Juristin allein im Kloster Sie wollte Jesus heiraten - und steht nun vor Gericht

Ihren Job als Anwältin gab sie auf, um Nonne zu werden. Doch dann wurde das Kloster aufgelöst. Seither kämpft Claudia Schwarz vor Gericht gegen das Erzbistum München. Und den Vatikan.

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Sie hatte das Brautkleid für ihre Hochzeit mit Jesus schon anprobiert. Der alte Schrank im ersten Stock des Klosters knarrt, als Claudia Schwarz ihn öffnet. Ein muffiger Geruch schlägt ihr entgegen, seit 30 Jahren hat niemand mehr eines der Hochzeitskleider getragen.

Die Nonnen des Birgittenordens im bayerischen Altomünster haben sie aufgehoben in der Hoffnung, dass sie eines Tages doch noch Nachfolgerinnen finden. Frauen, die bereit sind, ein Brautkleid anzuziehen und es zusammen mit ihrem alten Leben einzutauschen gegen eine graue Tracht und gegen "wahre Demut, reine Keuschheit und freiwillige Armut". Frauen wie Claudia Schwarz.

Seit zwei Jahren und vier Monaten lebt die 39-Jährige in dem Kloster. Aber sie wartet noch immer auf den Tag, an dem sie das Brautkleid tragen darf. Auf den Tag, an dem sie Novizin des Ordens wird.

Dieses Brautkleid wollte Claudia Schwarz tragen, wenn sie Novizin des Ordens wird
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Dieses Brautkleid wollte Claudia Schwarz tragen, wenn sie Novizin des Ordens wird

Der Vatikan hat das Kloster zwei Monate nach ihrem Einzug aufgelöst - wegen zu geringer Mitgliederzahl. Der gesamte Besitz der Nonnen wurde an das Erzbistum München und Freising übertragen: das Kloster mit allen Reliquien, Bildern und mittelalterlichen Büchern, das Vermögen auf dem gemeinsamen Konto, ein Wald, mehrere Grundstücke und eine zwei Hektar große Baufläche.

Für das Erzbistum ist Claudia Schwarz keine angehende Nonne, sondern eine Hausbesetzerin. Seit Februar 2017 wohnt sie allein in dem riesigen Gebäude. Vor vier verschiedenen Gerichten hat sie für ihr Leben im Kloster gekämpft. Der nächste Prozesstermin ist am Montag.

Die Gerichtsprozesse der Claudia Schwarz
Landgericht
Die Erz­di­özese München und Freising, in deren Besitz das Kloster übergegangen ist, verlangt den Auszug von Claudia Schwarz. Die Räu­mungs­kla­ge wird vor dem Land­ge­richt München II verhandelt. Im Frühjahr 2017 einigten sich die Parteien auf einen Kompromiss: Schwarz darf so lange im Kloster wohnen bleiben, bis der Vatikan endgültig entschieden hat, was aus dem Orden wird. Doch am Montag wird wieder über diesen Kompromiss verhandelt.
Verwaltungsgericht
Das Landratsamt Dachau hatte Claudia Schwarz die Nutzung ihrer Zelle untersagt - wegen Brandgefahr. Sie verklagte daraufhin den Freistaat Bayern. Vor Gericht einigten sich das Landratsamt als Vertreter des Freistaats und sie darauf, das Verfahren ruhen zu lassen: Sie war in der Zwischenzeit in eine andere Zelle umgezogen, die näher am Ausgang liegt.
Amtsgericht
Das Erzbistum München und Freising hatte die Telefonanlage des Klosters lahmgelegt. Auch dagegen klagte Claudia Schwarz. Im August entschied das Dachauer Amtsgericht, dass das Erzbistum die Telefonanlage wieder instand setzen muss. Sie hat allerdings bis heute keinen Telefonanschluss: Die Telekom weigert sich, mit ihr einen Vertrag abzuschließen.
Oberster Gerichtshof der Apostolischen Signatur
Die Apostolische Signatur ist der höchste Gerichtshof der römischen Kurie und wird von einem Kardinalpräfekten geleitet. Als Richter fungieren zwölf Kardinäle. Hier hat Claudia Schwarz im Namen von Schwester Apollonia gegen die Auflösung des Klosters Widerspruch eingelegt. Ihr Argument: Es gebe sehr wohl Nachfolgerinnen für den Konvent. Außer ihr würden noch fünf weitere Frauen sofort eintreten. Ihr Widerspruch wurde aber bei einer Vorprüfung zurückgewiesen - wegen zu geringer Erfolgsaussichten. Gegen diesen Bescheid hat Schwarz erneut Klage eingereicht. Wie und wann es nun weitergeht, ist unklar.
Und was sagt der Papst?
Claudia Schwarz hat einen Bittbrief an Papst Franziskus geschrieben. Geantwortet hat einer seiner Mitarbeiter: Papst Franziskus verstehe ihren Schmerz und bete für sie. Aber er vertraue in der Causa voll und ganz dem Erzbistum.

Mit Paragrafen kennt Schwarz sich genauso gut aus wie mit Bibeltexten: Sie ist studierte Rechtsanwältin, vier Jahre arbeitete sie in München in einer Kanzlei. Dann gab Gott ihr ein Zeichen, das sie schon seit Kindertagen ersehnt hatte, wie sie sagt: Ein Pastor fragte sie bei der Beichte, ob sie schon mal daran gedacht habe, Nonne zu werden.

Er empfahl ihr, sich mehrere Orden anzusehen. Sein Favorit: das Kloster Frauenchiemsee, idyllisch gelegen auf einer Insel mitten im Chiemsee.

Schwarz sagt, sie habe sich die Homepage angeschaut. Die Fotos seien wunderschön gewesen, aber dann habe sie gelesen, dass die Nonnen dort ayurvedische Kochkurse anbieten. "Ich gehe doch nicht ins Kloster, um zu kochen!", sagt sie. "Und schon gar nicht irgendwas Fernöstliches."

Auch andere Orden sortierte sie aus. Einen, weil dort Nonnen leben, die kein Latein können. Einen anderen, weil er den Besitz von Büchern auf die Bibel beschränkt. Schwarz sagt, von einem Leben als Nonne träume sie schon, seit sie ein kleines Mädchen ist. Ein besserer Bräutigam als Jesus ist ihr nie begegnet. Das sei auch gar nicht möglich, sagt sie. Einen Orden müsse man aber genauso sorgfältig aussuchen wie einen Ehemann. "Es muss einfach passen."

Bei ihr passte der Birgittenorden.

Schwarz erinnert sich noch genau an den Tag, an dem Schwester Apollonia ihr zum ersten Mal die Klostertür öffnete. Noch nie in ihrem Leben sei sie so glücklich gewesen wie in dem Moment, als sie mit den anderen Frauen Rosenkranz betend durch den Garten lief, sagt sie. "Ich habe mich sofort verstanden gefühlt."

Schwester Apollonia war die Priorin des Birgittenordens
Birgittenorden Altomünster

Schwester Apollonia war die Priorin des Birgittenordens

Der Birgittenorden hat strenge Regeln. Aber Schwarz mag strenge Regeln. Sie hat sich auf dem PC einen vierfarbigen Kalender eingerichtet, mit dem sie auf einen Blick erkennen kann, was sie an welchem Tag essen darf. Braun steht für Brot und Wasser, Blau für Fisch und Milchprodukte, Grün für vegetarische Gerichte und Rot für: alles ist erlaubt.

Schwarz ist eine große Frau, die langen roten Haare hat sie zu einem Pferdeschwanz gebunden. Ihr Lachen wirkt keck, wahrscheinlich liegt das an dem vorstehenden rechten Eckzahn, der dann sichtbar wird.

Die Mutter trat wegen ihr aus der Kirche aus

Sie redet schnell, so, als hätte jemand eine Vorspultaste gedrückt. Aber sobald sie einen Bibeltext in der Hand hält, verändert sich ihre Stimme. Dann liest sie klar und akzentuiert, und wenn sie singt, könnte man meinen, jemand habe eine CD eingelegt. Sechsmal am Tag singt und betet sie in der Kapelle. Um 5.40 Uhr beginnt sie mit dem Lesen des ersten Bibeltextes.

Ihre Eltern holten die Bibel nur an Weihnachten hervor. Sie waren nie besonders fromm. Ihre religiöse Erziehung habe der Pfarrer übernommen, sagt Schwarz. Sie besuchte einen von Nonnen geleiteten Kindergarten, ging regelmäßig in die Kirche, betete später dreimal am Tag das Angelusgebet.

"Wenn du so weitermachst, endest du irgendwann noch mal im Kloster", sagte ihre Mutter zu ihr. Es habe geklungen wie "du endest irgendwann noch mal in der Klapse", sagt Claudia Schwarz.

In der Woche, in der sie aus ihrem Elternhaus ins Kloster zog, trat die Mutter aus der katholischen Kirche aus.

Fotostrecke

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Fotostrecke: Die Nonne, die keine sein darf

Schwarz wohnte auch als Anwältin noch bei ihren Eltern auf dem Dorf, eine Stunde brauchte sie mit der S-Bahn ins Büro in der Münchner Innenstadt. So lange war sie schon zur Uni unterwegs. Es störte sie nicht. Abends wollte sie ohnehin nicht ausgehen.

Die schönsten Erlebnisse an der Uni waren für sie die Diskussionen mit den Kommilitonen im Griechisch-Kurs. Es ging um religiöse Fragen. Die Katholiken seien den Protestanten rhetorisch überlegen gewesen, sagt Claudia Schwarz, und man sieht ihr die Freude daran noch immer an.

Sie kann Menschen mit ihrer Begeisterung anstecken. Fünf Frauen hat sie gefunden, die nun auch in den Birgittenorden eintreten wollen.

Aber das Erzbistum weiß von den Anwärterinnen nichts. Und eine Sprecherin zweifelt daran, dass der Konvent wiederbelebt werden kann. "Bisher haben wir von Frau Schwarz keine entsprechenden Pläne vorgelegt bekommen."

Der Birgittenorden in Altomünster
Die Geschichte des Klosters
Um die Mitte des 8. Jahrhunderts lebte der heilige Alto als Eremit in Bayern. Aus seiner Zelle entstand zunächst ein Benediktinerkloster. 1497 folgte der Birgittenorden, ein Doppelorden für Nonnen und Mönche, gestiftet von Herzog Georg dem Reichen. 10.000 Gulden stiftete er damals. 1803 wurde das Herrenkloster verkauft. Das Frauenkloster ist bis heute erhalten.
Wie viele Mitglieder braucht ein Konvent?
Jeder Konvent muss mindestens drei Mitglieder haben, so sieht es das Kirchenrecht vor. Als Claudia Schwarz im Oktober 2015 in Altomünster einzog, lebten acht Nonnen im Kloster, aber nur zwei galten noch als vollwertige Mitglieder des Birgittenordens.
Wie wird man Nonne?
Das wird unterschiedlich geregelt. Im Birgittenorden sind mehrere kürzere Aufenthalte im Kloster Pflicht. Dann zieht die Anwärterin als sogenannte Postulantin ein: So heißen die Nonnen im ersten Probejahr. Darauf folgen zwei Jahre als Novizin. Im Birgittenorden bedeutet dies: Man darf das Kloster in dieser Zeit nicht verlassen. Erst danach wird die Frau offiziell als Nonne aufgenommen. Nach drei weiteren Jahren muss sie sich entscheiden, ob sie im Kloster bleiben will - und dann ihren kompletten Besitz verschenken bzw. dem Orden übertragen.
Wer war die heilige Birgitta?
Birgitta wurde vermutlich 1303 in der Nähe von Uppsala in Schweden geboren. Schon als Kind soll sie Visionen vom gekreuzigten Christus gehabt haben. Um 1342 reiste sie gemeinsam mit ihrem Ehemann, mit dem sie acht Kinder hatte, zum Grab des Heiligen Jakobus in Santiago de Compostela in Spanien. Nach der Heimkehr zog sich ihr Mann in ein Kloster zurück, und sie gründete den "Erlöserorden", der später nach ihr "Birgittenorden" genannt wurde. 1370 wurde dieser von Papst Urban V. anerkannt. Sie starb 1373 in Rom, 1391 wurde sie heiliggesprochen.
Gibt es noch weitere Birgittenklöster?
Ja. In Spanien, Mexiko, den Niederlanden, England und Schweden gibt es noch Klöster, aber diese zählen zu anderen Zweigen des Ordens.

In Altomünster hat Claudia Schwarz nur wenige Freunde.

Die meisten geben ihr die Schuld daran, dass die Baufläche im Ort brachliegt. Für sie ist Schwarz ein lästiger Querkopf. Ungehorsam gegenüber der eigenen Kirche und ohne Mitgefühl für die jungen Familien, die laut Gemeindeplan von den Grundstücken profitieren sollen.

Was kaum jemand weiß: Es waren die Nonnen selbst, die das Bauprojekt zusammen mit der Gemeinde entwickelt hatten. Wäre ihr Orden nicht aufgelöst worden, hätte der Bau von Straßen und Kanälen schon im Frühjahr 2017 begonnen.

Mit dem Gewinn hätten die Nonnen das Kloster renovieren können, sagt Claudia Schwarz. Nun heißt es, sie verhindere die Sanierung.

Laut Einschätzung des Erzbistums ist das Gebäude völlig marode. Einen zweistelligen Millionenbetrag müsse man für den Erhalt investieren, sagt die Sprecherin.

Überall im Kloster hängen mittlerweile Warnschilder: An der Eingangstür wird vor herabfallenden Gegenständen gewarnt, neben der Treppe vor Rutschgefahr. Und wie brandgefährlich es im Kloster ist, wurde sogar vor dem Verwaltungsgericht verhandelt.

"In 500 Jahren sind Nonnen in dem Kloster auf alle möglichen Weisen ums Leben gekommen, aber keine ist bei einem Brand gestorben", argumentierte Schwarz bei der Verhandlung. Sie endete mit einem Kompromiss: Die Juristin wohnt nun in einer Zelle, die näher am Ausgang liegt. Die Tür der alten wurde mit einem Holzbrett zugenagelt, ihre Scharniere abgesägt.

Die meisten Türen im Kloster sind abgeschlossen, mit Klebestreifen versiegelt, einige gar mit Ketten und Vorhängeschlössern verriegelt. In den Gang zum Wohntrakt wurde eine Sperrholzwand eingezogen. Nur über Umwege gelangt man noch hinüber. "Für Schwester Monika mit ihrem Rollator war das eine Qual", sagt Schwarz.

Eine Wand aus Sperrholz verperrt den Weg zum Wohntrakt
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Eine Wand aus Sperrholz verperrt den Weg zum Wohntrakt

Monika und Apollonia sind die beiden letzten anerkannten Nonnen des Konvents. Die eine wohnt nun in einem Altenheim, die andere in einer Wohnung in der Oberpfalz. Auch das Hab und Gut von Claudia Schwarz befand sich schon in einem Umzugswagen. Aber zusammen mit zwei Nachbarn konnte sie den Abtransport stoppen.

Erzbistum warnt Pfarrer vor Claudia Schwarz

Die Grubers gehören zu den wenigen Freunden, die Claudia Schwarz im Ort noch hat. Aber sie wollen ihre richtigen Namen nicht veröffentlicht sehen.

In einer E-Mail des Erzbistums, die dem SPIEGEL vorliegt, und an alle Pfarreien in München und Umgebung adressiert ist, wird "dringend davor abgeraten", Claudia Schwarz Unterstützung anzubieten. Sollte sie sich melden, sei dies an das Ordinariat zu melden.

"Wie hier mit den Nonnen umgegangen wird, das hat nichts mehr mit Nächstenliebe und Christentum zu tun", schimpft Herbert Gruber.

Die "Heilige Stiege" im Kloster, die die Birgittennonnen seit 1670 an Ostern traditionellerweise auf den Knien erklimmen, wurde vom Erzbistum zugesperrt, genau wie die Laienkapelle. Für den Rasenmäher wurde in einer zweistündigen Aktion ein Käfig aus Metallgittern gebaut, nachdem Schwarz im Mai beim Rasenmähen "erwischt" worden war.

Sie selbst lacht darüber. "Sie können mir auch die Heizung und den Strom abstellen. Meine Vorgängerinnen sind auch ohne ausgekommen", sagt sie. "Gott will, dass ich hierbleibe. Er hat mich bisher alles überstehen lassen."

Anmerkung: In einer früheren Version war vom Kloster Herrenchiemsee die Rede. Es muss aber Kloster Frauenchiemsee heißen. Wir haben den Fehler korrigiert.



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