Krakau, Breslau, Danzig Mehr polnische Ärzte treten in Hungerstreik

Erst begannen Nachwuchsärzte in Warschau zu hungern, um auf schlechte  Arbeitsbedingungen aufmerksam zu machen. Nun protestieren auch Mediziner in anderen polnischen Städten.

Ärzte im Hungerstreik an einer Kinderklinik in Krakau
BEDNARC/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Ärzte im Hungerstreik an einer Kinderklinik in Krakau


Seit fünf Tagen hat Marcin Radoch nichts gegessen. Der Assistenzarzt ist in den Hungerstreik getreten, um gegen schlechte Arbeitsbedingungen an polnischen Krankenhäusern zu protestieren. Er campiert mit 19 Kollegen im Erdgeschoss der Warschauer Uni-Kinderklinik. "Es gibt zu wenig Personal, zu wenig Geld und Unmengen an Bürokratie", sagte Radoch der Nachrichtenagentur dpa.

Vor mehr als drei Wochen begannen polnische Nachwuchsärzte damit, sich gegen ein System aufzulehnen, das in ihren Augen nicht mehr funktionieren kann, weil es stark unterfinanziert ist. Wegen Überarbeitung sind mehrere Mediziner nach Angaben des polnischen Ärzteverbands in diesem Jahr im Dienst gestorben.

Zunächst hatten Ärzte in Warschau ihre Arbeit niedergelegt. Inzwischen hat sich der Protest auf Kliniken in Krakau, Lodz, Stettin, Breslau und Danzig ausgeweitet, wie die Vereinigung der Nachwuchsärzte mitteilt, die den Hungerstreik organisiert.

Um Solidarität mit den Assistenzärzten zu bekunden, riefen Kollegen der Region um Krakau für diesen Mittwoch zur Protestaktion "Tag ohne Arzt" auf. Ihren Dienst wollten die Ärzte auf Notfälle beschränken.

18 Tage im Monat 24-Stunden-Schichten

Die Mediziner fordern die Regierung dazu auf, die Gehälter aufzustocken und mehr Geld für das Gesundheitssystem auszugeben. Die Mittel sollten binnen drei Jahren auf 6,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts steigen, fordern sie. Die Regierung schlägt dagegen vor, die Mittel bis 2025 auf 6 Prozent von bisher 4,7 Prozent zu erhöhen.

Radoch ist an bis zu 18 Tagen im Monat 24 Stunden am Stück im Dienst und operiert. "Weil die Gehälter so niedrig sind, müssen wir so viel arbeiten, um davon leben zu können", sagt der Assistenzarzt, der im zweiten Jahr umgerechnet 520 Euro netto verdient. "Davon kann ich in Warschau schon als Alleinstehender kaum leben."

Der Hungerstreik der Nachwuchsärzte wird auch vom Verband medizinischer Berufe und Polens Ärztekammer (NIL) unterstützt. "Ein überarbeiteter Arzt ist wie gar kein Arzt", schrieb der NIL-Vorsitzende Maciej Hamankiewicz in einem Brief an die hungernden Ärzte.

Kranke nicht richtig versorgt

"Wir kämpfen nicht nur für uns, sondern vor allem für die Patienten", sagt Assistenzarzt Radoch. "Es ist nicht normal, dass Kranke nicht richtig versorgt werden können, weil es nicht genug Ärzte und Krankenschwestern gibt."

Den Assistenzärzten zufolge kommen in Polen auf 1000 Einwohner im Schnitt 24,6 medizinische Angestellte wie Ärzte oder Krankenschwestern - eine der EU-weit niedrigsten Quoten. In Deutschland liege sie bei 61,2.

Fehlendes Geld und Personal würden in polnischen Kliniken oft zu langen Wartezeiten führen. Patienten warteten zum Beispiel rund eineinhalb Jahre oder mehr darauf, sich einen Leistenbruch operieren zu lassen, sagt Radoch. An seinem Protestlager hat eine Patientin einen Blumenstrauß hinterlassen. "Danke für alles, was ihr für uns tut", steht darauf.

Der Hungerstreik sei der einzige Weg, um auf sich aufmerksam zu machen, sagt Radoch. Die eigene Gesundheit setzen die jungen Ärzte damit aber nicht aufs Spiel. Sie lassen sich regelmäßig untersuchen und wechseln sich beim Hungerstreik ab.

Den erhofften Erfolg brachte ihre Aktion bislang nicht. Die Regierung bot lediglich Gespräche an. Solche führen wir seit Jahren, sagt Radoch. "Wir wollen konkrete Vorschläge." Doch nach Angaben von Gesundheitsminister Konstanty Radziwill könnten die Mittel nicht sofort aufgestockt werden, sondern nur schrittweise bis 2025. Fürs kommende Jahr ist eine Kürzung der Gesundheitsausgaben geplant.

kha/dpa



insgesamt 7 Beiträge
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Nordstadtbewohner 25.10.2017
1. Problemverlagerung
"Es gibt zu wenig Personal" Da stellt sich mir natürlich gleich die Frage, wo es denn abgeblieben ist. Viele polnische Ärzte gehen nach Deutschland, was in der politisch-medialen Öffentlichkeit hierzulande hochgefeiert wird. Dass die Ärzte dann woanders fehlen, wird meines Erachtens bewusst verschwiegen. Ich erinnere da nur an den Artikel auf Spon, wo zwei argentinische Ärzte in Deutschland bejubelt wurden. Die Frage, was mit den Patienten in Argentinien ist, stellte sich der Autor nicht.
Sonia 25.10.2017
2. Deutsche Ärzte gehen in die Schweiz,
nach Großbritannien, Norwegen u.a., nachdem sie praktisch auf Kosten der Steuerzahler studierten. Sie fehlen dann bei uns. Aus Tschechien, Polen, der Slowakei, Bulgarien u.a. kommen die Ärzte zu uns und fehlen dann in ihren Ländern. Ein zunehmender Trend. Was unsere Ärzte anbelangt, die sich gleich nachdem Studium vom Acker machen, sollte bei Studienbeginn unterschrieben werden, dass die Studienkosten einer staatlichen Universität zurückzuzahlen sind, wenn nicht mindestens 5 Jahre in einer deutschen oder EU-Gesundheitseinrichtung gearbeitet wird. Es ist unser aller Geld. Die polnischen Ärzte werden nicht viel erreichen. Das Problem fährt seit Jahren.
steffen.ganzmann 25.10.2017
3. Deutsche Ärzte gehen in die Schweiz,
Zitat von Sonianach Großbritannien, Norwegen u.a., nachdem sie praktisch auf Kosten der Steuerzahler studierten. Sie fehlen dann bei uns. Aus Tschechien, Polen, der Slowakei, Bulgarien u.a. kommen die Ärzte zu uns und fehlen dann in ihren Ländern. Ein zunehmender Trend. Was unsere Ärzte anbelangt, die sich gleich nachdem Studium vom Acker machen, sollte bei Studienbeginn unterschrieben werden, dass die Studienkosten einer staatlichen Universität zurückzuzahlen sind, wenn nicht mindestens 5 Jahre in einer deutschen oder EU-Gesundheitseinrichtung gearbeitet wird. Es ist unser aller Geld. Die polnischen Ärzte werden nicht viel erreichen. Das Problem fährt seit Jahren.
Tja, das machte ich auch, in ging in die Schweiz. Allerdings könnten sich die Schweizer ebenso aufregen wie Sie, vielleicht noch begründeter: Denn ich erlernte dort mein Fach, wurde Facharzt FMH und repatriierte erst dann nach Deutschland. Also besetzte ich einen Ausbildungsplatz in der Schweiz und wurde dafür auch noch gut bezahlt. *Sie* würden darob wohl im Karree springen, den Schweizern hingegen war das völlig egal! Meine Abteilung interessierte es lediglich, möglich viele Fachärzte hervorbringen zu können. Klingt vielleicht komisch, aber viele Chefärzte sind eben stolz darauf, wie viele Fachärzte sie ausgebildet haben, deren Staatsangehörigkeit ist ihnen jedoch Wurst! Für Sie jedoch ist so etwas wahrscheinlich nur ein Verrat am Volksvermögen, sich so auf Staatskosten zu definieren ...
chrimirk 25.10.2017
4. Pflicht der jeweiligen Machthaber
Zitat von Nordstadtbewohner"Es gibt zu wenig Personal" Da stellt sich mir natürlich gleich die Frage, wo es denn abgeblieben ist. Viele polnische Ärzte gehen nach Deutschland, was in der politisch-medialen Öffentlichkeit hierzulande hochgefeiert wird. Dass die Ärzte dann woanders fehlen, wird meines Erachtens bewusst verschwiegen. Ich erinnere da nur an den Artikel auf Spon, wo zwei argentinische Ärzte in Deutschland bejubelt wurden. Die Frage, was mit den Patienten in Argentinien ist, stellte sich der Autor nicht.
Egal, ob in PL oder sonstwo: wenn beispielsweise ein polnischer Arzt in PL. weniger PLN verdient als in D. in € (Kurs ca 1€ ~ 4,25 PLN!), dann ist die Auswanderung dieser Ärzte kein Wunder sondern ein schweres Versäumnis der poln. Regierung. Diese kann über 2,5 % des poln. BSP für das Militär ausgeben, aber die Ärzteschaft nur mit Hungerlöhnen abspeisen. Die Reihe an Vorwürfen lässt sich beliebig fortsetzen. Man denke an LKW-Fahrer, degierte Arbeitnehmer in westlichen EU-Ländern usw, usf. Aber was will man von einer klerikal-nationalistischen Regierung auch erwarten!
west_ost 25.10.2017
5. Wirklich?
Zitat von chrimirkEgal, ob in PL oder sonstwo: wenn beispielsweise ein polnischer Arzt in PL. weniger PLN verdient als in D. in € (Kurs ca 1€ ~ 4,25 PLN!), dann ist die Auswanderung dieser Ärzte kein Wunder sondern ein schweres Versäumnis der poln. Regierung. Diese kann über 2,5 % des poln. BSP für das Militär ausgeben, aber die Ärzteschaft nur mit Hungerlöhnen abspeisen. Die Reihe an Vorwürfen lässt sich beliebig fortsetzen. Man denke an LKW-Fahrer, degierte Arbeitnehmer in westlichen EU-Ländern usw, usf. Aber was will man von einer klerikal-nationalistischen Regierung auch erwarten!
Die Regierung hat sich bereit erklärt die Gehälter junger Ärzte um 1.200 PLN zu erhöhen. Die Ärzte verlangen jedoch eine Gehaltserhöhung von 7.000 PLN - was für polnische Verhältnisse ganz unangemessen und einfach unrealistisch ist. Und welche Gehaltserhöhung hat damals (innrehalb von 8 Jahren) die korrupte Vorgängerregierung angeboten? Sage und schreibe - NULL.
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