Absolventen-Netzwerke Zurück zu den akademischen Wurzeln

In den USA und anderen Ländern fördern die Absolventen ihre Unis massiv. Nun knüpfen auch deutsche Hochschulen engere Kontakte zu den Ehemaligen und wollen nostalgische Erinnerungen an die Studienzeiten in Engagement ummünzen.


Über 200.000 Absolventen verlassen jedes Jahr Deutschlands Hochschulen. Doch oft reißt ihre Verbindung zu Universität und Kommilitonen nach dem Diplom schnell ab - aus den Augen, aus dem Sinn. Absolventen-Netzwerke wollen das ändern. Im Ausland gibt es sie schon lange. "Wir erfinden da in Deutschland das Rad nicht neu", sagt Christian Kramberg von "AbsolventUM" der Universität Mannheim, "in den USA sind solche Organisationen seit 350 Jahren gängige Praxis."

Hier zu Lande stehen die Vereine erst am Anfang. Der Mannheimer Verein etwa, 1995 gegründet, ist eines der ältesten Netzwerke. Eine ähnliche Organisation baut derzeit die Universität Bonn auf. Geplant ist unter anderem eine Praktikumsbörse, wo Ehemalige den Studenten von heute beim Berufseinstieg helfen können.

Eine solche Einrichtung gibt es im Fach "Sprachen, Wirtschafts- und Kulturraumstudien" in Passau schon lange. "Wir schicken jede Woche an alle Mitglieder einen Newsletter mit bis zu 20 Praktikumsangeboten und Stellenanzeigen", sagt Anke Fehring, stellvertretende Vorsitzende des Passauer Netzwerks. "Ein großer Teil dieser Angebote kommt aus Unternehmen, in denen heute Absolventen des Studiengangs arbeiten." Außerdem schicken die Netzwerk-Mitarbeiter jedes Jahr an rund 600 Unternehmen ein Absolventenbuch mit Lebensläufen.

"Die Firmen wenden sich dann direkt an die Bewerber", erklärt Fehring. Auch dank dieser engen Verknüpfung von Hochschule und Berufswelt finden 95 Prozent aller Absolventen des Studiengangs binnen sechs Monaten nach dem Examen eine Festanstellung, fügt sie hinzu.

Filialen auf der ganzen Welt

Mit der Kumpanei der Burschenschaften, wo so genannte alte Herren für Absolventen ihre Kontakte spielen lassen, hätten Alumni-Initiativen aber nichts zu tun, so Holger Impekoven von der Universität Bonn. "Das funktioniert heute doch gar nicht mehr. Dafür sind die Hochschulen viel zu groß." Im Vordergrund steht bei Alumni-Netzwerken der Austausch von Hochschule und Praxis.

Mannheim und Freiburg haben zudem in der ganzen Welt regionale Alumni-Clubs gegründet, um vor Ort Ansprechpartner für Studenten zu schaffen. "Wenn zum Beispiel jemand für ein Jahr zum Studieren nach Korea geht, kann er sich dort an einen ehemaligen Gaststudenten aus Freiburg wenden", erklärt Rudolf-Werner Dreier vom Freiburger Alumni-Verein. Damit das Engagement sich auszahlt, bietet die Freiburger Uni Alumni-Rabatte bei wissenschaftliche Weiterbildungen an.

"Wenn jemand fünf Jahre an einer Universität studiert hat, spürt er eine gewisse Verbundenheit zu ihr. Also ist er oft auch bereit, sich für seine alte Hochschule einzusetzen", meint Dreier. Darauf hoffen viele Universitäten in Deutschland. "Zurzeit schießen die Absolventennetzwerke in Deutschland wie Pilze aus dem Boden", sagt er. Auf der Internetseite der Alumni-Clubs sind bundesweit mittlerweile rund 100 Vereine verzeichnet.

Wachsender Wettbewerb zwischen den Hochschulen

Der Imagegewinn für die Hochschule ist einer der Gründe für den Zuwachs. "Die Zielgruppe sind zwar in erster Linie die Studierenden von heute", sagt Martina Krechel, die in Bonn am Aufbau des Alumni-Netzwerkes mitarbeitet, "aber langfristig streben wir einen stärkeren Bezug zwischen Ehemaligen und ihrer Universität an. Dann schicken Ex-Studenten ihre Kinder vielleicht lieber nach Bonn als an eine andere Universität. Oder sie vergeben ein Forschungsprojekt vielleicht eher nach Bonn als nach München."

Auch der wachsende Wettbewerbsdruck unter den Hochschulen trägt zur Einrichtung von Absolventen-Netzwerken bei. "Universitäten müssten sich heute verstärkt voneinander, aber auch von anderen Bildungseinrichtungen abgrenzen", sagt Lars Tutt, Experte für Hochschul-Strategien und -Marketing im Gütersloher Centrum für Hochschulentwicklung. Neben der Forschung und Lehre werde "auch die Betreuung von Studierenden während des Studiums und nach dem Studium an Bedeutung gewinnen", prophezeit er.

Viele Hochschulrektoren erhoffen von ihren Ehemaligen auch ein finanzielles Engagement. In den USA etwa sind Spenden von Alumni ein fester Bestandteil im Jahresetat der Hochschulen. So könnte es auch in Deutschland kommen. "Weil der Anteil der öffentlichen Hand an der Finanzierung geringer wird, müssen Universitäten sich andere Geldquellen erschließen", so Lars Tutt. In Mannheim etwa kann ein Absolvent künftig mit seinem Unternehmen Mitglied werden.

Bis auf diese Weise zusätzliche Geldquellen sprudeln, ist es noch ein weiter Weg. Zuvor wartet auf die Hochschulen viel Arbeit. Am Anfang steht das Erstellen einer Datenbank, die möglichst viele engagierte Ehemalige erfasst. "Das ist eine Sisyphus-Arbeit", weiß Rudolf-Werner Dreier.

Von Thorsten Wiese, gms



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