Architektenträume Die Sechs von der Urwaldbaustelle

Sag mir, was du bauen willst, und wir entscheiden, ob was daraus wird: So drehen Berliner Architekturstudenten die Usancen ihrer Branche um. Als Jury beim Bauherren-Casting erwählten sie einen Auftraggeber - und der lud sie gleich in den indischen Dschungel ein.

Von Marcus Müller


Hereinspaziert: Sechs Jungarchitekten wählen ihren Auftraggeber selbst
Marcus Müller

Hereinspaziert: Sechs Jungarchitekten wählen ihren Auftraggeber selbst

"Ich habe das noch nicht richtig verstanden", sagt Florian Lippe und stützt sich auf den langen weißen Tisch, auf dem die Kopie eines Grundstücksplans und Blöcke mit ein paar hingekritzelten Notizen liegen. Lippe blickt auf die Papiere und seufzt: "Das Projekt ist noch nicht bei mir angekommen, ich muss noch drüber nachdenken."

Das muss er sogar dringend, denn gemeinsam mit fünf weiteren Architekturstudenten der Berliner Universität der Künste (UdK) will Lippe in nur drei Tagen einem Auftraggeber mindestens eine Idee für sein Grundstück entwerfen.

Andreas Deffner, 49, ist dieser Auftraggeber, er hat sich auf den Tag gut vorbereitet. Mehr als zwei Stunden lang erzählte er den angehenden Architekten von seinem Traum: ein Designzentrum in Indien. Deffner zeigte den Studenten einen kurzen wackeligen Film und Bilder seines 20.000-Quadratmeter-Grundstücks in den Palani-Bergen in Indiens südlichster Provinz Tamil Nadu. Er will die Nachwuchsarchitekten einstimmen auf das ferne Bauland in 1550 Metern Höhe. Ein paar schiefe Hütten und Ruinen stehen dort an einem steilen Berghang, der weite Blick ins Tal fällt auf satt-grünen Urwald. Dort lebt Deffner zeitweise, mit einem Design- und Studienzentrum will er Leben und Arbeiten in Indien verbinden.

Alle Macht den Studenten: "Das ist Luxus"

Deffner ist Profi-Fotograf, seine Bilder hängen in Galerien und werden in großen Magazinen besprochen. Er ist der solvente Geldgeber - der Mann mit dem Auftrag. Und trotzdem ist er etwas aufgekratzt, denn die Versuchsanordnung für seine Präsentation ist speziell: Die sechs UdK-Studenten veranstalten mit ihm ein Bauherren-Casting. Deffner soll ihnen seine Baupläne vortragen. Und die Architekten entscheiden, ob sie ihm errichten wollen, was er sich wünscht.

Es ist der Versuch der Architekturstudenten, kurz vor Ende ihrer Ausbildung wenigstens einmal mit den Usancen ihres angestrebten Berufes zu brechen. Verkehrte Welt: Nicht der Investor wedelt mit dem Geldbündel und bestimmt, wo's langgeht. Die Architekten in spe wollen den Spieß umdrehen und sich den Auftraggeber aussuchen, der am besten zu ihnen passt.

"Wir haben die Vorstellung eines symbiotischen Verhältnisses von Bauherr und Architekt", sagt Student Florian Lippe. "Eigentlich funktioniert das nicht als Dienstleistung oder wie beim Kauf eines fertigen Autos." Eigentlich - denn meist sieht die Architektenwirklichkeit anders aus. Und so macht sich das Studententeam auch keine Illusion über die Sondersituation des Castings.

Bloß keine popeligen Einfamilienhäuser

"Jetzt können wir es uns noch leisten, so ein Experiment zu wagen", sagt Tibor Bartholomä. Kommilitone Michael Wierdak ergänzt: "Natürlich hätten wir als Studenten in einem Büro oder als Berufsanfänger nie so eine Chance auf ein perfekt zu uns passendes Projekt." Bernard Resewski bringt auf den Punkt, was die Studenten sich hier gönnen: "Das ist Luxus."

Ihre Rolle als Jury vertreten die Studenten selbstbewusst. Schließlich reihen sie sich an diesem langen Wochenende an der UdK in eine ausgedehnte Leistungsschau ein. "Das ist eine großartige Artwork, wie man den Besuchern Architektur zeigen kann", sagt Nils Rostek forsch. Einfach nur ihre Arbeitsergebnisse in den Gängen vor den Ateliers auszustellen wie ihre Kommilitonen, das sei ihnen zu wenig. Daher haben sie sich auch für die Arbeit im offenen Büro entschieden. Immer wieder erklären sie in Raum A 332 Neugierigen ihr Projekt, unter dem Geklapper der Cafeteria nebenan.

Doch das Casting ist schwierig. Nur eine gute Handvoll Bewerber sind es letztlich. Die Studenten sieben vorab jene aus, die sie einfach als umsonst arbeitende Dienstleister anheuern wollen. So lehnen sie den Entwurf eines schnöden Einfamilienhauses ab. Aber ein weites Grundstück in Indien mit einem Fotografen als Bauherren, der auch noch Architektur ablichtet - das ist kaum zu schlagen. Schon im Vorgespräch waren sich Bauherr Deffner und die Jungarchitekten einig, dass sie es zumindest für drei Tage zusammen versuchen wollen.

"Das ist der Bauherr", ruft Studentin Marina Kiriakova in den Raum, als am Samstagabend ihr Mobiltelefon klingelt. Deffner platzt in eine leidenschaftlich und scharf geführte Debatte über die Gestaltung des Grundstücks und kündigt an, noch einmal mit seinem Architektenteam über Details zu sprechen. Die Ergebnisse sieht Deffner am nächsten Tag. Strukturen für das Grundstück haben die Studenten ihm entworfen - wie sich Arbeits- und Wohnräume im schwer zugänglichen Areal inmitten des Urwalds verteilen könnten, welche Art von Gebäuden und Nutzungsformen sich anbieten.

Großes Lob und eine Einladung nach Indien

Die Ergebnisse sind noch recht vage, mehr als ein "architektonisches Szenario", wie die Studenten es nennen, ist in drei Tagen nicht zu schaffen. Auftraggeber Deffner erklärt, dass sich seine Vorstellungen aus finanziellen Gründen erst nach und nach verwirklichen lassen. Einen genauen Zeitplan hat er nicht, er sieht es als Teil des Projekts, weiter Ideen zu sammeln und es langsam entstehen zu lassen. Trotzdem sei es ihm ernst mit den jungen Architekten: "Die Konzepte sind gut. Jetzt muss es aber bald an die Praxis gehen."

Deffner hat zum Abschlussgespräch des Casting-Wochenendes zwei Bekannte mitgebracht, den Architekturprofessor Luis Feduchi und die indische Architektin Anupama Kundoo, die beide an der TU lehren. Sie debattieren mit dem studentischen Nachwuchs über das Bauen in Indien. Von der Idee des Bauherren-Castings sind die Architekten begeistert. Man könne das zu einem echten Markenzeichen machen, findet Feduchi, für den ausgewählten Bauherren sei das dann wie eine Auszeichnung.

"Hoffentlich müsst ihr jetzt nicht den Bauherren bezahlen", scherzt Architektin Kundoo über das umgedrehte Verhältnis. Bauherr Deffner winkt ab. Ihm gefallen Idee und Entwürfe. Er macht den Studenten Hoffnungen, dass aus dem Zentrum im indischen Dschungel etwas werden könnte. Allerdings müssten die Architekten auch am Bauort sehen, wofür sie planen, findet Deffner. Und lädt die Studenten in sein Urwalddomizil ein.

Die müssen nun überlegen, ob ihnen das die teuren Flüge wert ist - für den ersten großen Auftrag der noch jungen Karriere. "Wir wollen es auf jeden Fall versuchen", sagt Student Bartholomä.



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