Leben und Lernen

Arbeitsleben von Seeleuten

Großer Pott, große Depression

Heimweh, Übermüdung, Psychosen: Die Arbeit auf einem Schiff belastet Seeleute extrem, zeigt eine Studie. Dabei ließe sich der Bordalltag mit wenig Aufwand erheblich verbessern.

imago/Westend61

Seeleute (Symbolfoto): Mit Menschen verschiedener Kulturen auf engstem Raum

Donnerstag, 05.10.2017   11:25 Uhr

So viel Zulauf - bei einer augenärztlichen Sprechstunde in der Seemannsmission des Hamburger Hafens? Damit hatte niemand gerechnet. Doch es waren viele Seeleute gekommen, um sich untersuchen zu lassen. Sie dachten, sie hätten einen Sehfehler, weil sie unter Lidzucken und tränenden Augen litten, berichtet Diakonin Maike Puchert. Doch meist waren die Augen in Ordnung - das waren Symptome von Erschöpfung.

Das Bild des bulligen Seebären, des Zupackers auf See - das stimmt nur zum Teil. Die Zupacker sind müde, verunsichert und mit ihren Sorgen allein. Das ist ein Ergebnis einer Studie der Berufsgenossenschaft für Transport und Verkehrswirtschaft (BG Verkehr), für die über 300 Seeleute befragt wurden. Sie förderte zu Tage, welchen enormen körperlichen und psychischen Belastungen Seeleute ausgesetzt sind.

Oft wird ihnen mehr abverlangt, als sie seelisch verkraften könnten: Wer auf einem Schiff anheuert, ist meist mehrere Monate am Stück unterwegs, arbeitet an sieben Tagen die Woche täglich mindestens zehn Stunden, ist immer abrufbar, hat kaum Kontaktmöglichkeiten zu seiner Familie und lebt auf engstem Raum mit Menschen unterschiedlichster Kulturen zusammen.

Viele sagen: Sie opfern ihr Leben für das der Familie

"Man kann nicht zur Entspannung ins Kino oder ein Bier trinken gehen", so Peter Geitmann, der Schifffahrtssekretär der Gewerkschaft Verdi. Er ist selbst lange zur See gefahren.

Der Arzt Manuel Burkert berät über Funk von Cuxhaven aus Frauen und Männer, die auf den Weltmeeren unterwegs sind. "Das Bordleben bedeutet eine Extremsituation", sagt er. Drei Mal musste der Mediziner schon Psychosen diagnostizieren, ausgelöst durch den Schiffsalltag. "Das kommt aber nur ganz selten vor", betont Burkert.

Typisch sind dagegen Symptome, für die der Arzt an Land in der Regel nicht angefunkt wird. Die Studie der BG Verkehr zeigt, dass die Betroffenen ihren Stress an Bord durch zu viel ungesundes Essen und vermehrtes Rauchen kompensieren. In schlimmeren Fällen kommt es zu Gemütsschwankungen bis hin zu Depressionen und Schlafstörungen.

DPA

Peter Geitmann, Schifffahrtsekretär bei Verdi: "Das Bordleben ist extrem"

Viele Seeleute leiden zudem unter chronischer Müdigkeit, wodurch schneller Unfälle passieren. Dagegen sind Lidzucken und tränende Augen vergleichsweise harmlos.

"Vielen Crew-Mitgliedern steht die Müdigkeit ins Gesicht geschrieben", sagt auch Seemannspastor Werner Gerke, der im Bremerhavener Überseehafen regelmäßig an Bord von Schiffen geht. Der Schiffsbetrieb hat immer Vorrang.

Für die einfachen Seeleute, die meist von den Philippinen oder aus Indien kommen, sind die Fahrtzeiten mitunter doppelt so lang wie für die nautischen Offiziere aus Europa oder Russland. "Hinter ihnen stehen oft große Familien, die abhängig von ihren Einkommen sind", so Gerke. Viele sagen: Sie opfern ihr Leben für das der Familie.

"Sie werden lethargisch und ängstlich"

Manche verlören ihren Antrieb, zögen sich sozial zurück. "Es verändert jemanden, wenn er lange Zeit an Bord ist, einen eingeschränkten Radius hat und wenig selbst gestalten kann", sagt Gerke. Die Seeleute gewöhnten sich daran, auf kleinstem Raum zu leben, würden lethargisch und ängstlich neuen Situationen gegenüber. So blieben sie in Häfen selbst bei längeren Liegezeiten lieber an Bord - und verschlimmern so die eigene Lage.

Andere nutzen einen Hafenstopp wenigstens für einen Besuch in der Seemannsmission, um dort mit der Familie zu telefonieren. Nicht wenige litten stark unter Heimweh. Aber: "Es gibt etliche Schiffe, die kein Internet für die Besatzung anbieten", sagt Gewerkschafter Geitmann. Vielen Reedereien sei das zu teuer, weil eine Verbindung nur über Satellit möglich ist.

Die Studie der BG Verkehr kommt so auch zu dem Schluss, dass sich ein preisgünstiger Internetzugang, möglichst auf der eigenen Kabine, positiv auf die Psyche der Seeleute auswirken könnte. "Die meisten Besatzungsmitglieder wünschen sich lieber einen besseren Kontakt zur Familie und kürzere Fahrtzeiten als eine höhere Heuer", so Geitmann.

Neben den alltäglichen Herausforderungen passieren auch immer wieder schwere Unfälle an Bord, Havarien oder Überfälle. In einer meist kleinen Besatzung sei der Tod eines Kollegen erheblich belastend, heißt es in der Studie.

Nach Auskunft von Geitmann ist in solchen Fällen ein Krisenmanagement aber nicht verpflichtend für die Reeder. "In vielen Fällen merken die Betroffenen selbst erst zu spät, dass sie ein Trauma erlitten haben", sagt Geitmann. Das hat oft auch mit dem Selbstbild des bulligen Seebären zu tun. Doch manche Sorgen sind selbst für Seebären zu groß, um sie ohne Hilfe zu schultern.

mamk/Janet Binder/dpa

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