Zwiebelfisch Willkommen in der Marzipanstadt

So wie Menschen sich gern mit Titeln schmücken, so tragen auch immer mehr Städte einen Namenszusatz: Messestadt, Universitätsstadt, Festspielstadt. Zur Not tut es auch ein Dom, ein Kaiser oder eine römische Ruine.


Gelegentlich kommt es vor, dass zwei kleinere Ortschaften zu einer größeren vereint werden. Dabei entstehen dann kuriose Doppelnamen wie Hellenhahn-Schellenberg, Billigheim-Ingenheim, Orsingen-Nenzingen oder Peterswald-Löffelscheid.

Aus Lutherstadt und Wittenberg wurde Lutherstadt Wittenberg
SPIEGEL ONLINE / Bastian Sick

Aus Lutherstadt und Wittenberg wurde Lutherstadt Wittenberg

So etwas geschah auch mit dem schönen Städtchen Wittenberg. Es wurde irgendwann mit einem Ort namens Lutherstadt vereint, und seitdem gibt es den Namen Wittenberg nicht mehr allein. Seitdem ist nur noch von "Lutherstadt Wittenberg" die Rede. Auf allen Ortschildern, auf den Schildern im Bahnhof, auf Ansichtskarten und auch im Internet, überall kann man es so lesen. Wie ich zu meiner Schande gestehen muss, kannte ich bislang nur Wittenberg. Von einem Ort namens Lutherstadt hatte ich zuvor nie gehört. Aber man lernt bekanntlich nie aus.

Wenn Sie jetzt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und rufen: „Das darf ja wohl nicht wahr sein, der will mich wohl veräppeln – Lutherstadt ist doch nur ein Beiname!“, dann seien Sie beruhigt – das ist mir schon klar. Aber vielen anderen, gerade jüngeren Menschen, ist dies nicht klar – denn bei der Hartnäckigkeit, mit der von "Lutherstadt Wittenberg" gesprochen und dabei der Artikel weggelassen wird, bleiben Missverständnisse nicht aus. Selbst der Zugführer im ICE spricht es wie einen Doppelnamen aus: "In wenigen Minuten erreichen wir Lutherstadt Wittenberg." Wenn er sagte "In wenigen Minuten erreichen wir die Lutherstadt Wittenberg", dann wäre die Sache klar. Doch so klingt es irritierend. Ich komme ja auch nicht "aus Hansestadt Hamburg", sondern allenfalls aus der Hansestadt Hamburg. Aber meistens genügt mir ein schlichtes "Ich komme aus Hamburg". Wittenberg ist übrigens nicht die einzige Stadt, die sich mit dem Namen des Reformators Martin Luther schmückt, auch Eisleben nennt sich Lutherstadt.

Natürlich ist nichts dagegen einzuwenden, wenn eine Stadt sich ihrer Geschichte und ihrer berühmten Söhne und Töchter besinnt und diese stolz nach außen kehrt. Bedenklich wird es nur, wenn der Name der Stadt hinter dem Beinamen verblasst.

Zwischen 1953 und 1990 hieß die sächsische Stadt Chemnitz Karl-Marx-Stadt. Nicht etwa "Karl-Marx-Stadt Chemnitz", so wie "Lutherstadt Wittenberg", sondern nur Karl-Marx-Stadt. Der Name "Chemnitz" war abgelöst. Während der Wende beschlossen die Chemnitzer, ihre Stadt wieder umzubenennen. Sie hatten ohnehin nie "Karl-Marx-Stadt" gesagt, sondern eher etwas in der Art wie "Gorl-Morks-Stodt". Der Name Karl Marx war also wieder frei. Eigentlich hätte sich daraufhin seine Geburtsstadt Trier den Beinamen "Karl-Marx-Stadt" zulegen können, aber die nennt sich lieber "Römerstadt" oder "Kaiserstadt". Kaiserstädte gibt es allerdings mehrere, Domstädte erst recht, und die Zahl der Messestädte und Universitätsstädte ist kaum noch zu überblicken.

Glücklich, wer da mit einem Prädikat werben kann, das einzigartig ist. So wie die "Leineweberstadt Bielefeld" oder die "Rattenfängerstadt Hameln".

Auf einer meiner Lesereisen durchs wilde Westfalen hielt der Zug in einem Ort namens Bünde, der sich, wie ich dem Hinweisschild auf dem Bahnsteig entnehmen konnte, "Zigarrenstadt" nennt. So erfährt der Reisende, dass dieser Ort mehr ist als nur ein "Mittelzentrum", das "Versorgungsfunktionen für einen überörtlichen Raum" erfüllt, wie es im Landesentwicklungsplan Nordrhein-Westfalens heißt. Ebenfalls in Westfalen liegt die Stadt Beckum, die - allerdings inoffiziell- auch "die Zementstadt" genannt wird.

Wer nicht mit einem berühmten Dichter oder Denker aufwarten kann, bedient sich halt bei den Bösewichten, so wie die "Störtebekerstadt Ralswiek".

Längst schon gibt es zahlreiche Städte, denen ein Zusatz nicht mehr reicht. Bayreuth mag sich nicht damit begnügen, mit Richard Wagner assoziiert zu werden. Die Stadt nennt sich "Festspiel- und Universitätsstadt". So eine Universität ist ja auch was Feines für den Ruf.

Aber Namenszusätze machen eine Stadt nicht unbedingt bedeutender, in der Fülle lassen sie sogar auf eine Profilneurose schließen. Ein schlichtes "Willkommen in Hannover" lässt dem Besucher noch ein paar Illusionen, es regt seine Phantasie an und macht ihn womöglich neugierig, diese Stadt zu entdecken, die sich so selbstbewusst und unprätenziös präsentiert. Wenn er aber mit den Worten "Willkommen in der Messe- und Expostadt" empfangen wird, hat er bereits am Bahnhof die Gewissheit, in der Provinz angekommen zu sein.

Der Trend zur Namensverlängerung ist allerdings kaum noch aufzuhalten. Vielleicht werde ich in nicht allzu ferner Zukunft am Bahnhof meiner Geburtsstadt Lübeck von einer Lautsprecherstimme mit den Worten begrüßt: "Willkommen in der Hanse-, Mann- und Marzipanstadt Lübeck!" Dann kann ich eigentlich gleich sitzenbleiben und durchfahren bis zur "Förde-, Landeshaupt- und Universitätsstadt Kiel".

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Anschrift für Postsendungen:

Bastian Sick
Am Sandtorkai 56
20457 Hamburg



insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
mystic-man 05.06.2007
1. "Willkommen in der Marzipanstadt"
Oh man...ich bin gerade über oben genannten Artikel gestolpert... Also ich habe ja noch nie solch gequirlte sche*** gelesen... Wie kann man denn eine Hansestadt mit Lutherstadt vergleichen ???? Also wer keine Ahnung hat...einfach mal fresse halten... Ich glaube der Spiegel täte gut Artikel vor der veröffentlich auch nochmal zu prüfen... Da fällt mir wirklich nichts mehr zu ein... Armes Deutschland...
agamemna13 06.06.2007
2. marzipanstadt
Meine bisherigen Lebensstationen klingen auch etwas merkwürdig: Uhrenstadt Ruhla in Thüringen, Lutherstadt Eisenach, Goethe-(Schiller-Liszt-Herder-Bauhaus)stadt Weimar + Goldstadt Pforzheim. Ja, so hat jeder sein Päckchen zu tragen :-)
Thorbjoern, 18.07.2007
3. Wie meinen?
Zitat von mystic-manOh man...ich bin gerade über oben genannten Artikel gestolpert... Also ich habe ja noch nie solch gequirlte sche*** gelesen... Wie kann man denn eine Hansestadt mit Lutherstadt vergleichen ???? Also wer keine Ahnung hat...einfach mal fresse halten... Ich glaube der Spiegel täte gut Artikel vor der veröffentlich auch nochmal zu prüfen... Da fällt mir wirklich nichts mehr zu ein... Armes Deutschland...
Täte gut auch Forumbeitrag vor "Veröffentlich" zu prüfen! Du verstehe? Hier nix Schulhof! Köstlich amüsiert... ... Thorbjoern
EPHK, 18.07.2007
4. sapere aude!
Zitat von mystic-manOh man...ich bin gerade über oben genannten Artikel gestolpert... Also ich habe ja noch nie solch gequirlte sche*** gelesen... Wie kann man denn eine Hansestadt mit Lutherstadt vergleichen ???? Also wer keine Ahnung hat...einfach mal fresse halten... Ich glaube der Spiegel täte gut Artikel vor der veröffentlich auch nochmal zu prüfen... Da fällt mir wirklich nichts mehr zu ein... Armes Deutschland...
Stimmt. Kann man nicht. Für den Titel Hansestadt wurde etwas geleistet außer Wohnrecht zu gewähren ;-) Und wer den Zwiebelfisch für bare Münze nimmt, sollte vorsichtshalber den Neuköllner Rütlischwur ablegen ;-)
carnation 18.07.2007
5. Weltmeisterstadt Hannover
Nach der Expopleite dauerte es vier Jahre(!), bis plötzlich ein "Expo- und" erneut in der Bahnhofsansage erschien und zwar ohne Artikel. Original: "Willkommen in Expo- und Messestadt Hannover". Es folgte die Übersetzung in Zugbegleiterenglisch: "Welcome to Expo-City Hannover". Unterschlagen hatten die Hannoveraner einfach die Übersetzung von "Messestadt" oder war es umgekehrt? Einige Monate später ergänzte man die Provinzkennung zwar durch den Artikel zum vollständigen Satz, doch blieb die Übersetzung weiterhin mangelhaft (ich bin stolzer Besitzer der akustischen Mitschnitte fast aller Variationen). Gern hätte ich allen Ansagen ein "Wir bitten um Verständnis" angehängt. Als die Ansage um ein "FIFA- Fußball- Weltmeisterschaftsstadt" hätte erweitert werden müssen, befürchteten die Ansage- Verantwortlichen wohl, dass die Reisenden nun auch noch ihren letzten Anschlusszug verpassen könnten und opferten das "Expo und Messestadt". Nach der Fußball- WM tauchte es zwar kurzfristig wieder auf, wurde aber inzwischen bereinigt vom "Expo- und". Auch die englische Übersetzung von "Messestadt" wurde zunächst korrigiert, entfällt jedoch seit einigen Wochen ersatzlos. In Hannover lesen die Eisenbahner vielleicht den Zwiebelfisch und kommandieren sicher auch ab und zu mal Bahn-Agenten zum Bahnsteig, die dort ermitteln sollen, ob der Gesichtsausdruck der in Hannover beschallten Reisenden ein Lächeln oder ein Grinsen sein könnte. Doch die Versuchung scheint riesig zu sein, irgendwann wieder den Akustikbaustein "Weltmeisterschaftsstadt" auszugraben. Wie einfach und werbewirksam ein Städtename im Hirn bleiben kann, bewiesen einige pfiffige Eisenbahner schon vor fünfzehn Jahren: Auf dem Bahnhof einer norddeutschen Porzellanstadt, dem Studienort meiner damaligen Herzallerliebsten hörte ich beim Aussteigen immer: "Lüneburg, Lüneburg! Hier ist Lüneburg!" Das reicht doch!
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