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23. Juli 2009, 19:45 Uhr

Akademische Titel

CDU-Politiker soll falscher Doktor sein

Im thüringischen Nordhausen steht ein Lokalpolitiker unter dem Verdacht, seine Vita frisiert zu haben. Er führe zu Unrecht einen Doktortitel, warf ihm die Meldebehörde der Stadt vor - und kassierte gleich seinen Ausweis ein. Der CDU-Politiker wehrt sich, bisher vergebens.

Ein Doktortitel vor dem Namen schmückt ungemein. Man zeigt schon am Klingelschild, dass man zur Elite gehört. Peinlich wird es allerdings, wenn Zweifel an der Echtheit der akademischen Würden aufkommen. In Thüringen musste der Vizechef der CDU im Städtchen Nordhausen, Niels Neu, vergangene Woche seinen Personalausweis abgeben. Darin stand ein "Dr." vor dem Namen, was nach Angaben der Meldebehörde der Stadt falsch sein soll.

Web-Seite der CDU Nordhausen: Hier führt Niels Neu seinen Doktortitel, der auch im Ausweis stand

Web-Seite der CDU Nordhausen: Hier führt Niels Neu seinen Doktortitel, der auch im Ausweis stand

Recherchen der Meldebehörde bei der Universität in Warschau, der Zentralstelle für ausländisches Bildungswesen in Bonn und beim thüringischen Kultusministerium hätten ergeben, dass der 35-Jährige in der polnischen Hauptstadt nicht promoviert habe, sagte Matthias Jendricke, Behördenleiter und SPD-Bürgermeister, der "Neuen Nordhäuser Zeitung" (NNZ).

Neu legte Widerspruch gegen die Verfügung der Stadt ein. Er rief das Verwaltungsgericht Weimar in einem Eilverfahren an, um den Sofortvollzug und damit den Verlust des Personalausweises aufzuschieben. Vergeblich: Es spreche alles dafür, dass der Antragsteller nicht berechtigt sei, den Doktortitel zu führen, erklärten die Richter. Sie bemängelten, dass Neu die näheren Umstände seiner Promotion bisher nicht dargelegt habe, und forderten ihn auf, den Personalausweis wie von der Stadt verlangt abzugeben.

Neu folgte, seinen Reisepass, in dem der Name ohne Doktortitel steht, durfte er behalten. Nun muss das Landratsamt über das weitere Vorgehen entscheiden. Neu selbst sagt, dass er sich überhaupt nicht äußern werde, und verwies auf seinen Anwalt. Dieser erklärte, dass er mit Rücksicht auf das laufende Verfahren ebenfalls keinerlei Auskunft geben möchte. Im Mai hatte der Lokalpolitiker in der "NNZ" gesagt, er habe kein Verständnis dafür, dass der SPD-Bürgermeister Jendricke "diese Vorgänge für einen schmutzigen Wahlkampf missbrauchen will".

Nach der Anzeige ermittelt die Staatsanwaltschaft

Lokal ist Niels Neu ein bekannter Mann: Als Geschäftsführer einer Baufirma ist er auch Vorstand im Nordhäuser Unternehmerverband, außerdem Vorsitzender der Mittelstandsvereinigung und im Verwaltungsrat der Kreissparkasse, trug die "Neue Nordhäuser Zeitung" zusammen.

Auf der Seite seiner Firma findet sich der strittige Doktortitel nicht, wohl aber auf den Seiten der CDU. Derzeit hat Neu keinen Personalausweis, doch er bekommt unter Umständen noch mehr Ärger: Das Nordhäuser Ordnungsamt hat ihn bei der Staatsanwaltschaft Mühlhausen angezeigt, die Behörde ermittele jetzt gegen Neu wegen Titelmissbrauchs, bestätigte ein Sprecher auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE.

Noch ist der Fall nicht endgültig geklärt. Falls sich am Ende erweisen sollte, dass Lokalpolitiker Neu den Doktortitel tatsächlich zu Unrecht führte, stünde er beileibe nicht allein. So brachte der CDU-Politiker Kai Schürholt seine Partei in Rheinland-Pfalz bereits in eine peinliche Lage. Er gab sich als Doktor der Theologie aus und wollte Oberbürgermeister von Landau werden. Im August 2007 verkündete er, dass er wegen einer Krebserkrankung nicht zur Wahl antreten könne. Schließlich räumte er ein, dass er den Tumor erfunden hatte, damit nicht auffliege, dass er seinen Titel als Doktor der Theologie zu Unrecht führte. Die Wahl gewann ein Kandidat der SPD.

Der Bambi-Preisträger und Chef der Hilfsorganisation "Kinder brauchen uns", Markus Dewender, zeigte sich im Dezember 2007 selbst an. Dewender verdankte seine Ehrendoktorwürde aus dem Jahr 2005 der Yorkshire University, die auf den Britischen Jungferninseln in der Karibik firmiere und Titel verkaufe, hatte damals der SPIEGEL herausgefunden.

Der Doktortitel der Wirtschaftswissenschaften, den Dewender im Juni 2006 an der Universität Warschau gemacht haben wolle, sei gefälscht, erklärte die Uni nach einer Überprüfung der angeblichen Doktorurkunde. Dewender sagte damals, bei dem Titelmissbrauch sei er falschen Beratern aufgesessen. Von den Doktortiteln habe er sich für seine ehrenamtliche Arbeit einen leichteren Zugang zu Menschen in leitenden Positionen erhofft.

Jochen Wiesigel, AP

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