich und "ist" in "hat" verwandelte? Die Antwort lautet: ja und nein! Obwohl der siebenjährige Schüler in einer Region lebt, in der die Formulierung "Es hat Glatteis" glatt durchgehen würde, hat er sich für eine andere Konstruktion entschieden. Aus irgendeinem Grunde kam ihm "es hat" falsch vor, und so schrieb er lieber "es ist", was verständlich ist, zumal die Hilfsverben "sein" und "haben" häufig in Rivalität zueinander stehen. Man denke nur an Beispiele wie: "Der Schrank hat dort gestanden" (Hochdeutsch) und "Der Schrank ist dort gestanden" (Süddeutsch). Oder an das französische "il y a" (wörtlich: es dort hat) und das englische "there is" (wörtlich: da ist). Vielleicht hat der Schüler auch an die Jahreszeiten gedacht; denn Sätze wie "Es ist Frühling" und "Es war Sommer" sind schließlich richtig.Eine Formulierung nach dem Muster "Es ist Glatteis" oder "Es ist Nebel" sieht die Hochsprache jedoch nicht vor. (Außer als Antwort auf die Frage: "Was ist es?") Entweder drückt man die Wetterlage durch ein Verb aus (es regnet, es schneit, es weht, es gießt, es friert, es scheint die Sonne, es stürmt) oder mithilfe eines Adjektivs (es ist regnerisch, es ist glatt, es ist neblig, es ist bewölkt, es ist windig, es ist sonnig, es ist stürmisch). In gehobener Sprache wird auch gern "es herrscht" verwendet: "Es herrscht ein böiger Wind aus Südwest." Im Falle der Glatteis-Formulierung des Schülers hatte die Lehrerin zwar Recht, das Hilfsverb "ist" anzustreichen, allerdings begab auch sie sich anschließend aufs Glatteis, indem sie stattdessen "hat" empfahl. "Es ist glatt wegen des Winterwetters" oder "Es herrscht Glatteis wegen des Winterwetters" wären bessere Empfehlungen gewesen.
Katja Ebstein: Wunder hat es immer wieder?
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Katja Ebstein: Wunder hat es immer wieder?

Im Süddeutschen hat man's mit dem "haben" aber nicht allein, wenn es ums Wetter geht. "Es hat" wird generell anstelle des standardsprachlichen "Es gibt" verwendet: "In der Schweiz hat es hohe Berge" (statt: In der Schweiz gibt es hohe Berge), "In meiner Familie hat es keinen Zauberer" (statt: In meiner Familie gibt es nur Muggel). Wer kennt noch das schöne deutsche Chanson "Wunder gibt es immer wieder"*, mit dem Katja Ebstein 1970 beim Grandprix in Amsterdam den dritten Platz errang? Ob sie sich beim deutschen Vorentscheid hätte durchsetzen können, wenn das Lied den Titel getragen hätte: "Wunder hat es immer wieder"? Wer weiß. Auf jeden Fall hätte es wohlmeinende Punkte aus der Schweiz gegeben. Eines bleibt noch klarzustellen: Wenn man im Süden Deutschlands sagt: "Am Berg hat's Schnee", dann ist das nicht falsches Deutsch, sondern ein himmlischer Hinweis, der das Herz jedes Schifahrers höher schlagen lässt. Der Zwiebelfisch wird sich niemals gegen Dialekte richten. Er will nur Licht in das Dunkel bringen, durch das wir gelegentlich tasten, wenn wir auf der Suche nach einem gemeinsamen sprachlichen Standard sind. Die Kolumne über Kongruenz bei Appositionen bekommen Sie beim nächsten Mal zu lesen, sofern es bis dahin nicht wieder einen dramatischen Zwischenfall wie diesen hat. *Musik: Christian Bruhn, Text: Günter Loose
Freitag, 3.3.2006, Bastian Sick live:9.05 bis 10.30 Uhr: Bastian Sick zu Gast in der ZDF-Livesendung Volle Kanne20 Uhr, Hamburg, Alma Hoppes Lustspielhaus: Jess Jochimsen präsentiert einen Abend der komischen Literatur mit Fanny Müller, Sascha Bendiks und Bastian Sick



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