Zwiebelfisch Qualität hat seinen Preis

Jungen sind männlich und Mädchen weiblich? Einer ist keiner, und eine Mannschaft sind ganz viele? Wenn es doch so einfach wäre! Jede Sprache hat seine Tücken, vor allem das Deutsche mit ihren verwirrenden Wechseln zwischen den Geschlechtern und zwischen Einzahl und Mehrzahl.


Dieses hat seine Vorzüge, jenes seine Nachteile, manches hat sein Gutes, alles braucht seine Zeit, und jeder hat seinen Stolz. Diese und ähnliche Einsichten werden regelmäßig verkündet. Seltsamerweise hat noch nie jemand laut die Frage gestellt, von wem da eigentlich immer die Rede ist. Wer ist dieser jemand, um dessen Vorzüge es geht, dessen Zeit gebraucht und dessen Stolz unbestritten ist? Wer ist dieser "seiner"? Ist es der, dessen Namen man nicht nennt? Ist es Hassan der Hofhund? Oder Gott womöglich? Müsste man das Pronomen dann nicht sogar großschreiben: Das hat Seine Richtigkeit?

Szene aus "Simon Boccanegra" an der Hamburgischen Staatsoper: Gescheiterte Kongruenz
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Szene aus "Simon Boccanegra" an der Hamburgischen Staatsoper: Gescheiterte Kongruenz

Des Rätsels Lösung liegt nicht im Mystischen, sondern in der Beziehung der Wörter zueinander. Das ominöse "sein" ist ein besitzanzeigendes Fürwort und bezieht sich auf die jeweils am Satzanfang genannte Sache oder Person. Wenn es heißt "Das wird schon seinen Grund haben", dann bezieht sich "seinen" auf "Das", und dieses "Das" wiederum auf etwas, das kurz zuvor erwähnt worden ist. Die beiden gehören zusammen, so wie Erde und Mond, und damit keiner von ihnen aus seiner Bahn fliegt, müssen sie sorgsam aufeinander abgestimmt werden.

Die Grammatikaner haben dafür ein schwer auszusprechendes Wort gefunden: Kongruenz. Das ist aus dem Lateinischen entlehnt und bedeutet Übereinstimmung. Wörter, die sich aufeinander beziehen, müssen im gleichen Kasus, Genus und Numerus stehen. Sonst erkennt man am Ende nicht mehr, welches Fürwort zu welchem Hauptwort gehört, und begreift womöglich den ganzen Satz nicht.

"Man sagt zwar, Qualität hat seinen Preis, aber es muss doch auch eine preiswerte Qualität geben", behauptet ein Anbieter von Wasserbetten. Nein, will man ihm spontan widersprechen, das sagt man eben nicht. Zwar mag es richtig sein, dass alles "seinen Preis" hat, aber wenn es um Qualität geht, dann muss es selbstverständlich heißen: "Qualität hat ihren Preis". Diese Erkenntnis scheint sich in der Werbebranche noch nicht ganz herumgesprochen zu haben, aber die hatte ja schon immer seine liebe Not mit der Grammatik. Doch am schlimmsten scheint es den Autojournalismus erwischt zu haben. Dort wimmelt es von Fahrberichten, die zu dem Ergebnis kommen: "Qualität hat seinen Preis."

Längst nicht immer kongruent verhalten sich Sprache und Biologie. Während letztere beim Menschen - bis auf wenige Ausnahmen - nur zwei Geschlechter unterscheidet, kennt die Grammatik drei. Es gibt den Mann, die Frau - und das Mädchen! Eine Formulierung wie "Im anderen Abteil saß ein rothaariges Mädchen mit einer knallbunten Reisetasche. Ich grüßte kurz und setzte mich neben sie" ist grammatisch nur dann einwandfrei, wenn der Erzähler sich auch wirklich neben die knallbunte Reisetasche gesetzt hat.

Nicht nur ein plötzlicher Wechsel des Geschlechts ist heikel. Zu erheblichen Verständnisproblemen kann es auch bei schwankendem Numerus kommen, beim Durcheinander von Einzahl und Mehrzahl, so wie in diesem Bericht über Osteoporose: "Jeder vierte Patient ist ein Mann. Sport und Medikamente schützen ihre Knochen." Ein solcher Satz gibt Rätsel auf. Hieße es "seine Knochen", dann wäre klar, wer gemeint ist: der Mann nämlich - oder aber der Patient, beides ergibt einen Sinn. Das Pronomen "ihre" deutet indes auf eine Mehrzahl hin, die man beim Patienten und beim Mann aber vergeblich sucht. Auch wenn die Zahl "vier" darin vorkommt, so ist "jeder vierte Patient" ein Singular. Die einzige Mehrzahl bilden "Sport und Medikamente", qua Numerus können also nur sie es sein, die hier ihre Knochen schützen. Apropos Sport: In Fußballreportagen erleidet der grammatische Bezug regelmäßig Schiffbruch, wenn eben noch von der Mannschaft im Singular die Rede war und es im nächsten Satz dann im Plural weitergeht: "Die Mannschaft war wirklich in Bestform heute, und man muss sagen, sie haben verdient gewonnen."

Doch das ist nichts im Vergleich zu den Problemen, die uns die Kongruenz der Fälle bereitet, besonders bei Einschüben. Ein Beispiel aus einem Programmheft der Hamburgischen Staatsoper: "Eine Ehe zwischen Simon und Maria ist bisher am Widerstand ihres Vaters, dem Patrizier Jacopo Fiesco, gescheitert", liest man in der Inhaltsangabe der Verdi-Oper "Simon Boccanegra".

Dieser Satz enthält gleich mehrere Fehler: Natürlich ist nicht die Ehe zwischen Simon und Maria gescheitert, denn die waren ja noch gar nicht verheiratet. Die Ehe ist auf gut Deutsch gesagt nicht zustande gekommen. Gescheitert hingegen ist die Kongruenz, und zwar gründlich: Als Vater steht Fiesco noch im Genitiv, und als Patrizier ist er plötzlich in den Dativ abgerutscht. Eigentlich wird in dieser Oper schon genug gestorben, da hätte man den Genitiv ruhig überleben lassen können - wenigstens dieses eine Mal! So stellt man fest: Alles hat seine Grenzen, vor allem die Qualität unserer Sprache.


Freitag, 3.3.2006, Bastian Sick live:

9.05 bis 10.30 Uhr: Bastian Sick zu Gast in der ZDF-Livesendung Volle Kanne

20 Uhr, Hamburg, Alma Hoppes Lustspielhaus: Jess Jochimsen präsentiert einen Abend der komischen Literatur mit Fanny Müller, Sascha Bendiks und Bastian Sick




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