Gesundheitssystem in Osteuropa Diagnose: chronische Unterversorgung

In Polen hat sich der Protest junger Ärzte aufs ganze Land ausgeweitet. Auch anderswo im Osten der EU revoltieren Mediziner gegen den desolaten Zustand der Gesundheitssysteme - oder wandern ab.

Junge Ärzte protestieren am 14. Oktober 2017 in Warschau
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Junge Ärzte protestieren am 14. Oktober 2017 in Warschau


Am Anfang waren es nur einige wenige junge Ärzte. Sie campierten auf Isomatten im Foyer einer Warschauer Kinderklinik. Auf ihren Transparenten stand: "Hungerstreik!" Es ging um die miserablen Arbeitsbedingungen für Assistenzärzte.

Nun, knapp vier Wochen später, finden solche Aktionen in allen größeren Städten Polens statt: Ob in Breslau, Danzig, Krakau oder Stettin - überall treten junge Ärzte in den Hungerstreik, demonstrieren Medizinstudenten, unterschreiben Ärztevereinigungen oder private Arztpraxen Solidaritätsaufrufe mit den Streikenden.

Thema ist längst nicht mehr nur die extreme Arbeitsbelastung. Beim "Protest der Ärzte", wie er in den Medien heißt, geht es inzwischen ganz allgemein um den schlechten Zustand des polnischen Gesundheitswesens.

Denn das ist völlig unterfinanziert, in Krankenhäusern herrscht drastischer Personalmangel. Patienten müssten sogar auf einfache Untersuchungen wie Röntgen oft tagelang warten, sagt der 33-jährige Chirurg Krzysztof Halabuz, Vorsitzender des Verbands der Assistenzärzte und einer der Organisatoren der Proteste.

Viele medizinische Einrichtungen seien schlecht ausgestattet und seit Langem nicht renoviert worden, mitunter mangele es sogar an Hygieneartikeln wie Toilettenpapier. "Wir haben eins der schlechtesten Gesundheitssysteme der gesamten Europäischen Union", sagt Halabuz.

Notlagen auch woanders

Polen ist nicht das einzige Land im Osten der EU, in dem Angestellte des Gesundheitswesens derzeit protestieren.

  • In Rumänien gingen vergangene Woche Tausende Ärzte und Pfleger gegen Lohn- und Zuschlagskürzungen auf die Straße.
  • Am vergangenen Mittwoch schlossen in Tschechien aus Protest gegen die schlechte Bezahlung zahlreiche Haus- und niedergelassene Fachärzte vorübergehend ihre Praxen.
  • In Bulgarien streikten in den vergangenen Tagen und Wochen Angestellte mehrerer Kliniken, weil sie seit Monaten keinen Lohn erhalten haben.
  • In Lettland wollen die Hausärzte Tariferhöhungen mit einem sogenannten "langsamen" Streik erkämpfen - sie versorgen nur eine geringe Anzahl von Patienten pro Tag.

In fast allen Ländern der Region ist der Zustand der Gesundheitssysteme mangelhaft bis desaströs. Mit Ausnahme Tschechiens, der Slowakei und Sloweniens liegt der Anteil der öffentlichen Ausgaben für das Gesundheitswesen in den osteuropäischen EU-Staaten unter fünf Prozent des Bruttosozialproduktes - gegenüber dem EU-Durchschnitt von acht Prozent.

Im führenden europäischen Qualitätsindex für das Gesundheitswesen, dem Health Consumer Index, bildet diese Gruppe ebenfalls das Schlusslicht. Die drei letzten Plätze unter den EU-Mitgliedern belegen Polen, Rumänien und Bulgarien.

Die chronische Unterfinanzierung hat dazu geführt, dass Ärzte und Pfleger seit Jahren in westliche Länder abwandern, wo sie ein Vielfaches ihrer einheimischen Löhne verdienen, die oft nur wenige Hundert Euro betragen. Da etwa in Deutschland medizinisches Personal händeringend gesucht wird, hat kaum jemand Probleme, Arbeit zu finden. Manchmal bezahlen medizinische Einrichtungen sogar Sprachkurse.

Außerdem gibt es in fast allen osteuropäischen Herkunftsländern zahlreiche Firmen, die sich darauf spezialisiert haben, medizinische Arbeitskräfte nach Deutschland oder in andere westliche Staaten zu vermitteln. Das Geschäft mit dem Exodus floriert.

Kliniken machen dicht

Die Folgen der Abwanderung bekam Ungarn diesen Sommer zu spüren: Wegen Personalmangels mussten mehrere Krankenhäuser in Budapest und zwei weiteren Städten erstmals ganze Abteilungen zeitweise schließen. So machte die Universitätsklinik im südungarischen Szeged im Juli und August eine Abteilung für Geriatrie und chronisch Kranke dicht, weil nicht genügend Pflegepersonal zur Verfügung stand.

Gewundert hat es den Arzt Péter Álmos nicht. Der 37-Jährige arbeitet an der Universitätsklinik in Szeged als Psychiater. Viele seiner Kollegen sind in den vergangenen Jahren ins Ausland gegangen. "Ab und zu werden die Löhne von Ärzten und Pflegern ein wenig erhöht, so wie das im November wieder der Fall sein wird, aber das kann die Abwanderung nicht aufhalten", sagt Álmos. Denn der jetzigen Regierung fehle der politische Wille zu grundlegenden Reformen. So gebe es zum Beispiel viel zu wenig ambulante Behandlungsmöglichkeiten.

Álmos gründete zusammen mit Kollegen Ende 2015 die Initiative "1001 Ärzte gegen Dankesgeld" - ein Forum gegen Korruption und Reformstau im Gesundheitswesen. Der Name spielt darauf an, dass unterbezahlte Ärzte in Ungarn häufig Geldgeschenke von Patienten annehmen.

Die Initiative stieß auf unerwartet große Resonanz, doch die Appelle an Regierung und Behörden blieben bisher ohne großes Echo. "Im Grunde genommen hat nach der Wende in Ungarn kein Wandel im Gesundheitswesen stattgefunden", sagt Álmos.

"In Polen sehe ich keine Zukunft"

Ähnliches gilt auch im Nachbarland Rumänien. Dort sind einige universitäre Zentren wie Bukarest oder die siebenbürgische Metropole Klausenburg (Cluj-Napoca) medizinisch vergleichsweise gut ausgestattet. In der Provinz hingegen mangelt es überall an Personal und Ausrüstung.

Allerdings dürfe man nicht alle Missstände nur auf die Unterfinanzierung schieben, sagt Bogdan Tanase, 39, der als Chirurg am Onkologischen Institut Bukarest arbeitet und Vorsitzender der "Ärzteallianz" ist, einer Organisation für Reformen im Gesundheitswesen.

Paradoxerweise gebe es auch eine systematische Ressourcenverschwendung, sagt Tanase. Etwa bei der Anschaffung teurer medizinischer Ausrüstungen, bei der häufig Schmiergeld von Lieferanten an korrupte Krankenhausleitungen fließe. Zudem seien auch informelle Zahlungen von Patienten an Ärzte nach wie vor weit verbreitet.

Für ein besseres Gesundheitswesen demonstriert derzeit auch Daniel Luszczewski in Warschau. Der 26-Jährige hat gerade sein Medizinstudium abgeschlossen und arbeitet als Arzt im Praktikum. Er verdient umgerechnet 420 Euro im Monat - inklusive Nachtzuschläge, bei 50 Wochenstunden Arbeit.

Damit er Miete und andere Lebenshaltungskosten bezahlen kann, jobbt Luszczewski nebenbei noch 30 Stunden in der Woche für ein Medienunternehmen, für das er Artikel aus der deutschen Presse sichtet und zusammenfasst.

Obwohl er sich derzeit am "Protest der Ärzte" beteiligt, ist er schon jetzt fast sicher, dass er Polen eines Tages verlassen und in Deutschland arbeiten wird. "Wenn sich im Gesundheitswesen nichts ändert", sagt Luszczewski, "dann sehe ich hier in Polen keine Zukunft."



insgesamt 63 Beiträge
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chiefseattle 28.10.2017
1. Lieber Aufrüstung statt Gesundheit
Der prekäre Zustand der Gesellschaften Osteuropas ist schon länger bekannt. Nicht umsonst schüren Populisten die Angst vor Russland, damit lenkt man von der Vergiftung der Landwirtschaft, dem Abwandern qualifizierter Kräfte und der desolaten Gesundheitsfürsorge konsequent ab. Mehr Rüstung, yeah! Das Volk willes so!
Phi-Kappa 28.10.2017
2.
Der Kommunismus hat so gut wie Alles ruiniert. Darunter leiden die Länder noch heute! Und es wird noch Generationen dauern, leider...
jujo 28.10.2017
3. ...
Die Schweden werben massiv ab, so bekommen die Leute selbstverständlich Sprach-und Qualifizierungskurse bezahlt, im Zweifel ködert man die Leute vor allem in ländlichen, dünnbesiedelten Gebieten mit einer von der Kommune zur Verfügung gestellten Immobilie. Das ist allemals billiger als eigene Leute auszubilden. Das wichtigste ist aber die eingehaltene 40 Stundenwoche, von Überlastung des medizinischen Personals, auch in Pflegeeinrichtungen, kann hier keine Rede sein. In den "Vårdcentralen" (Polikliniken) sind die Termine viertelstündlich getaktet, der Arzt hat so max 4 (!) Patienten / Stunde.
licorne 28.10.2017
4.
Es liegt vor allem auch am Ungleichgewicht beim Lebensstandard der EUMitgliedsländer. Hier nach Frankreich sind zahlreiche Ärzte aus Rumänien eingewandert, die Sprachen sind verwandt und die Rumänen eignen sich das Französisch schnell an. Hier verdienen sie ein Vielfaches von dem rumänischen Gehalt und dort sind die Krankenhäuser unterversorgt. Französische und deutsche Ärzte und Pflegepersonal wiederum werden in der Schweiz gern bei höherem Gehalt eingestellt, obwohl der hiesige Steuerzahler die teure Ausbildung bezahlt hat. Irgendwie sollte hier zumindest in der EU eine praktikable Lösung gefunden werden, es geht nicht, dass die reichen Länder den armen das medizinische Fachpersonal entzieht.
max-mustermann 28.10.2017
5.
Zitat von Phi-KappaDer Kommunismus hat so gut wie Alles ruiniert. Darunter leiden die Länder noch heute! Und es wird noch Generationen dauern, leider...
Tja und wenn bei uns der ungezügelte Kapitalismus im Gesundheitswesen so weiter geht, ich sag nur mit Klinikschließungen, unterbezahltem und damit fehlendem Personal, abkassierenden Pharmaunternehmen, überbordenden Verwaltungskosten der unzähligen Krankenkassen usw. usw. wird es bei uns bald nicht mehr viel besser aussehen.
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