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Zwiebelfisch: Schweizgebadet

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Wissen Sie, was ein Verschrieb ist? Haben Sie schon mal vom Gurtentrageobligatorium gehört? Oder ein echtes Chrüsimüsi erlebt? Dann kennen Sie sich in der Schweiz offenbar gut aus! Die Sprache der Schweizer steckt voller drolliger Begriffe.

Vor meiner Reise in die Schweiz schenkt mein Freund Henry mir ein kleines Wörterbuch "Deutsch - Schweizerdeutsch". "Das wirst du brauchen", sagt er, "denn die Sprache der Schweizer ist gespickt mit kuriosen Wörtern!" Damit meint Henry die sogenannten Helvetismen - spezielle Ausdrücke, die nur in der Schweizer Standardsprache vorkommen.

Velos und Töffli - im Schweizer Verkehr findet sich der Deutsche nicht immer zurecht
Bastian Sick

Velos und Töffli - im Schweizer Verkehr findet sich der Deutsche nicht immer zurecht

Viele stammen aus dem Französischen, so wie das Lavabo (Waschbecken), die Papeterie (Schreibwarenhandlung) und der Pneu (Autoreifen). Einige französische Wörter wurden von den Schweizern liebevoll verfremdet, so wie der Redakteur, der sich in der Schweiz Redaktor nennt, mit Betonung auf der zweiten Silbe. Entgegen landläufigen Klischees sind die Schweizer keinesfalls den ganzen Tag mit Putzen und Jodeln beschäftigt, sondern hauptsächlich mit essen, und zwar vom Zmorge (Frühstück) über das Znüni (Zweites Frühstück), das Zmittag (Mittagessen) und das Zvieri (Mahlzeit am Nachmittag) bis zum Znacht (Abendessen). Dass die meisten Nahrungsmittel in der Schweiz einen anderen Namen haben, darauf war ich gefasst, denn schon innerhalb Deutschlands ist der Speiseplan alles andere als einheitlich. So ist der Pfifferling in der Schweiz ein Eierschwämmli und die Walnuss eine Baumnuss. Damit kann man sich anfreunden. Wer jedoch in der Schweiz einen italienischen Vorspeisenteller "ohne Peperoni" bestellt, dem kann es passieren, dass er einen Vorspeisenteller mit Peperoni bekommt - dafür ohne Paprika. Das, was der Deutsche unter Peperoni versteht, sind für den Schweizer Peperoncini. Das Wort Peperoni verwendet der Schweizer hingegen für das, was bei uns Paprika ist, also das gelb-rot-grüne Gemüse. Die Peperoni sind also keine Peperoni. Und auch die Zucchini sind keine Zucchini, sondern Zucchetti. Sehr kompliziert, das alles. Man sollte in der Schweiz besser nicht italienisch essen gehen.

Man sollte in der Schweiz auch nicht Auto fahren. In der Schweiz kann man nämlich nirgendwo parken. Die Schweizer parkieren. Und wer im Halteverbot parkiert, der wird verzeigt. Die Schweizer halten auch nicht vor Ampeln, sondern vor Rotlichtern. Und sie fahren das Auto vor allem dann in die Garage, wenn es kaputt ist, denn Garage ist im Schweizerischen auch eine Autowerkstatt. Wer sich wagemutig in den Zürcher Straßenverkehr stürzt, muss auf alles Mögliche achtgeben: auf Velos, Töffs, Töfflis, auf Camions, Cars und natürlich auf das Tram. Also auf Fahrräder, Motorräder, Mofas, auf Lastwagen, Reisebusse und natürlich auf die Straßenbahn. Da ist es doch bequemer, einfach im Straßencafé sitzen zu bleiben und den Verkehr an sich vorüberziehen zu lassen. Man sollte sich allerdings vorher vergewissern, dass man genügend Franken in der Tasche hat. Oder im Sack.

Denn wo der Deutsche in die Tasche greift, da langt der Schweizer in den Sack. Das berühmte Schweizer Taschenmesser ist gar kein Taschenmesser, sondern ein Sackmesser. Jedenfalls für den Schweizer. Und Kinder bekommen kein Taschengeld, sondern ein Sackgeld. (Das dürfen unsere Kinder hier nie erfahren, sonst wollen die alle in die Schweiz, wo es Säcke voller Geld gibt!) Wer nun glaubt, das Prinzip verstanden zu haben, und das deutsche Taschentuch mit Sacktuch übersetzt, der fällt voll auf die Nase, denn zum Taschentuch sagt der Schweizer Nastuech.

Und selbstverständlich haben die Schweizer auch ihre eigenen Redewendungen. Wenn zwei Menschen miteinander nicht zurechtkommen, dann haben sie auf gut Schweizerisch "ihr Heu nicht auf derselben Bühne". - "Mach dich auf einiges gefasst!", sagt Henry mir, "in der Schweiz ist es sauglatt!" - "Aber doch nicht mehr jetzt im Frühling!", protestiere ich. Henry winkt ab: "Sauglatt heißt nichts anderes als sehr lustig. Ich sehe schon, du musst noch viel lernen! Aber früher oder später wird dir der Knopf aufgehen! Das sagt der Schweizer nämlich, wenn ihm ein Licht aufgeht."

In der Nacht träume ich, ich stehe auf einer Bühne zwischen lauter Heuballen, bei jedem Schritt drohe ich auszurutschen, denn es ist überall sauglatt, und am Ende bemerke ich, dass mir die Hose offensteht, denn mir ist der Knopf aufgegangen. Schweizgebadet wache ich auf.


Verschrieb = Schweizer Amtsdeutsch für Schreibfehler

Gurtentrageobligatorium = Anschnallpflicht

Chrüsimüsi = Durcheinander

verzeigen = anzeigen

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