Ärzte auf Wanderschaft Die fliehenden Doktoren

Seit Monaten rebellieren junge Ärzte gegen miese Arbeitsbedingungen. Die einen streiken, andere packen schon resigniert ihre Koffer. Die Fluchtbewegung ins Ausland oder in die Industrie ist massiv - nichts wie weg aus den deutschen Krankenhäusern.

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Ja, er hat noch ein wenig mitgestreikt, erzählt Daniel Ketteler, aus Solidarität. Aber egal, wie der seit Wochen andauernde Arbeitskampf zwischen Krankenhausärzten und der Tarifgemeinschaft der Länder ausgeht: Im August ist Ketteler weg. Nach Zürich. Der junge Arzt ist 28, gerade hat er in Aachen sein drittes Staatsexamen absolviert. Danach hatte er eine Stelle sicher, sogar eine, die ihm gefiel. Aber dort hätte Ketteler nur 1700 Euro verdient, dabei möglicherweise viele Überstunden gemacht.

In der Schweiz wird er laut Vertrag zwar 50 Stunden pro Woche arbeiten, doch dafür gibt es auch das Doppelte, und jede zusätzliche Arbeitsstunde wird bezahlt. Wer da nein sage, meint Ketteler, "muss blöd sein. Oder total loyal".

Daniel Ketteler ist nicht der einzige angehende Weißkittel, der seine Koffer packt. 6300 deutsche Krankenhausärzte sind nach Angaben der Ärzte-Gewerkschaft Marburger Bund (MB) bereits abgewandert, "mit steigender Tendenz", wie MB-Sprecher Athanasios Drougias sagt. Die Fluchtgründe sind eindeutig: Anderswo locken mehr Geld und bessere Arbeitsbedingungen. Nach einer Erhebung der Landesärztekammer Hessen verlangten im Jahr 2000 gerade einmal 19 hessische Ärzte das "Certificate of Good Standing", eine Art Führungszeugnis für die Arbeit im Ausland. Im Jahr 2004 waren es schon 181.

So wie Daniel Ketteler ziehe es derzeit die meisten Mediziner in die Schweiz, sagt Marita Siefert, die beim Personaldienstleister Adecco den Bereich "Health Care" betreut. Sehr beliebt seien außerdem skandinavische Länder und der Großraum London, wo deutsche Ärzte zunehmend als Zeitarbeiter beschäftigt seien. Insbesondere Anästhesisten besserten mit regelmäßigen Ausflügen in die britische Hauptstadt ihr Einkommen auf.

Assistenzärzte als Parkwächter

Zu leiden haben unter der Ärzteflucht vor allem ländliche Gebiete und der Osten Deutschlands. Im Jahr 2003 lagen nach Angaben des MB drei Viertel der 5000 offenen Arztstellen an Krankenhäusern in den neuen Bundesländern. In Berlin kenne er durchaus arbeitslose Ärzte, sagt Roland Stahl, Sprecher der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Dabei sucht sein Verband im benachbarten Brandenburg händeringend nach Medizinern, die Praxen eröffnen - sie werden sogar mit Umsatzgarantien gelockt. "Die Berufsaussichten sind zunächst mal glänzend", so Stahl.

Doch Karrierechancen allein überzeugen Mediziner wie Petra Wagner nicht. Die 27-Jährige ist angehende Kinderärztin und möchte nicht, dass ihr richtiger Namen veröffentlicht wird. Denn nach ihrer Probezeit an einer deutschen Klinik will auch sie schnell weg, zurück nach Neuseeland oder Australien, wo sie schon während des Studiums gearbeitet hat. Dass ihr dort deutlich mehr Zeit für ihre Patienten blieb, hat Wagner besonders gefallen. "Hier verbringe ich 40 Prozent meiner Zeit am Telefon, mit Briefe-Tippen und anderem Verwaltungskram." Außerdem sei der Umgang down under "viel kollegialer" gewesen.

Die Machtverhältnisse an deutschen Kliniken werden häufig als Auswanderungsgrund genannt, MB-Chef Ulrich Montgomery sprach einmal von einer "Hackordnung wie in der preußischen Armee". Auch Daniel Ketteler kann so manche Geschichte erzählen. Etwa vom Klinikchef, der Assistenzärzte zur Bewachung seines Porsche auf den Parkplatz schicke - oder zum Kellnern auf die eigenen Kongresse. An seinem künftigen Arbeitsplatz in der Schweiz seien die Hierarchien viel flacher. "Schon die Krankenschwestern dürfen da mehr."

Massagen gegen den Fluchtreflex

Nicht alle Mediziner treibt der Verdruss über die deutschen Verhältnisse ins Ausland, ein Teil steigt auch ganz aus dem Arztberuf aus. Ein Viertel von ihnen landet laut hessischer Ärztekammer in der Pharmabranche. "In den letzten Jahren bewerben sich tendenziell mehr Mediziner bei uns", bestätigt Antje Witte vom Arzneimittelhersteller Schwarz Pharma in Monheim. Vor allem Berufsanfänger erkundigten sich nach ihren Chancen. Dabei, glaubt Witte, gehe es nicht primär ums Gehalt: "Hauptmotivation sind die besseren Arbeitsbedingungen und die Anerkennung der eigenen Leistungen."

Würden die derzeitigen Streikforderungen erfüllt, argumentiert der Marburger Bund, seien viele geflüchtete Ärzte zur Rückkehr bereit. Ob es deutschen Medizinern im internationalen Vergleich tatsächlich so schlecht geht, ist aber umstritten.

Laut einer britischen Studie verdienen Ärzte in Frankreich, den Niederlanden und Großbritannien bis zu dreimal mehr als ihre deutschen Kollegen. Das Bundesgesundheitsministerium sieht die Mediziner dagegen im westeuropäischen Mittelfeld; das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung weist zudem auf den Wegfall der schlecht bezahlten Ausbildungszeit als "Arzt im Praktikum" hin.

In jedem Fall, meint Marita Siefert von Adecco, entwickelten Ärzte angesichts der Privatisierungen im deutschen Gesundheitssystem ein wachsendes Bewusstsein für den eigenen "Marktwert". Krankenhäuser müssten deshalb gezielter um Personal werben, auch mit kleinen Aufmerksamkeiten. So könnten etwa die Physiotherapeuten in einer Klinik künftig auch den abgespannten Kollegen ihre Massagen anbieten - ein Service, mit dem zu Zeiten des New-Economy-Booms auch Internetfirmen potenzielle Mitarbeiter köderten.

Daniel Ketteler wäre gern geblieben, sagt er. Neben der Medizin studierte er Germanistik und arbeitet als Schriftsteller. "Deshalb hänge ich am deutschen Sprachraum." Doch der reicht eben auch bis Zürich, und Ketteler hat schon eine Ahnung, wie schnell er sich an die Schweizer Verhältnisse gewöhnen wird: "Wer einmal weg ist, kommt nicht mehr zurück."

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