Arbeitsmarkt für Physiker Einsteins Erben

Physiker werden in der Berufswelt geschätzt, weil sie imstande sind, dicke Bretter zu bohren. Das Studium bereitet jedoch nur unzureichend auf den Arbeitsmarkt vor. In der Uni wird man mit Theorie gemästet, was schon dem Übervater der Zunft, Albert Einstein, sauer aufstieß.

Von Peter Ilg


Fühlte sich mit Prüfungsstoff gemästet: Physiker Albert Einstein
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Fühlte sich mit Prüfungsstoff gemästet: Physiker Albert Einstein

"Ich hatte Glück", erzählt Thorsten Glebe. Seit drei Jahren arbeitet der promovierte Physiker beim Softwaregiganten SAP in Walldorf als Programmierer. Zuvor hat der 36-Jährige in Göttingen sein Diplom abgelegt und promoviert. "Mein Ziel war es, in der Forschung zu bleiben und mich zu habilitieren", sagt er im Rückblick auf seine Zeit an der Universität. Doch die Rechnung ging nicht auf, seine Experimente lieferten nicht die notwendigen Resultate.

Glebe bewarb sich auf Stellenanzeigen aus der Wirtschaft und stellte bald fest: "Das Physikstudium ist so aufgebaut, als wenn es die Wirtschaft und die Arbeitsmarktprobleme nicht geben würde."

Weil er sich in Eigeninitiative Computer- und Programmierkenntnisse angeeignet hatte, bekam Glebe dennoch den Job bei SAP. Physiker brauchen Sekundärqualifikationen, gibt er sich überzeugt. "Heutzutage stellt niemand mehr einen Physiker ein, nur weil er ein solcher ist", meint Glebe.

"Den Kopf vollstopfen"

Die Theorielastigkeit des Faches hatte schon der berühmteste Physiker, Albert Einstein, bemängelt. "Der Haken an der Sache war allerdings der, dass man sich für die Prüfungen mit diesem Zeug den Kopf vollstopfen musste", klagte Einstein im Rückblick auf seine Studienzeit. "Dieser Zwang hatte eine derart abschreckende Wirkung auf mich, dass mir nach meiner Abschlussprüfung ein ganzes Jahr lang die Beschäftigung mit naturwissenschaftlichen Problemen widerstrebte."

Physiker (an der Uni Kaiserslautern): Unklarer Arbeitsmarkt
DPA

Physiker (an der Uni Kaiserslautern): Unklarer Arbeitsmarkt

Physiker hätten jedoch eine recht gute Grundausbildung für den Arbeitsmarkt, insbesondere in der Informations- und Kommunikationstechnologie, betont Beate Raabe, Arbeitsmarktexpertin in der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV) in Bonn. Allerdings würden manche die Industrie völlig ignorieren, weil ihr Ethos zunächst auf die Wissenschaft abziele. "Einen Arbeitsmarkt für Physiker gibt es nicht, abgesehen von den wenigen Stellen an Hochschulen oder in der Forschung", schränkt die Expertin ein.

Stellenangebote für Physiker gebe es allerdings genügend. Nur würden in diesen nicht explizit Physiker gesucht, sondern allgemein Ingenieure, Informatiker oder Naturwissenschaftler.

Das Kleingedruckte lesen

"Deshalb müssen Sie das Kleingedruckte lesen", rät Raabe Berufseinsteigern. In den letzen Jahren hatten jüngere Bewerber einen verhältnismäßig leichten Berufsstart, hat die ZAV in einer Studie herausgefunden. Durch die niedrigen Absolventenzahlen und die intakte Nachfrage stellten Physiker bis 35 Jahre vergleichsweise wenig Arbeitslose. Im Prüfungsjahr 2002 schlossen nur rund 3000 Studenten ihr Physikstudium erfolgreich ab, so das Statistische Bundesamt, 1996 waren es noch 5900 gewesen.

Das Großunternehmen Bosch beschäftigt rund 1120 Physiker; 1700 Ingenieure und Naturwissenschaftler stellt das Unternehmen in diesem Jahr ein. "Darunter sind 250 Chemiker und Physiker", verrät Jessika Dannemann, Personalreferentin in der Bosch-Unternehmenszentrale in Gerlingen bei Stuttgart.

Dannemann lobt die breite Ausbildung der Physiker und die Fähigkeit, sich schnell in neue Aufgabengebiete einzuarbeiten. Sie würden auch nicht in Konkurrenz zu den Ingenieuren treten. "Physiker tendieren mehr in Richtung Forschung, Ingenieure mehr in Richtung Anwendung und Entwicklung", so Dannemann.

Nebenverdienst durch Programmieren

Christof Reinhart sagt von sich, kein typischer Physiker zu sein. Vielleicht verlief sein Berufseinstieg deshalb anders. "Ich habe schon früh gemerkt, dass die akademische Welt nichts für mich ist", erzählt der 38-Jährige. Dennoch zog er sein Physikstudium in Heidelberg durch und finanzierte es mit Programmieren. Durch Zufall kam er auf eine Diplomarbeit über die Visualisierung von medizinischen Bilddaten aus der Computer- und Kernspintomografie.

Raus aus der akademischen Welt: Firmengründer Christof Reinhart

Raus aus der akademischen Welt: Firmengründer Christof Reinhart

Aus dem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projekt entstand das Unternehmen Volume Graphics, das Software zur Analyse und Visualisierung von industriellen Computertomografie-Daten entwickelt und vermarktet. Alle drei Gründer sind Physiker, Reinhart ist einer davon. Fünf der zehn festangestellten Mitarbeitern von Volume Graphics sind ebenfalls vom Fach, weitere Software-Ingenieure werden gesucht. "Ob sich darauf ein Informatiker, Ingenieur oder Physiker bewirbt, ist völlig freigestellt", sagt Reinhard.

Dass Physiker gerne genommen werden, schreibt das Unternehmen nicht explizit in seine Stellenanzeigen. Reinhard rät deshalb seinen Fachkollegen ebenfalls, nicht nur die Überschriften der Ausschreibungen zu lesen, wenn sie erfolgreich sein wollen.



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