Schavans Plagiatsaffäre Doktorin auf Abruf

Annette Schavan hat vor Gericht verloren. Die Richter wiesen ihre Klage gegen den Doktorentzug ab und stellten klar: Bei den Fehlern in der Dissertation der Ex-Ministerin handelt es sich nicht um Versehen. Ihren Titel darf sie aber weiter führen. Vorerst.

Von und , Düsseldorf und Berlin


Die Kameraleute trotten aus dem Saal, das Parkett unter ihren Füßen knarzt, die Richterin blickt auf ihre Uhr: "Es ist 15.15 Uhr." Die Klage werde abgewiesen. Ein langer Kampf kann sehr unaufgeregt enden.

Annette Schavan, die Abgeordnete, Ex-Ministerin und designierte Botschafterin im Vatikan, verbringt diesen für sie so wichtigen Tag in Berlin, im Bundestag. Sie ist zusammen mit ihrer Amtsnachfolgerin Johanna Wanka gekommen, lächelnd im rosa Blazer, und hat im Plenum Platz genommen. Sie verfolgt aus der Ferne, wie das Verwaltungsgericht Düsseldorf ihre wohl endgültige Niederlage im Kampf um den Doktorgrad verkündet.

Die 15. Kammer konnte im Vorgehen der Universität Düsseldorf, die Schavan im Februar des vergangenen Jahres den Titel aberkannt hatte, keine rechtlichen Mängel erkennen. Die CDU-Politikerin habe in 60 Fällen getäuscht und das geistige Eigentum Dritter als ihres ausgegeben, so die Vorsitzende Richterin Simone Feuerstein. Dabei habe Schavan "mindestens bedingt vorsätzlich" gehandelt, angesichts der Fülle entsprechender Fundstellen in dem Text "konnte nicht von einem Versehen ausgegangen werden".

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Urteil in Plagiatsaffäre: Schavans Schicksalstag
Schavan wies danach erneut den Vorwurf zurück, sie habe getäuscht. Überrascht zeigte sie sich aber von dem Richterspruch nicht: Fachleute hätten immer wieder darauf hingewiesen, dass in anderen Fällen die Gerichte nicht anders entschieden hätten als die Fakultäten. "Ich wusste also um das Risiko." Sie habe aber keine andere Möglichkeit gesehen, als zu klagen. Wie es jetzt weitergeht, will sie mit ihrem Anwalt beraten. Bislang hatte sie stets angekündigt, im Falle einer Niederlage weitere Rechtsmittel auszuschöpfen.

Die Anwälte liefern sich Wortgefechte

Schavans Anwalt, Christian-Dietrich Bracher aus Bonn, hatte vor Gericht argumentiert, seine Mandantin habe wiederholt vergessen, Übernahmen aus der Sekundärliteratur mit Fußnoten zu kennzeichnen. Es lasse sich jedoch daraus kein Täuschungsvorsatz ableiten, zumal es sich nur um wenige Stellen handele.

Der Staatsrechtler Bodo Pieroth, der ebenfalls für Schavan vor Gericht auftrat, rügte zudem die Schärfe der Promotionsordnung. Es könne nicht sein, dass es auch nach Jahrzehnten um "alles oder nichts, hopp oder top" geht, sagte der Jura-Professor aus Münster. In einem ähnlichen Fall sei nur eine Rüge erteilt worden.

"Diese Entscheidung halte ich für schlicht rechtswidrig", entgegnete der Bonner Professor für Öffentliches Recht, Klaus Gärditz, der die Universität Düsseldorf vor dem Verwaltungsgericht vertrat. Die Promotionsordnung sei eben ein "Alles-oder-nichts-Programm", das eine Rüge nicht hergebe. Und um einen minderschweren Fall handele ich sich bei den Mängeln in der Dissertation von Annette Schavan nicht. Ohne die mediale Begleitung wäre es reine Routine gewesen, den Doktorgrad zu entziehen. Das geschehe jährlich Dutzende Male in Deutschland.

Auch der Prüfer der Arbeit, Stefan Rohrbacher, kam vor Gericht zu Wort. Seiner Analyse nach ist von Schavan "erheblicher Aufwand" betrieben worden, "um die Herkunft der übernommenen Texte zu verschleiern", so der Düsseldorfer Professor für Jüdische Studien. Die entsprechenden Passagen seien mitunter so zusammengestückelt und "verunähnlicht" worden, dass sie keine Rückschlüsse auf die eigentliche Quelle mehr zulassen sollten. Diese Arbeitsweise habe bei Schavan System gehabt. "Es ist nichts Eigenes und beansprucht doch, etwas Eigenes zu sein", so Rohrbacher.

Mit der Düsseldorfer Entscheidung findet eine Affäre ihr vorläufiges Ende, die die Wissenschaftsgemeinde in Deutschland aufgewühlt hatte wie keine zuvor. Funktionäre und Spitzenforscher warfen sich gegenseitig unwissenschaftliches Verhalten vor. Schavan-Unterstützer attackierten die Uni Düsseldorf, woraufhin Schavan-Kritiker ihnen Kungelei mit der damaligen Ministerin unterstellten. Jetzt können die geschlagenen Wunden zu heilen beginnen.

Sofort ablegen muss Schavan ihren Titel aber nicht. Obwohl sie das Verfahren verloren hat, darf sie ihn noch für fünf Monate nach Zustellung des schriftlichen Urteils führen - vorausgesetzt, sie legt Rechtsmittel ein.

Lässt Schavan die Entscheidung hingegen rechtskräftig werden, muss sie den Titel einen Monat nach Zustellung des Urteils ablegen. So oder so: Sie ist eine Doktorin auf Abruf.


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AFP

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Aktenzeichen der Entscheidung des VG Düsseldorf: 15 K 2271/13

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wolfi55 20.03.2014
1. Das Gericht entscheidet nicht über die Aussage der Uni
Das Gericfht entscheidet lediglich darüber ob sich die Uni an die geltende Promotionsordnung gehalten hat. Das allein ist für das Gericht die Entscheidungsgrundlage. Den Inhalt des Gutachtens zur Promotion und dem Abschreiben beurteilt das Gericht nicht. Das fällt in die alleinige Zuständigkeit der Universität. Die ist nämlich in der Würdigung der wissenschaftlichen Erkenntnisse. Das nennt sich Freiheit der WIssenschaft, die genießt einen ähnlichen Status wie die Freiheit der Kunst.
schwanerich 20.03.2014
2. Schavan hat noch Riesenglück!!
Was wäre eigentlich passiert, wenn der wissenschaftliche Betrug von Frau Schavan schon in den 80er Jahren aufgeflogen wäre?? Eine Landes-Kultusministerin Schavan in BW sowie eine Bundesbildungsministerin Schavan hätte es nie gegeben!! Und hohe Pensionsansprüche hätte sie sich auch nicht erwerben können. Ebenfalls wären ihr 5 (!) Ehrendoktorwürden versagt geblieben. Frau Schavan hat ein Riesenglück gehabt, dass ihr Betrug erst so spät ans Tageslicht kam!!
querdenker1.0 20.03.2014
3. Schavans Plagiatsaffäre
Nun ja, das hat das arme Böckchen also den letzten Kampf ums Gärtnerpatent verloren. Vergeblich tönte es aus der Unterstützerfraktion, diese schlimmen Promotionsordnungen seien ja auch viel zu scharf. Jetzt kann ich es ja sagen: Auch ich litt entsetzlich unter den harten Anforderungen des Verfahrens. Quellen genau angeben, fremde Textauszüge kennzeichnen und richtig zitieren, ja, was wollen die denn noch?! Schon bald war ich am Rand der Verzweiflung und hätte mich um ein Haar aus dem höchsten Fenster des Elfenbeinturms gestürzt - so möchte ich nun bescheiden anfragen: Hätte man seinerzeit nicht für diese zarte Kandidatin eine gnädige Ausnahme machen können?
Nonsens 20.03.2014
4. Es kotzt einen nur noch an.
Zitat von sysopdpaAnnette Schavan hat vor Gericht verloren. Die Richter wiesen ihre Klage gegen den Doktorentzug ab und stellten klar: Bei den Fehlern in der Dissertation der Ex-Ministerin handelt es sich nicht um Versehen. Ihren Titel darf sie aber weiter führen. Vorerst. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/annette-schavan-verliert-kampf-um-doktortitel-vor-gericht-a-959776.html
Man schummelt, wird erwischt, aber Unrechtsbewusstsein? Null komma Null. Im Gegenteil. Man klagt, verteidigt sich öffentlich, nicht öffentlich und bei jeder sich bietenden Gelegenheit, wie schlecht die Welt doch sei und überhaupt sind alle anderen Schuld nur man selber habe ein sauberes Gewissen. Bei Schavan jetzt wieder, genau wie bei vielen Prominenten Vorbildern ihrer Zunft und Kaste. Und da soll man keinen Groll hegen, gegen soviel Chuzpe? Natürlich hegt man den und man empfindet grosse Freude, wenn jemand wie Schavan nun auf die Frage nach ihrer Ausbildung mit einem ich kann nichts und habe nichs gelernt antworten muss. Wenigstens das bleibt dem Wutbürger, wenn er sie schon nicht mit Stock und Stein durchs Dorf treiben darf, unsere sogenannten Eliten.
haut den lukas 20.03.2014
5. Titel futsch - Abschluss futsch?
Zitat von sysopdpaAnnette Schavan hat vor Gericht verloren. Die Richter wiesen ihre Klage gegen den Doktorentzug ab und stellten klar: Bei den Fehlern in der Dissertation der Ex-Ministerin handelt es sich nicht um Versehen. Ihren Titel darf sie aber weiter führen. Vorerst. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/annette-schavan-verliert-kampf-um-doktortitel-vor-gericht-a-959776.html
Wenn nun der Titel dahin ist, müsste doch auch der Abschluss perdu sein. Beim Feld-, Wald- und Wiesenbeamten ist das Voraussetzung für die weitere Laufbahn und die Besoldung. Beim nichtbeamteten Akademiker wird die Ausbildungszeit (Schule, Studium) teilweise zur Rentenberechnung (Anerkennungszeit) herangezogen. Hat Frau Schavan hier Konsequenzen zu tragen?
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