Zwiebelfisch: Weil er mich sitzen hat lassen

Von Bastian Sick

2. Teil

Gelegentlich kommt es vor, dass nicht nur zwei, sondern sogar drei Verben aufeinander folgen. Dann stehen alle drei im Infinitiv: Ich hatte meine Chancen schon flöten gehen sehen. Du hättest dich nicht so gehen lassen dürfen. Wir haben uns den Weg zeigen lassen müssen.

Anders wiederum verhält es sich im Passiv. Da ist der Ersatzinfinitiv fehl am Platz. Wenn die Partei den Kandidaten aktiv hat fallen lassen (oder wahlweise fallen gelassen hat), dann wurde er passiv von der Partei fallen gelassen - und nicht etwa fallen lassen. Ob der Kandidat sich das hat gefallen lassen, steht auf einem anderen Blatt.

Kürzlich landete ich beim Herumdrücken auf meiner Fernbedienung in dem Fernsehfilm "Männer sind zum Abgewöhnen". Ich fing gerade an, mich in die Geschichte einzufühlen, da hörte ich die weibliche Hauptfigur, eine alleinerziehende Mutter, zu ihrer Tochter sagen: "Dein Vater hat ein schlechtes Gewissen, weil er mich damals hochschwanger sitzen hat lassen." Das ließ mich aufhorchen. Dass Nebensätze, die mit "weil" eingeleitet werden, uns zunehmend Schwierigkeiten bereiten, war mir ja nichts Neues, weil das Problem ist hinlänglich bekannt. Hier geht es aber nicht um die übliche Satzverdrehung, sondern um die Stellung des "hat": "weil er mich sitzen gelassen hat" oder "weil er mich hat sitzen lassen" - beide Formen sind möglich und geläufig. "Weil er mich sitzen hat lassen" wirkt hingegen sonderbar. Mein erster Gedanke war, dass der Drehbuchautor beim Schreiben vielleicht einen sitzen hatte. Dann fiel mir ein Satz ein, den ich im Niederländisch-Unterricht gelernt hatte. Ich habe ihn mir damals eingeprägt, weil ich ihn besonders drollig fand. Er lautete: "Ik heb de zon in de zee zien zakken." Wortwörtlich übersetzt heißt das: "Ich habe die Sonne ins Meer sehen sinken." Zwei Dinge habe ich damals begriffen:

1. Die Niederländer machen es genauso wie wir, auch sie lassen im Perfekt zwei Infinitivformen aufeinander folgen.

2. Sie tun es aber in umgekehrter Reihenfolge. Denn "ins Meer sehen sinken" klingt für deutsche Ohren ungewohnt. Hierzulande würden man sagen: "Ich habe die Sonne ins Meer sinken sehen."

Einen weiteren bemerkenswerten Fall entdeckte ich unlängst in einem Bericht über Kurt Cobain und Courtney Love: "Sie soll ihn aus Habgier haben umbringen lassen", hieß es darin - eine nicht zuletzt in syntaktischer Hinsicht überaus gewagte Formulierung. Im ersten Moment erschien sie mir falsch. Doch ich konnte nicht sagen, wie es anders hätte lauten müssen: Sie soll ihn umbringen haben lassen? Sie soll ihn umbringen lassen haben? Oder gar: Sie soll ihn umgebracht haben lassen? Nein, das würde ja bedeuten, sie ließ ihn so umgebracht, wie sie ihn bereits vorfand. Je länger ich über dieses "haben umbringen lassen" nachdachte, desto mehr begann ich an meiner Intuition zu zweifeln. Verdammte Courtney, nun hatte sie auch noch mein Sprachgefühl auf dem Gewissen! Nach eingehender Recherche stellte sich die kühne Behauptung als richtig heraus - nicht in Bezug auf Kurt Cobains Tod, sondern in Bezug auf die Reihenfolge der Infinitive. Denn die Regel schreibt vor, dass das Hilfsverb "haben" vorangestellt wird, wenn es sich bei der zweiten Infinitivform (hier: lassen) um einen von "haben" abhängigen Ersatzinfinitiv handelt.

Dies werden Sie jetzt erst einmal sacken lassen müssen. Dass die Sache mit dem doppelten Infinitiv keine leichte Kost ist, hätte ich Ihnen natürlich gleich sagen können. Aber dann hätten Sie diese Kolumne womöglich gar nicht lesen mögen. Darum habe ich die alte Spinat-Taktik angewandt. Die kennen Sie bestimmt auch noch: Alle wollten, dass man's schluckt, und keiner sagte einem vorher, dass es nicht schmeckt. Und dann diese wissenschaftlich nicht zu beweisende Behauptung, von Spinat würde man groß und stark! Auch Felix hat längst seine Zweifel daran, wie ich unlängst feststellen konnte. Ich wollte ihn zu einer Pizza mit Käse und Spinat überreden und führte, weil mir nichts Besseres einfiel, das alte "Spinat macht stark"-Argument an. "Wie stark denn?", fragte Felix kritisch. "Na, so stark wie Herkules!", erwiderte ich. "Echt? Und woher weißt du das?" Ich zwinkerte ihm zu und antwortete: "Das weiß ich vom Sagenhören!"

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles zum Thema Die Zwiebelfisch-Kolumne
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte
  • Zur Startseite