Angeblicher Ingenieur-Mangel Versackt im Schweinezyklus

Kaum kommt die Wirtschaft in Schwung, wird das Getrommel lauter: Zehntausende von Ingenieuren und Informatikern fehlen, behaupten Bitkom & Co. Und prophezeien Studenten eine goldene Zukunft. Aber stimmt das wirklich?

Von Peter Ilg


"Beste Karrierechancen für junge Informatiker", "Einbruch der Anfängerzahlen seit 2000 um 30 Prozent": Mit diesen Schlagzeilen schmückte der Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom) zum Jahreswechsel eine Pressemitteilung, um Abiturienten in das Informatikstudium zu locken.

Informatiker gesucht: Viel Branchengeschrei um den Mangel an Fachkräften
AP

Informatiker gesucht: Viel Branchengeschrei um den Mangel an Fachkräften

Die Standesvertreter erfüllen damit ihre Pflicht, schließlich gehört es zu den ureigenen Aufgaben einer Branchenlobby, für große Auswahl bei der Besetzung offener Stellen zu sorgen. Bundeskanzlerin Merkel hatte zum IT-Gipfel geladen, in den Medien fand der Hilferuf der Technologie-Firmen ein großes Echo.

Dumm nur, dass trotz allem Werbegetrommel niemand wirklich weiß, ob diese Berufe in einigen Jahren immer noch gefragt sein werden. Arbeitmarktprognosen sind meist schlechte Ratgeber bei der richtigen Berufswahl.

Die Statistiken lassen sich auch ganz anders interpretieren: Über viele Jahre hat die Zahl der Informatik-Studienanfänger nämlich stark zugenommen - 1995 waren es 13.000, zehn Jahre später fast 30.000. Den Erstsemester-Rekord verzeichnete das Fach im Jahr 2000, auf dem Höhepunkt des New-Economy-Rausches. Danach gab es eine Korrektur nach unten - weil in der auf den Boom folgenden Krise viele Absolventen auf der Straße landeten.

Lobbyisten füttern den Schweinezyklus

"Schweinezyklus" heißt dieser Arbeitsmarkt-Klassiker: Sind die Berufschancen prächtig, schreiben sich viele Studieninteressenten für ein Fach ein. Einige Jahre später suchen alle zur gleichen Zeit einen Job. Wenn sie scheitern, spricht sich das bei Abiturienten schnell herum - eine ständiges Auf und Ab.

Wer den Lockrufen von Bitkom und anderen Lobbyisten blind folgt, könnte böse enttäuscht werden. Zwar droht Unternehmen bei sinkenden Studienanfängerzahlen ein Mangel an Fachkräften - doch in welchem Maße und in welchen Branchen besonders stark, ist kaum absehbar. Dirk Fox zum Beispiel bescheinigt den Branchenverbänden eine "sehr spezielle Informationspolitik" und verbucht das unter dem alten Motto "Glaube keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast". Fox ist Geschäftsführer der Secorvo Security Consulting GmbH aus Karlsruhe. Das Beratungs- und Schulungsunternehmen ist auf Informationssicherheit und Datenschutz spezialisiert. 20 Mitarbeiter hat die Firma derzeit, je nach Geschäftsentwicklung sollen bis zu drei in diesem Jahr hinzukommen.

Einen Informatikermangel kann Fox nicht feststellen - und gerade die kleinen und mittelgroßen Firmen sind es, die neue Arbeitsplätze schaffen. Der Riese BMW beschäftigt rund 2000 Informatiker und hat zurzeit 20 offene Stellen für IT-Spezialisten, die "verhältnismäßig leicht" zu besetzen seien, wie der Automobilkonzern auf Anfrage mitteilt.

Ähnlich wie der Computerverband rührt auch der Verein Deutscher Ingenieure die Werbetrommel. Rund 22.000 offene Ingenieurstellen könnten aktuell nicht besetzt werden, deshalb gingen 3,7 Milliarden Euro Wertschöpfung verloren, beklagt VDI-Präsident Eike Lehmann.

Fragwürdige Zahlenspiele

Kurios ist allerdings, wie der Verband zu solchen Prognosen kommt: "Der VDI hat auf der Homepage der Bundesagentur für Arbeit nachgesehen, wie viele offene Stellen es für Ingenieure gibt und für seine Presseinformation kurzerhand offene in nicht zu besetzende Stellen umgewandelt", erläutert Bernhard Hohn, Arbeitsmarktexperte in der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV). Weil die Firmen längst nicht alle freien Stellen bei der Bundesagentur melden, multiplizierte der VDI die als offen gemeldeten Stellen mit einem Grauziffer-Faktor. Und meldete zudem, die Zahl der arbeitslosen Ingenieure sei 2006 von 60.000 auf 30.000 gesunken. Unter dem Strich: Ingenieurmangel, rosige Aussichten für Absolventen.

Techniker-Studiengänge: Rückgang seit 2000
Institut der deutschen Wirtschaft Köln

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Dass das nur die halbe Wahrheit ist, weiß auch der Verband selbst: "Das Problem der Arbeitslosigkeit liegt häufig am so genannten Mismatch", sagt VDI-Direktor Willi Fuchs - längst nicht immer passt die Qualifikation eines Bewerbers auf die ausgeschriebene Stelle.

Genau darum lehnt es Arbeitsmarktexperte Hohn ab, von einer Gegenüberstellung der offenen Stellen und Arbeitslosenzahlen auf individuelle Berufsaussichten zu schließen. "Ansonsten werden junge Leute in ein Studium gelockt, für das sie eventuell nicht geeignet sind", so seine Befürchtung. Solange es noch 30.000 arbeitslose Ingenieure und 8000 arbeitslose Informatiker gebe, sei es deutlich zu früh, von einem grundsätzlichen Mangel an technischem Fachpersonal zu sprechen.

Bislang kann Hohn keinen Mangel in beiden Berufsgruppen feststellen - weil es sich die Unternehmen sonst nicht leisten könnten, das Wissen so vieler Arbeitsloser brach liegen zu lassen. Seine Prognose fällt vorsichtig optimistisch aus. "Wenn sich die Wirtschaft in den nächsten Jahren weiterentwickelt wie bisher, gehe ich davon aus, dass Deutschland viele Ingenieure und Informatiker braucht - vielleicht sogar mehr als heute." Hohn warnt: "Alle professionellen Berater müssen sich dagegen wehren, dass Arbeitsmarktprognosen zu stark in die Berufswahl einfließen." Entscheidend für den Berufserfolg seien Talente und Interesse. Und in einer schlechten Konjunktur würden immer die Besten genommen.

"Konzentrieren Sie sich auf das, was Ihnen liegt, Sie interessiert und Ihnen Freude macht", rät auch der Praktiker Dirk Fox. "Das sind die drei entscheidenden Voraussetzungen dafür, dass Sie in Ihrem Gebiet besondere Leistungen bringen können."



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