Zwiebelfisch: Phrasenalarmstufe Gelb

Von Bastian Sick

Obwohl Journalisten sich nur ungern dem Vorwurf aussetzen, unzeitgemäß zu sein, ziehen viele von ihnen beharrlich einen Marketenderkarren voll Gerümpel hinter sich her. Darauf befinden sich alte Hüte, Kappen, Fahnen, Hörner, Nähkästchen und jede Menge geplatzter Kragen. Wer ihnen den Krempel abkaufen soll? Die Leser natürlich.

Stoiber: Mit alten Hüten nichts am Hut
DPA

Stoiber: Mit alten Hüten nichts am Hut

Wer regelmäßig die Zeitungen studiert, der stößt immer wieder auf bedauernswerte Kreaturen, die von irgendjemandem "im Regen stehen gelassen" wurden. Mal sind es die Ärzte, die von der Gesundheitsministerin im Regen stehen gelassen wurden, dann wieder die Arbeitnehmer, die von den Gewerkschaften im Regen stehen gelassen wurden, und immer wieder werden Fußballspieler von ihren Clubs und Bürgermeister von ihrer Partei im Regen stehen gelassen. Kein Wunder, dass es heißt, in Deutschland regne es andauernd, wenn schon die Nachrichten derart triefend daherkommen.

Wie schnell der Regen in Hagel übergehen kann, zeigt sich immer wieder, wenn Kritik ins Spiel kommt. Kritik, Proteste, Absagen und Parteiaustritte gibt es offenbar nur in Form von Hagel. Dabei ist manche Kritik so dürftig, dass sie allenfalls zu einem leichten Nieseln im Stande wäre. Die Behauptung, es hagele Kritik, wird aber automatisch erhoben, sobald irgendwo mehr als zwei Gegenstimmen gezählt werden.

Vor Regen schützt ein Schirm, gegen Hagel hilft eine feste Kopfbedeckung. Und weil es in Stadien so oft hagelt (Proteste, Buhrufe, Pfiffe), gehört neben dicken Socken und Reklametrikot auch eine Kappe zur Standardausrüstung eines Fußballspielers. Wie oft liest man, dass ein Torwart oder ein Mannschaftskapitän etwas "auf seine Kappe" nehmen musste.

Scherf im Karneval: Gleich plaudert er aus dem Nähkäppchen
DDP

Scherf im Karneval: Gleich plaudert er aus dem Nähkäppchen

Auch Politiker müssen häufiger was "auf ihre Kappe" nehmen, diese Erkenntnis gewinnt man längst nicht nur zu Karnevalszeiten. Mancher trägt zur Abwechslung auch mal einen Hut; denn immer wieder kann man lesen, dass der eine oder die andere mit einer bestimmten Weltanschauung "nichts am Hut" habe: "Mit penibler Aktenführung hatte Helmut Kohl wohl nichts am Hut" (SPIEGEL); "Dabei hat Brandenburgs neuer Verkehrsminister mit Musik nichts am Hut" ("Bild").

Stattdessen haben sie sich nicht selten irgendetwas "auf die Fahnen geschrieben". Das klingt beeindruckend, hört sich aber nach mehr an, als es in Wahrheit ist: Auf der CDU-Fahne steht "CDU"; auf der SPD-Fahne stand mal "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" und "Einigkeit macht stark", heute meistens nicht mehr als "SPD". Offenbar aber können es manche nicht lassen, den Politikern diverse antiquierte Gegenstände an die Hand zu geben, zum Beispiel Hörner, in die sie nacheinander hineinblasen dürfen. Anderntags liest man dann, Angela Merkel habe "ins gleiche Horn gestoßen", in das zuvor schon Roland Koch getrötet hatte.

Und dann das berühmte Nähkästchen! Das tragen die Stars immer mit sich herum, damit sie jederzeit daraus plaudern können, wenn sie sich mit einem Journalisten zum Tee treffen. Darin befindet sich auch immer ein zusammengefaltetes Stück Papier, das aber selten herausgekramt wird, denn regelmäßig heißt es, der Befragte habe "kein Blatt vor den Mund" genommen. Eine hübsche altmodische Wendung, die übrigens auf eine Theatersitte zurückgeht. Dabei hielten sich die Schauspieler ein Blatt als eine Art Maske vor den Mund, um für ihre kritischen oder lästerlichen Äußerungen später nicht zur Rechenschaft gezogen zu werden. Es empfiehlt sich, kein Blatt vor den Mund zu nehmen, wenn man ins gleiche Horn stoßen will. Der Ton könnte sonst etwas mickrig klingen.

Ulla Schmidt: Erst mal platzt die Perlenkette
AP

Ulla Schmidt: Erst mal platzt die Perlenkette

Wem alles zu viel wird, dem platzt zwangsläufig der Kragen: "Dem Polizeihauptmeister platzte der Kragen, als er sich den rostigen Ford-Transit ansah." Bei einer Uniform mag das noch angehen, aber wie viel Wut gehört dazu, einen Rollkragen zum Platzen zu bringen? Oder einen labberigen T-Shirt-Kragen? Schließlich platzen nicht nur Hemdträgern die Kragen. Auch "Ulla Schmidt platzt der Kragen", wusste eine Zeitung unlängst zu berichten. Wenn der Ministerin aber der Hals schwillt, platzt erst mal die Perlenkette. In deutschen Zeitungen hört man ständig irgendwelche Kragen platzen, manchmal sind es gleich mehrere auf einmal, wenn es zum Beispiel heißt: "Den Gladbach-Fans platzte der Kragen." An jenem Tag waren mehrere Tausend Gladbach-Fans im Stadion. Welch ein Knall muss das gewesen sein!

Das muss dann wieder irgendjemand auf seine Kappe nehmen, auch wenn er damit nichts am Hut hat, weil er sich etwas völlig anderes auf die Fahnen geschrieben hat, aber sonst hagelt es wieder Proteste und man lässt ihn am Ende womöglich im Regen stehen.


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