Vermittler in der Arbeitsagentur Egal, Hauptsache irgendein Job

Wie es ist, als Erwerbslose zur Arbeitsagentur zu gehen - das wusste die Reporterin Anke Gehrmann. Aber wie sieht der Alltag dort aus der Sicht einer Sachbearbeiterin aus? Das schildert sie hier.

NDR

"075D145993", zähle ich den Männern hinter dem hohen Tresen aus Milchglas auf. "Wissen wir", winkt der jüngere, Christoph, ab. "Wir wissen auch, wo du herkommst und was du so gemacht hast. Steht alles im System. Jetzt komm rüber."

Und da stehe ich auf der anderen Seite des Tresens. Für sieben Tage wechsle ich die Perspektive. Ich bin Mitarbeiterin in der Bundesagentur für Arbeit, auf Zeit.

Also in der Behörde, die die meisten Daten über uns erfasst. Meine neuen Kollegen haben sich gut vorbereitet auf mich. Denn einer Journalistin diesen Einblick zu gewähren, birgt Risiko, erfordert Mut und Vertrauen.

Schlechtes Gefühl

Ich hatte gedacht, die Ziffern- und Buchstabenfolge würde ich nie mehr vergessen: meine Kundennummer. Für den Fernsehdreh musste ich sie aber doch erst heraussuchen. Verdrängt hatte ich sie. So weit, wie ich den Ordner nach hinten in den Schrank geschoben hatte. Denn ich hatte das Gefühl, von der Arbeitsagentur ... ja, was eigentlich? Ich hatte mich schlecht gefühlt damals.

In den Warteschlangen hatte ich viel Zeit zum Denken: Hat die Agentur Macht, weil sich jeder, der seine Arbeit verliert, dort melden muss? Termine, Maßnahmen akzeptieren, sonst gibt es kein Geld? Das bringt doch eine Abhängigkeit und ein Gefühl von Machtlosigkeit, das verstärkt wird durch den Anspruch: Hat man doch regelmäßig und viel in die Arbeitslosenversicherung eingezahlt.

Wartenummern ziehen, wurde inzwischen abgeschafft, Sitzplätze in der sogenannten Empfangszone ebenfalls. Böse Zungen behaupten, das habe System. Arbeitslose sollen sich ohne Sitzplätze minderwertig fühlen. Das Image der Anstalt, die sich 2003 in Bundesagentur für Arbeit wandelte, ist vorwiegend negativ besetzt.

"Nehmen Sie hinten Platz"

Seit meinen Erfahrungen ließ mich die Frage nicht los: Warum wird der Ort so ungern aufgesucht, obwohl er neben Jobperspektiven nicht zuletzt soziale Sicherheit bietet? Die Antwort suche ich auf der anderen Seite. Nach eineinhalb Jahren Vorbereitung drehen wir im Januar 2017, sieben Tage in der Arbeitsagentur Hamburg Mitte.

Die Arbeitslosigkeit ist auf dem niedrigsten Wert seit der Wiedervereinigung. Davon spüre ich hier nichts. 225 neue "Kunden" nehmen wir an meinem ersten Tag in der Empfangszone auf. Schnell merke ich, wie ich abstumpfe: "Wollen Sie sich arbeitslos melden? Ihren Ausweis bitte. Nehmen Sie hinten Platz, Sie werden namentlich aufgerufen." Man konzentriert sich auf ein paar Sätze.

Es muss schnell gehen. 60 Sekunden Zeit pro Kunde. Das ist die Vorgabe. "Wir sollen nicht rumdiskutieren", erklärt mir Christoph. Ich bin überrascht, dass die meisten Arbeitslosen freundlich zu mir sind. Keine Spur von Argwohn und ich beginne mich zu fragen, warum ich damals eigentlich so wütend war.

60 Sekunden pro Einzelschicksal. Viele junge Menschen. Und wie lapidar sie mit ihrer Kündigung umgehen. Diese Menschen werde ich nicht wiedersehen, sobald sie in den langen Flur verschwinden. Ich werde nicht erfahren, wie es in ihrem Leben weitergeht. Einzelschicksale verschwimmen zu einer Masse, die niemals endet. "Der Nächste bitte."

Die vielen Kündigungen deprimieren mich

Mein Kopf dröhnt. Die vielen Kündigungen, die ich an dem Tag sehe, deprimieren mich. Christoph ist auch nach acht Stunden fröhlich und versucht jedem das Gefühl zu geben, dass es nicht schlimm ist, hierherzukommen. Das glaube ich ihm sogar. Das ist nicht nur sein Job. Er kämpft gegen das Klischee über seinen Arbeitgeber und möchte zeigen, dass dieser Ort ein guter Ort ist. Und wenn ein Kunde seinen Unmut doch einmal an ihm auslässt, enttäuscht ihn das. Aber das muss er für sich behalten. 60 Sekunden sind um. "Der Nächste bitte."

Wartenummern und Sitzgelegenheiten sind abgeschafft. Weil sie nicht erst umständlich einzeln aufgerufen werden müssen, können Kunden so schneller abgearbeitet werden. Dass dies auf Außenstehende ein negatives Bild abgeben könnte, darauf reagieren die Mitarbeiter erstaunt. Im Gegenteil, es soll doch besser für die Kunden sein. Auf kritische Fragen, die ich endlich stellen kann, gibt es stets plausible Erklärungen.

Die Behörde ist modern geworden. Alles wird minutengenau erfasst. Die Wartezeit in der ersten Januarwoche: 11,5 Minuten im Durchschnitt. Auslastung der Mitarbeiter: 78 Prozent.

Jedes Vermittlungsgespräch folgt einem strengen Raster. In einer Schulung lerne ich 13 verschiedene Techniken, mit denen möglichen Einwänden der Kunden entgegengewirkt werden soll, um das Gespräch auf "einen konstruktiven Abschluss" zu steuern, wie im Methodenhandbuch zu lesen ist.

Das hier ist keine Traumfabrik

"Arbeitslose in Arbeit zu bringen. Das ist unser Job, dafür werde ich bezahlt und den mache ich gern", sagt mir eine Teilnehmerin der Schulung. Bei Jessica, der stellvertretenden Teamleiterin der Arbeitsvermittler, darf ich bei Vermittlungsgesprächen dabei sein und sogar selbst führen. Jessica ist stolz auf ihre Funktion. Sie macht ihre Arbeit vorschriftsmäßig. Sie setzt den gesetzlichen Auftrag um.

Und genau da ist es wieder - das miese Gefühl von damals, aber nun weiß ich, woher es kommt. Denn Arbeitslose möglichst schnell in Arbeit zu bringen, bedeutet in der Konsequenz: Der nächstmögliche Job soll her - nicht der bestmögliche. Eine Weiterbildung? Nicht wenn sie nicht notwendig für die Vermittlung ist.

Mein mieses Gefühl gründete auf einer falschen Erwartung: Anspruch auf Arbeitslosengeld bedeutet nicht Anspruch auf Wahlfreiheit oder Mitbestimmung.

Die Arbeitsagentur ist keine Traumfabrik. Sie ist eine auf Effizienz getrimmte Maschine, gefüttert mit Arbeitslosen als unendlicher Rohstoff. Sie unterwirft ihre Mitarbeiter engen Vorgaben. Die Angestellten haben einen sehr begrenzten Spielraum, auf die Wünsche ihrer Kunden einzugehen. Christoph, Jessica und die anderen Kollegen, die ich in meinen sieben Tagen kennengelernt habe, halten diese Maschine am Laufen - jeder auf seine Art und jeden Tag aufs Neue.

Zusammen mit Benjamin Arcioli hat Anke Gehrmann für den NDR den Film "7 Tage... Arbeitsagentur" gemacht. Er ist über YouTube und in der Mediathek des Senders abrufbar. Mehr Infos zu der Sendereihe "7 Tage" finden Sie hier.

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insgesamt 127 Beiträge
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Seite 1
twistie-at 27.04.2017
1. deprimierende Einsichten und Ansichten
Hauptsache ein Job, egal welcher, hauptsache abgearbeitet, Weiterschicken im 1-Minuten-Takt, keine Sitzgelegenheiten... das ist wie das Abarbeiten im Akkord, wenn es um Schrauben oder Muttern oder sonstiges geht - nächste, 60 Sekunden prüfen, ab in die Kiste, Beschädigtes in die andere Kiste, Vorsicht, die nächste kommt... es ist deprimierend, wenn einem alles bestätigt wird, was einem schon klar war. "Wir haben hier ein Praktikum im Einzelhandel - sechs Wochen Regale einräumen, wird auch gefördert, d.h. wir zahlen die Fahrtkosten. Toll, oder? Nächster bitte", auch wenn man etliche Zertifikate vorzuweisen hat und eigentlich fragen wollte, ob es eine Möglichkeit gibt, mit den guten Englischkenntnissen irgendwo reinzurutschen. Der Mensch als reine Arbeitsleistungsmasse, der nicht mehr Hilfesuchender ist, sondern nur noch Kunde, allerdings ohne die meisten Rechte.
gluonball 27.04.2017
2. Fachkräftemangel
"...gefüttert mit Arbeitslosen als unendlicher Rohstoff..." Wäre der Fachkräftemangel real, würde es wohl heißen:"...gefüttert mit Arbeitslosen als rarer, begrenzter Rohstoff..."
goethestrasse 27.04.2017
3.
Arbeitslose haben nicht nur Rechte ud Ansprüche. Ein Großteil des ALG I und II. wird von Beitragszahlern erwarbeitet, die jeden Tag aufstehen und zur Arbeit gehen .
mintms 27.04.2017
4. Auweia
Also wenn die "stellvertretende Teamleitung der Arbeitsvermittler" schon Textbausteine fürs Protokoll verwendet, dann soll sie diese doch bitte mit crtl c und v kopieren und nicht 3 Tage auf die Maus klicken. Das sparrt wahrscheinlich schon mehr Zeit als der Gang vom Sitz zum Schalter. Diese Effizienz ist überragend ..
Doc_Hollyday 27.04.2017
5. richtig so
Wer keine Lust auf die Agentur oder das Jobcenter hat soll sich dort nicht melden. Dann muss er auch keine Maßnahmen oder ähnliches machen. Wenn er jedoch Geld beantragt hat er gem. Gesetz alles zu tun um in Arbeit zu kommen. Wenn er dies nicht tut dann verstößt er gegen das Gesetz. Nur weil jemand nicht seinen persönlichen Traumjob findet heißt das nicht das die Steuerzahler ihn und seine Arbeitslosigkeit subventionieren müssen. Das Gesetz ist hierbei für alle gleich und macht keine Unterschiede. Das SGB II ist eine absolute Erfolgsgeschichte und dabei sozial. Für Menschen die wirklich nicht arbeiten können gibt weitere diverse Förderungen. Einfach mal schlau machen und nicht nur meckern. Typisch deutsch halt. Der Staat ist immer für mein persönliches Missgeschick verantwortlich.
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