Antisemitismus im Netz "Jeder kann Opfer von Judenhass unterstützen"

Das Internet sei wie ein Glasschädel, sagt Jane Braden-Golay, 25: Es zeige, was Menschen über Juden denken. Oft ist das beschämend und beängstigend. Gegen diesen Antisemitismus wehrt sie sich. Ein Kampf, der kaum zu gewinnen sei.

Ein Interview von Alexander Krex

Jane Braden-Golay: "Auch gebildete Menschen hantieren mit judenfeindlichen Gedanken"

Jane Braden-Golay: "Auch gebildete Menschen hantieren mit judenfeindlichen Gedanken"


Zur Person
Die 25-jährige Jane Braden-Golay studiert Religionswissenschaft, Öffentliches Recht und Erziehungswissenschaft an der Universität Zürich. Sie ist Präsidentin der Europäischen Union jüdischer Studenten (EUJS), die 35 Mitgliederorganisationen, von Russland über Skandinavien bis England, vereinigt und vertritt.
UniSPIEGEL: Frau Braden-Golay, dem jüdischen Komiker Oliver Polak haben kürzlich einige Nutzer auf die Facebook-Seite geschrieben, sie würden es bedauern, dass seine Eltern nicht im Holocaust umgekommen sind. Wie hält man so etwas aus?

Braden-Golay: Nur sehr schwer. Die gesunde Mehrheit tickt glücklicherweise anders, das muss man sich immer wieder sagen. Es sind ganz bestimmte Leute, die so etwas schreiben, und die sozialen Netzwerke sind eben der anarchische Raum, in dem sie alles rauslassen und sich gegenseitig anstacheln können.

UniSPIEGEL: Hat das Internet den Antisemitismus der Bevölkerung nur sichtbarer gemacht oder ihn sogar verstärkt?

Braden-Golay: Ich glaube, er ist vor allem sichtbarer geworden. Früher hatte man nicht die Möglichkeit, dem Querschnitt der Gesellschaft ins Hirn zu gucken. Das Internet ist wie ein Glasschädel, man kann gut erkennen, was die Leute so denken über Juden, Migranten und Homosexuelle. Hinzu kommt, dass sich potenzielle Opfer kaum noch verstecken können. Auf der Straße kann man sich viel leichter von bestimmten Leuten fernhalten, im Netz ist das nur sehr schwer möglich.

UniSPIEGEL: Gibt es Gruppen, die im Internet besonders judenfeindlich sind?

Braden-Golay: Nein, das beschränkt sich nach unseren Erfahrungen nicht auf bestimmte Milieus. Auch gebildete Menschen hantieren mit judenfeindlichen Gedanken. Das ist das Schöne am Antisemitismus: Er ist total demokratisch, er vereint Angehörige völlig verschiedener Bevölkerungsgruppen (lacht).

UniSPIEGEL: Ihr Studentenverband hat den Kampf gegen Antisemitismus im Netz verstärkt. Was hat Sie dazu veranlasst?

Braden-Golay: Vor etwa zwei Jahren gab es in Frankreich auf Twitter das von Rechtsextremen erdachte Hashtag #unbonjuif, "ein guter Jude". Die Leute sollten das mit einem Nebensatz ergänzen, und es kamen viele Sprüche wie "Ein guter Jude ist ein toter Jude" dabei heraus. Das hörte gar nicht mehr auf. Daraufhin hat unsere französische Tochterorganisation Twitter verklagt. Ein Großteil der Tweets verstieß gegen geltendes Recht.

UniSPIEGEL: Wie hat Twitter reagiert?

Braden-Golay: Die Firma hat eine neue Funktion geschaffen: Man kann jetzt problematische Tweets melden. Außerdem ist es nun möglich, die Klarnamen einzelner Nutzer zu erfahren, um sie anzuzeigen.

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UniSPIEGEL: Leisten die Betreiber sozialer Netzwerke genug, um Minderheiten vor Beleidigungen zu schützen?

Braden-Golay: Da hat sich einiges getan in den letzten Jahren. Vor der Sache in Frankreich gab sich Twitter neutral. Es hieß immer: Das müssen die Nutzer unter sich regeln. Inzwischen nimmt man das Problem ernster. Ich war in den letzten Monaten zweimal auf Konferenzen zum Thema Cyber-Hass, und beide Male waren Vertreter von Facebook und Twitter dabei. Allerdings glaube ich, dass sie das Problem nicht ganz aus der Welt schaffen können, und wir natürlich auch nicht. Wir sind nicht die Müllmänner des Internets.

UniSPIEGEL: Sind Sie selbst schon angefeindet worden?

Braden-Golay: Nein, aber das mag daran liegen, dass ich als Präsidentin eines Dachverbandes verschiedene Meinungen repräsentiere, keine bestimmte politische Position. Dadurch stehe ich nicht so sehr im Fokus. Ich kenne Leute, die sich klar zum Israelkonflikt geäußert haben und auf Facebook Todesdrohungen erhielten.

UniSPIEGEL: Was würden Sie jemandem raten, der wie Oliver Polak mit Hasskommentaren bombardiert wird?

Braden-Golay: Nicht untertauchen! Aber auch nicht auf jeden Mist reagieren. Was willst du mit Menschen, die so ein Zeug schreiben, diskutieren? Die Äußerungen, die wirklich problematisch sind, sollte man allerdings konsequent bei der Polizei anzeigen. Nicht nur deswegen, damit die Leute bestraft werden, sondern auch, weil der Staat wissen sollte, wie verbreitet solche Meinungen in der Gesellschaft sind. Das muss in Statistiken einfließen, damit man versteht, wie groß das Problem ist.

UniSPIEGEL: Was können Unbeteiligte tun, wenn sie auf Antisemitismus im Netz stoßen?

Braden-Golay: Jeder kann Opfer von Judenhass unterstützen. Wer auf rassistische Kommentare stößt, sollte sie nicht einfach stehen lassen, sondern den Urhebern klarmachen, dass das nicht okay ist.

UniSPIEGEL: Wie geht Ihre Organisation gegen Judenhass im Internet vor?

Braden-Golay: Für den 9. November, den europäischen Aktionstag gegen Antisemitismus und Faschismus, hat das "No Hate Speech Movement" vom Europarat mit uns Statements für Facebook und Twitter entwickelt. Der Slogan hieß "Antisemitism? Not on my internet!", die Leute sollten das liken und teilen. Das Problem: Damit erreicht man nur jene, die sowieso schon sensibilisiert sind und so ähnlich denken wie man selbst. Manchmal habe ich sowieso das Gefühl, dass wir uns mit dem Internet in Wahrheit gar nicht vernetzen, sondern nur in unseren eigenen Lagern bleiben, zwischen denen der Graben immer tiefer wird.

UniSPIEGEL: Also ist es klüger, in erster Linie offline gegen Antisemitismus vorzugehen?

Braden-Golay: Ein gut gemeintes Hashtag gegen Judenhass zu setzen, reicht natürlich nicht aus. Ich halte sehr viel von Jugendarbeit. Es gibt Dialogprojekte, bei denen Gleichaltrige aus verschiedenen Lagern aufeinandertreffen. Die "Muslim Jewish Conference" trägt zum Beispiel dazu bei, Spannungen zwischen Muslimen und Juden abzubauen und die jeweils andere Perspektive zu verstehen. Solche Aktionen sind auf lange Sicht wahrscheinlich das Sinnvollste im Kampf gegen Antisemitismus.



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