Zwiebelfisch Wenn man könnte, wie man wöllte

2. Teil


Tatsächlich handelt es sich bei "möchten" um nichts anderes als den Konjunktiv II von "mögen". Wer sich nicht im Indikativ verabschieden mag, der möge sich im Konjunktiv II verabschieden und sagen: "Ich möchte mich verabschieden." Im Internet kann man dessen ungeachtet eine Konjugationstabelle aufrufen, in der das Verb "möchten" in allen Zeiten durchgebildet wird: Vom Präsens (wir möchten) über die Vergangenheit (wir möchteten) bis hin zu Plusquamperfekt (wir hatten gemöchtet) und Futur II (wir werden gemöchtet haben). Besonders hübsch wird es, wenn "möchten" dann noch zusätzlich in den Konjunktiv gesetzt wird: "Du habest gemöchtet". Tja, das hätte wohl so mancher gern gemöchtet, wenn er nur gedürft hätte! Jedenfalls kann man nicht behaupten, dass der Konjunktiv nicht gemocht würde. Oder gemöchtet sei.

Nicht immer aber ist den Modalverben der Konjunktiv so deutlich anzusehen wie bei "müsste", "könnte" und "dürfte". Bei "brauchte" ist die Sache schon nicht mehr so eindeutig, bei "sollte" und "wollte" auch nicht. Die Zeile "Ich wollt, ich wär ein Huhn" würde zwar niemand als Wunsch in der Vergangenheit interpretieren (im Sinne von "Ich wäre seinerzeit gern ein Huhn gewesen"), aber auf den ersten Blick ist "wollte" und "sollte" nicht anzusehen, ob es sich um Vergangenheits- oder Wunschformen handelt. Die Formen "söllte" und "wöllte" existieren jedenfalls nicht, daher wird dem konjunktivischen "sollen" oft ein "besser" zur Seite gestellt: "Sie sollten besser nach Hause gehen." Damit ist klar, dass es sich um eine Empfehlung handelt, und nicht um die Feststellung, dass Sie gestern nach Hause gehen sollten, heute aber gern noch ein bisschen länger dableiben können.

Die Modalverben "wollen" und "sollen" sind noch in einer weiteren Hinsicht interessant. Sie drücken nämlich nicht nur Willen ("Ich will alles, und zwar sofort!") und Gebot ("Du sollst die Klappe halten!") aus, sondern auch Mutmaßung und Behauptung: "Er soll schon wieder getrunken haben!"; "Der Angeklagte will die Tat nicht begangen haben." In dieser Form sind "wollen" und "sollen" häufig in den Nachrichten anzutreffen. Doch dabei kann es gelegentlich zu Missverständnissen kommen. Die Überschrift "Sri Lankas Soldaten sollen Kinder entführen", wie sie im Schweizer "Tages-Anzeiger" zu lesen war, kann misslicherweise als Aufforderung gedeutet werden. Als hätten die Sri Lanker nicht schon Sorgen genug, mischen sich jetzt auch noch westliche Tageszeitungen ein und rufen die Soldaten zur Kindesentführung auf! Ist die Welt noch zu retten? Man söllte es nicht glauben!



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