Architekturstudium "Zu viele auf dem Kuschelsofa"

An der Architektenausbildung lässt Meinhard von Gerkan kein gutes Haar: "Da wird ein unglaubliches Potenzial vergeudet", zürnt der Star der Bauwelt und plädiert für eine neue Struktur des Studiums.


UniSPIEGEL:

Herr von Gerkan, ist ein frisch diplomierter Architekt, der von einer deutschen Hochschule kommt, gut auf den Beruf vorbereitet?

Gerkan: Nein, denn er kann so gut wie nichts - zumindest, was die handwerklich-technischen Fähigkeiten angeht.

UniSPIEGEL: Wollen Sie damit sagen, dass er etwa nicht einmal weiß, wie ein Fundament aussieht?

Gerkan: Genau, früher wussten die Studenten das noch, heute nicht mehr. Welche Eigenschaften die unterschiedlichen Baustoffe haben, wie man eine Wand mauert, wo man eine Sperrschicht einlegen muss, damit keine Feuchtigkeit im Mauerwerk aufsteigt - all die bauphysikalischen und konstruktiven Kenntnisse haben sie nicht.

UniSPIEGEL: Laut Studienplan müssten die Studierenden das aber wissen.

Gerkan: In solchen Plänen steht vieles drin, was dann aber nicht so ist. Der Architektenberuf war ursprünglich etwas sehr Handfestes - so etwas wie ein Baumeister. Da hatten die handwerklichtechnischen Fähigkeiten Vorrang - und nicht die Vorstellung, mit innovativen Entwürfen genial die Welt bereichern zu können. Das hat sich bedauerlicherweise umgekehrt.

UniSPIEGEL: Wie kommt das?

Gerkan: Früher lehrten die Bauschulen und später die Fachhochschulen diese technischen Fähigkeiten. Heute meint jede Ausbildungsanstalt, egal, ob sie nun in Buxtehude, Lübeck, Berlin oder München angesiedelt ist, sie müsse Star-Architekten hervorbringen.

UniSPIEGEL: Brauchen wir die nicht?

Gerkan: Doch, aber auch die bringen die Hochschulen nicht hervor - sondern zu viele mittelmäßige und schlecht ausgebildete Architekten. Warum muss ich an jeder Fachhochschule unbedingt Museen und Opern entwerfen lassen, wenn in Deutschland vermutlich in den nächsten zehn Jahren höchstens zwei Museen und keine Oper gebaut werden?

UniSPIEGEL: Die Ausbildung geht an der Wirklichkeit vorbei?

Gerkan: Nach meiner Einschätzung werden viel zu viele junge Leute mit zu hohem Anspruch ausgebildet, mehr, als die Gesellschaft braucht, und weit mehr, als dazu überhaupt begabt sind. Da wird ein unglaubliches Potenzial an Ausbildungskraft vergeudet.

UniSPIEGEL: Wie viel Prozent der jährlich etwa 5000 Absolventen haben Ihrer Meinung nach das Zeug zum überdurchschnittlichen Entwurfsarchitekten?

Gerkan: An der TU Braunschweig, an der ich seit 26 Jahren Professor bin, schätze ich die Zahl auf rund 15 Prozent.

"Eine harte Kontrolle während des Studiums findet leider nicht statt"

UniSPIEGEL: Der Rest ist überfordertes Mittelmaß?

Gerkan: Es ist schon ein Aberwitz: In den Hochschulgremien kämpfen die Studentenvertreter in der Regel dafür, dass im Studium weniger gearbeitet werden muss. In Japan, Südafrika und den USA, wo ich als Gastprofessor gelehrt habe, ist es das genaue Gegenteil - die Studenten fordern Leistung! Hier kommen sie an und sagen: Ich hab da noch was vom vorigen Jahr, können Sie das nicht als Entwurf anerkennen? Im Architekturstudium versuchen sich zu viele auf dem Kuschelsofa einzurichten.


UniSPIEGEL: Dafür bekommen die Studenten aber beim Diplom die Quittung.

Gerkan: Eine harte Kontrolle während des Studiums findet leider nicht statt. Und es gibt heute fast niemanden mehr, der durchs Diplom fällt. Natürlich spielen da auch soziale Komponenten eine Rolle. Wenn ein Student eine Familie hat, womöglich tagsüber arbeiten muss, heißt es: Warum soll ausgerechnet der kein Examen bekommen? Sein Kommilitone mit reichen Eltern kauft sich die Zeichnungen bei Kollegen. Also sagt man: Schwamm drüber.

UniSPIEGEL: Wie müsste Ihrer Ansicht nach eine Reform der Architektenausbildung aussehen?

Gerkan: Es geht nicht, jemand im Entwerfen, im Kreieren von ganzheitlichen Lösungen zu trainieren und ihn gleichermaßen anspruchsvoll darauf vorzubereiten, mit pragmatischen, handwerklichen und ökonomischen Fragen umzugehen. Das heutige Ausbildungssystem leistet Ersteres unzulänglich und Letzteres gar nicht.

UniSPIEGEL: Die Lösung?

Gerkan: Die Aufgabengebiete müssten getrennt werden in unterschiedliche Ausbildungen, wie es auch der Berufspraxis entspricht. In unserem Büro haben wir zwei Arten von Leuten: Die einen entwerfen, die anderen kümmern sich um Abwicklung, Kosten, Bauleitung. Jede Hochschule müsste sich ein klares Profil geben. Daneben brauchen wir noch etwas Neues: eine Bauakademie.

UniSPIEGEL: Was ist das?

Gerkan: Sie sollte besonders begabte, künstlerisch orientierte Architekten ausbilden. Das könnte auch eine private oder halbprivate Einrichtung sein, um die staatlichen Hochschulen unter Wettbewerbsdruck zu setzen.

UniSPIEGEL: Dort studieren dann nur die Besten?

Gerkan:Für mich steht die Frage, wer da unterrichtet, an erster Stelle. Ich bin entschieden der Meinung, dass man Hochschullehrer nicht auf Lebenszeit berufen sollte, obgleich ich selbst so einer bin. Jedes Engagement nützt sich mit der Zeit ab. Außerdem halte ich es für unerlässlich, dass die Lehrenden über eigene Praxis, sprich ein Büro, verfügen.

UniSPIEGEL: Viele Professoren, die ein eigenes Büro besitzen, sind selten gesehene Gäste an den Universitäten.

Gerkan: Ich kenne diesen Konflikt aus eigener Erfahrung. Deshalb müsste man ihnen an einem Institut wie einer Bauakademie von vornherein genügend Freiraum für die Praxis einräumen und nicht scheinheilig, wie heute an den Unis, von vier Tagen Präsenzpflicht reden. Daneben sollte es andere Mitglieder des Lehrkörpers geben, die für Kontinuität sorgen. An einer Bauakademie sollte man zudem mit Künstlern, Literaten und Philosophen zusammenarbeiten.

UniSPIEGEL: Noch einmal: Wer soll da studieren?

Gerkan: Das ist eine Frage der Begabung - Leute, die eine hohe Kreativität und künstlerisches Denken mitbringen. Es gibt kein Patentrezept für die Auswahl, das schlechteste wäre die Abiturnote.

UniSPIEGEL: Sie wünschen sich also eine Elite?

Gerkan: Der Begriff Elite wird hier zu Lande in einem Maße tabuisiert, wie es nicht sinnvoll ist. In den USA zum Beispiel suchen die Hochschulen ihre Studenten selbst aus. Ich bin für Auswahl, aber nur in Hinblick auf Begabung.

UniSPIEGEL: Was wäre das Ausbildungsziel einer solchen Bauakademie?

Gerkan: Kluge Köpfe für das Ganze hervorzubringen. Bauen ist ein hoch komplexes Phänomen, für alles gibt es Bestimmungen, von der Wärmeschutzverordnung bis zu den DIN-Normen. Deshalb bedarf es des Generalisten, eines Dirigenten, der es versteht, eine Fülle von Problemen technischer, ökonomischer, denkmalpflegerischer, ökologischer und sonstiger Art in einen Entwurf umzusetzen.

UniSPIEGEL: Was raten Sie denn jemandem, der trotz Ihrer kritischen Analyse Architektur studieren will?

Gerkan: Er sollte sich auf jeden Fall vorher die Arbeit in einem Büro anschauen, damit er weiß, was später auf ihn zukommt. Dann muss er sich mit Enthusiasmus auf sein Fach stürzen und nicht versuchen, nur das dünnste Brett zu bohren, das er finden kann.

INTERVIEW: ULLA HANSELMANN



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