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Zwiebelfisch: Was man nicht in den Beinen hat...

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Feststehende Redewendungen sind längst nicht so fest, wie man meint. Viele wackeln, dass einem ganz schwindlig wird. Aber das hat auch sein Gutes. Denn verdrehte Redensarten sind das tägliche Brot in der Salzsuppe unserer Sprache.

Um eine fremde Sprache zu beherrschen, bedarf es nicht nur der Kenntnisse des Vokabulars, der Grammatik und der Aussprache. Die größte Hürde stellen die sogenannten Idiome dar: Das sind feststehende Wortgruppen, die nur in ganz bestimmten Zusammenhängen einen Sinn ergeben. Wenn man zum Beispiel etwas nicht bemerkt oder übersieht, dann hat man "Tomaten auf den Augen". Die Annahme, dass Tomaten generell für eingeschränkte Sinneswahrnehmung stehen, ist nicht richtig. Wer etwas nicht hört, der hat keinesfalls "Tomaten auf den Ohren". Stattdessen hat er "Bohnen in den Ohren".

... das muss man in den Hüften haben. Oder so ähnlich.
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... das muss man in den Hüften haben. Oder so ähnlich.

Derlei lexikalisierte Fügungen gibt es Tausende in jeder Sprache. Oft lassen sie sich nicht wortgetreu übersetzen. Mit der deutschen Feststellung "Er fällt mir auf den Wecker!" kann weder ein Engländer ("He's falling on my clock") noch ein Franzose ("Il me tombe sur le reveil") etwas anfangen. Auf Englisch heißt es "He gives me the hump" (wörtlich: Er macht mir einen Buckel) und auf Französisch "Il me casse les pieds" (wörtlich: Er bricht mir die Füße). Mit wörtlicher Übersetzung kommt man nicht weit. Es hilft leider nichts: Um sich halbwegs sicher auf dem glatten Parkett einer Fremdsprache bewegen zu können, muss man ihre Idiome mühsam auswendig lernen.

Das gilt natürlich auch für die Muttersprache. Denn nicht nur das fremdsprachliche Terrain ist mit idiomatischen Stolpersteinen gepflastert. Auch im Deutschen kann man sich leicht vertun. So passierte es zum Beispiel Uwe Ochsenknecht, der in einem Fernsehinterview über seinen Filmpartner Armin Rohde schwärmte: "Dieser Mann ist ein Herz und eine Seele."

Einige Menschen scheinen immer am falschen Fuß zu frieren, denn in der Zeitung liest man gelegentlich, wie jemand "auf dem kalten Fuß erwischt" worden ist. Die "Berliner Zeitung" wusste den "kalten Fuß" sogar noch eiskalt zu steigern. In einem Artikel über den Bundestagswahlkampf 2005 konnte man lesen: "Die geplanten Neuwahlen haben die CDU/CSU auf dem kalten Fuß erwischt, auf einem schon fast erfrorenen aber im Bereich der Kultur." Füße scheinen übrigens ein grundsätzliches Sprachproblem darzustellen. Über Füße stolpert man jedenfalls besonders oft. Ein Mitarbeiter der Weltgesundheitsorganisation (WHO) klagte in einem Interview mit der "Basler Zeitung" über die Schwierigkeiten im Kampf gegen die Ausbreitung der Vogelgrippe und kam zu dem Schluss: "Mit den konventionellen Maßnahmen stehen wir auf verlorenem Fuß."

"Lieber ein Schreck mit Ende, als wenn es so weitergegangen wäre", sagte Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust, nachdem er den erpresserischen Innensenator Ronald Schill entlassen hatte. Pierre Littbarski ist da anderer Meinung, denn von ihm stammt der Ausspruch: "Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schreck mit Ende." Aber alle sind sich grundsätzlich darin einig, dass es einen Schrecken ohne Ende nicht geben darf. So erhob der DFB-Präsident Theo Zwanziger in einem Interview zum Hoyzer-Skandal mehrmals die Forderung, es müsse nun endlich "ein Schlusspunkt gezogen werden".

Bei solch wunderbaren Worten muss ich natürlich an meine Freundin Sibylle denken. Denn die ist eine Sprachakrobatin ganz besonderer Art. Sie versteht es meisterlich, mit bekannten Redewendungen zu jonglieren und dadurch neue Wendungen entstehen zu lassen, die zwar nicht immer einen Sinn ergeben, dafür aber an Originalität kaum zu übertreffen sind. Zu ihrem Repertoire gehören unübertroffene Aussprüche wie "Ab durch die Post!" und "Das ist die Kehrmedaille." Und manchmal hat sie auch schon "in beiden Stühlen" gesessen. "Klar, das Auge sieht bekanntlich mit", weiß sie, und: "Jetzt mal Schwamm beiseite", denn "sonst wecken wir noch schlafende Hühner!"

Sibylles einmaliges Talent als Wortverdreherin entwickelte sich schon sehr früh. Als Kind glaubte sie nicht nur an den Weihnachtsmann und den Osterhasen, sondern an noch so manches andere, wie zum Beispiel an "einäugige Zwillinge". "Ich dachte wirklich, die heißen so", sagt Sibylle heute und lacht. Damals fand sie das freilich gar nicht komisch, und das Phänomen der "einäugigen Zwillinge" hat ihr Rätsel aufgegeben.

Nach ihrer Ausbildung hätte sie sich als Dekorateurin selbstständig machen können, aber sie hatte keine Lust, "Klingeln zu putzen". Stattdessen hat sie als Tagesmutter gearbeitet. Doch auch das war "nicht das Wahre vom Ei", sagt sie rückblickend. Sie war es leid, dass ihre Wohnung nach Abholung der Kinder immer aussah, als wäre "eine Bombe eingebrochen". Ins Dekorationsgeschäft kann sie inzwischen nicht mehr zurück: "Der Zug ist abgelaufen", meint sie.

Sibylles Musikgeschmack ist nicht besonders differenziert. Sie hört alles "querfeldbeet", wie sie sagt. Früher hat sie sehr für Julio Iglesias geschwärmt, aber inzwischen sei "sein Zenit am Sinken", und als sie das letzte Mal in einer CD-Abteilung nach Julio Iglesias gesucht habe, wusste der Verkäufer nicht einmal mehr, wer das ist, und hat sie allen Ernstes gefragt, ob sie nicht Enrique Iglesias meine. Seitdem bestellt sie ihre CDs lieber im Internet. Dort nimmt sie auch an Auktionen teil, ersteigert leidenschaftlich gern irgendwelche unnützen Dinge und ärgert sich immer maßlos, wenn ihr mal wieder jemand etwas "vor den Fingern weggeschnappt" hat.

Sibylle engagiert sich sehr für ihre Freunde. Wer immer Hilfe braucht - sei's beim Montieren eines neuen Regals oder bei der Erörterung von Beziehungsproblemen - der kann auf sie zählen. "Ich habe eben eine soziale Strähne", sagt sie. Eigentlich ist Sibylle ja sehr tierlieb, daher bin ich nicht sicher, ob sie sich der Bedeutung ihrer Worte im Klaren ist, wenn sie einem Touristen erklärt: "Da können Sie zu Fuß hingehen. Das ist von hier nur einen Katzenwurf entfernt!"

Als ihre Schwester schwanger wurde, war Sibylle total überrascht. "Da bin ich aus allen Socken gefallen", berichtete sie mir später. Inzwischen geht ihr Neffe in die achte Klasse, steckt mitten in der Pubertät und hat Probleme in der Schule. "Wenn der sich nicht auf die Hammelbeine stellt, dann bleibt er sitzen", prophezeit Sibylle. Zum Nikolaus hat sie ihm mein Buch geschenkt, und er hat sich nicht mal dafür bedankt. "Da kann einem auch als Tante schon mal die Hutschnur platzen!", empört sie sich.

Bei einer Internetrecherche nach prähistorischen Tieren stieß ich zu meiner Verwunderung auf die Seite des Hochzeitsausstatters confettiwelt.de, der unter der Überschrift "Geldgeschenke kreativ verpackt" folgende Behauptung aufstellte: "Viele Hochzeitspaare wünschen sich Geld- anstatt Sachgeschenke. Sei es nun, da sie ihren Hausstand schon komplett haben oder einfach nur selbst bestimmen wollen, wofür der schnöde Mammut ausgegeben wird." Das wäre Sibylle nicht passiert. Sie hat sich nämlich mit mir zusammen beide Teile des Films "Ice Age" angesehen und weiß, dass Mammuts alles andere als schnöde sind. Zwar könnte sie nicht erklären, woher das Wort Mammon stammt und was es genau bedeutet*, aber dafür hat sie ja mich. Und alles andere steht im Branchenverzeichnis. "Schau am besten in den grünen Seiten nach!", rät Sibylle mir gern.

Nachdem sie sich von ihrem Freund getrennt hatte, sind wir häufiger zusammen ins Kino gegangen, denn Sibylle brauchte etwas Ablenkung. Inzwischen aber scheint ihr Liebesleben wieder in Schwung zu kommen, denn als ich sie letztens fragte, ob sie sich mit mir "Das Parfum" ansehen wolle, schien es ihr nicht zu passen. "Das wird mir zu spät", sagte sie, "bei mir steht morgen um 7 Uhr der Klempner auf der Matratze."


* "Mammon" ist ein aramäisch-griechisch-lateinisches Wort für Geld, Reichtum, Besitz. In der Bibel steht es für den personifizierten Materialismus: "Ihr könnt nicht Gott dienen, und dem Mammon" (Matth. 6, 24)

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