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Zwiebelfisch: Was meint eigentlich Halloween?

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Was genau sind Anglizismen? Wörter wie "Sale", "U-Turn" und "Chicken Wings" sind englische Fremdwörter. Anglizismen sind etwas anderes: Frühe Vögel zum Beispiel. Oder Dinge, die eine Meinung haben. Kürbisse mit Fratzen. Und Rehe mit Hirschgeweih.

Unter einem Anglizismus versteht der Sprachwissenschaftler ein sprachliches Muster, das aus dem Englischen übernommen wurde und auf den ersten Blick gar nicht unbedingt als englisch zu erkennen ist. Eine Redewendung wie "Der frühe Vogel fängt den Wurm" zum Beispiel ist ein Anglizismus. Sie entstand durch Übersetzung aus dem Englischen ("The early bird catches the worm") und kommt nun als scheinbar deutsche Weisheit daher. Die deutsche Entsprechung lautet nämlich ganz anders: "Wer zuerst kommt, mahlt zuerst."

US-Brauch Halloween: Kürbiskult mit eigener Meinung
DPA

US-Brauch Halloween: Kürbiskult mit eigener Meinung

Auch die immer häufiger zu hörende Phrase "das meint" ist ein Anglizismus. Zitat aus einer Veröffentlichung des Goethe-Instituts: "Die Fort- und Weiterbildung der Älteren, und das meint bereits die über Vierzigjährigen, wird sehr stark vernachlässigt."

Vorbild für diese Konstruktion ist das englische Idiom "that means", und das bedeutet "das bedeutet". Worte, Zeichen und Ereignisse haben keine Meinung, sondern eine Bedeutung. Wer "that means" mit "das meint" übersetzt, ist sich des Bedeutungsunterschiedes zwischen "Bedeutung" (engl. "meaning") und "Meinung" (engl. "opinion") offenbar nicht bewusst. "Kinderarmut, das meint laut Deutschem Kinderschutzbund ein Leben auf Sozialhilfe-Niveau", meinte die "Westdeutsche Allgemeine Zeitung" (WAZ) in einem Artikel, der sogar noch mit "Armut meint …" überschrieben war. Dass Armut zwar Ursachen und Auswirkungen, aber keine Meinung haben kann, weil sie kein denkendes Wesen ist, ist offenbar niemandem in den Sinn gekommen. Für die WAZ-Redakteure schien die Phrase "Sinn zu machen".

Am Ende des Tages...

In Wirtschaft und Politik wird immer seltener der Blick in die Zukunft gewagt. Die meisten Voraussagen reichen nur noch bis zum "Ende des Tages". So warf der Vorstandsvorsitzende eines Reifenherstellers der Gewerkschaft vor, sie würde ihn zum Buhmann machen, "um sich am Ende des Tages von der Globalisierung abzukapseln". Auch Edmund Stoiber fürchtet das Ende des Tages: "Wenn wir dieses Wahlergebnis nicht sorgfältigst analysieren", sprach er nach der letzten Bundestagswahl vor Parteimitgliedern, "dann besteht die große Gefahr, dass sich die Union, ihre Anhänger, ihre Wähler, ihre aktiven Mitglieder vor Ort und am Ende des Tages ganz Deutschland daran gewöhnt, dass wir immer Wahlergebnisse irgendwo in den Dreißigern bekommen." Die englische Metapher "at the end of the day" bedeutet "letzten Endes", "schließlich". Für die meisten Deutschen ist das "Ende des Tages" keine rhetorische Figur, sondern nichts anderes als der Abend. Die Verwendung im Sinne von "schließlich" ist ein Anglizismus.

Die meisten heutigen Anglizismen sind in Wahrheit natürlich Amerikanismen, da wir sie nicht aus dem britischen, sondern aus dem amerikanischen Englisch übernommen haben. Und nicht nur Sprachwissenschaftler registrieren Amerikanismen. Auch Landwirte, Förster und Biologielehrer müssen sich mit ihnen auseinandersetzen.

Reh oder Hirsch?

Einer der bekanntesten Amerikanismen ist Walt Disneys Bambi. Wir Deutschsprachigen halten Bambi alle für ein Reh, was es in der Romanvorlage des Österreichers Felix Salten auch ist.* Doch als Walt Disney in den dreißiger Jahren den Stoff erwarb, um daraus einen Zeichentrickfilm zu machen, machte er aus Bambi einen Hirsch. Denn in Amerika gibt es keine Rehe. Stattdessen gibt es dort Weißwedelhirsche, benannt nach ihrem weißen Schwanz (= Wedel). Die amerikanischen Kinder sollten ein Tier sehen, das sie kannten, also wurde das Zeichentrick-Bambi, das 1942 auf der Leinwand erschien, nicht von einer Rehricke, sondern von einer Hirschkuh aufgezogen, und am Ende wächst ihm ein prächtiges Hirschgeweih.

In der deutschen Synchronfassung aus dem Jahre 1950 wurde das Wort "deer" (engl. für Hirsch) wieder mit "Reh" übersetzt. Die Verwechslung wurde durch die Tatsache begünstigt, dass Rehkitze und Weißwedelhirschkälber einander sehr ähnlich sind. Die jungen Kinobesucher schlussfolgerten: Wenn Bambis Mutter ein Reh ist, sein Vater ein Hirschgeweih trägt, dann musste also das Reh das weibliche Pendant zum Hirsch sein. Mehrere Generationen von Schulkindern wuchsen in dem Glauben auf, dass Reh und Hirsch zusammengehören so wie Kater und Katze, Eber und Sau, Erpel und Ente, Bulle und Kuh. Dieser Irrglauben, inzwischen auch als "die Bambi-Lüge" bekannt, hat sich bis heute gehalten. In einer aktuellen Umfrage ermittelte die Deutsche Wildtier Stiftung, dass nahezu zwei Drittel der Kinder (nämlich 62 Prozent) überzeugt sind, das Reh sei die Frau vom Hirsch.

Einer der erfolgreichsten kommerziellen Amerikanismen zeigt uns alljährlich im Oktober seine gruselige Fratze: Mit viel Werbung und Rückendeckung aus Hollywood ist es dem deutschen Einzelhandel gelungen, das amerikanische Kinderschreckfest Halloween auch bei uns in Deutschland einzuführen. "Halloween" hat übrigens nichts mit "Hallo" zu tun, sondern ist die Kurzform von "All Hallows Eve(ning)", zu deutsch: der Abend vor Allerheiligen. Seit es das nun auch bei uns gibt, werden immer mehr Kohl- und Rübenäcker zu Kürbisfeldern umgewidmet. Und Fluggäste wundern sich über die leuchtend orangefarbenen Flecken in der norddeutschen Tiefebene. Der Kürbiskult ist schön für die Landwirtschaft, die jeden Profit brauchen kann. Ob die deutsche Kultur Halloween braucht, konnte noch nicht überzeugend beantwortet werden. Den Kindern dürfte es ziemlich egal sein, solange es Süßes gibt. Aber wenn der frühe Vogel bereits Sinn macht, dann wird am Ende des Tages auch Halloween für jedermann etwas meinen.

* Felix Salten: Bambi. Eine Lebensgeschichte aus dem Walde. Berlin, Ullstein, 1923.

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