Ausbildung Game Design Daddeln bis zum Traumjob

Der Markt für Video- und Computerspiele boomt - eine Chance für passionierte Gamer. Mit Talent und Ehrgeiz können sie aus ihrer Passion einen Beruf machen, als Spielentwickler, Grafiker oder Programmierer. Billig ist die Spezialausbildung allerdings nicht gerade.

Von Helmut Merschmann


Der Motor röhrt, die Reifen quietschen, ein aufgemotzter roter Rennwagen rast durch eine gottverlassene Stadt und hinterlässt eine Spur des Grauens, vor allem an der eigenen Karosserie. Im Affenzahn geht es vorbei an tristen Plattenbauten und einer monumentalen Statue - Szenen aus dem Rennspiel "Fragfist".

"Wir haben eine fiktive Stadt gebaut in einem totalitären System", erklärt Jens Kortboyer. "Die Statue stellt den Staatsgründer dar." Kortboyer ist Schüler an der Games Academy, einer Ausbildungsstätte für Spieleentwickler und Game Designer in Berlin. Die Arbeiten an "Fragfist" laufen derzeit auf Hochtouren. Bereits vier Quadratkilometer virtuelle Stadtlandschaft sind entstanden.

Kortboyer belegt das Fach "Art & Animation". Sein Team ist für die grafische Gestaltung von Computerspielen zuständig. "Schon in der achten Klasse hatte ich beschlossen, Grafiken für Games zu machen", erzählt der 22-Jährige. Nach Abitur, Zivildienst und einem dreimonatigen Praktikum in einer Spielefirma landete er schließlich an der Games Academy.

Die Spielebranche boomt. Seit Jahren steigen die Umsätze für Computer- und Handy-Spiele um mehr als zehn Prozent. Spielemessen wie die Games Convention in Leipzig finden immer mehr Zulauf, neue Entwicklerstudios werden gegründet. Besonders der Spielemarkt für Konsolen und Handhelds ist im Aufschwung. Bei der Jobbörse von G.A.M.E., dem Bundesverband der Spieleentwickler, sind derzeit über 100 Stellen ausgeschrieben, von Programmierung über Game Design bis zur Qualitätskontrolle. Allerdings sind bloß 20 davon aktuell und weniger als zwei Monate alt.

Wachsender Ausbildungsmarkt

Der Boom wirkt sich auch auf den Ausbildungsmarkt aus. Immer mehr Schulen mit vergleichbaren Ausbildungsinhalten entstehen. Die "Games Academy" und das ebenfalls in Berlin ansässige "L4 - Institut für Digitale Kommunikation" zählen zusammen mit der Münchner "Mediadesign Hochschule" zu den ältesten privaten Ausbildungsstätten im Bereich Game Design.

Staatliche Hochschulen haben den Vorzug, preisgünstiger zu sein. Im Herbst 2004 richtete die Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich den ersten Bachelor-Studiengang für Gamedesign im deutschsprachigen Raum ein. Auch die Universität Magdeburg bildete im Fach Computervisualistik einen vergleichbaren Schwerpunkt aus.

Eher künstlerisch Interessierte können sich am renommierten Ludwigsburger Animationsinstitut, das zur dortigen Filmhochschule gehört, oder an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam unterrichten lassen. Die Technische Universität Ilmenau schrieb vor kurzem die erste Professur für Computer- und Videospiele aus - mit deutlichem Forschungsschwerpunkt.

Auch für Simon Trümpler, 21, der nach der Realschule eine Ausbildung als Fachinformatiker absolvierte, war das Berufsziel früh klar: "Ich hatte mich auf der Spielemesse 'Games Convention' mit Studenten unterhalten und jedes Mal echt gebrannt vor Leidenschaft. Ich wollte unbedingt hierher." Allerdings scheitere das Vorhaben, ein Stipendium von einer Spielefirma zu ergattern. So muss die eigene Familie einspringen, um die viersemestrige Ausbildung zu finanzieren.

Leidenschaft für virtuelle Welten

Die Games Academy ist eine private Spezialschule, keine Hochschule, und vergibt auch keine Diplome, sondern Abschlusszertifikate - auch wenn sie ihre Auszubildenden Studenten nennt und ihre Angebote Studiengänge. Satte 760 Euro monatlich sind aufzubringen, um an der Games Academy das Fach Art & Animation zu belegen. Zeichnen, Modellieren, das Gestalten von Spielfiguren und die Animation von virtuellen Charakteren gehören zum Arbeitsprogramm. Auch für den Look eines Spiels - die Hintergründe, Texturen und Objekte - sind Grafiker zuständig, die in enger Zusammenarbeit mit den Programmierern angeleitet werden.

"Wir Programmierer versuchen umzusetzen, was die Grafiker gerne machen würden", erläutert Robert Müller, 25, seinen Aufgabenbereich. "Dabei muss man aber immer auch abwägen, ob sich der Aufwand lohnt." Denn manchmal sind die Ansprüche der Grafiker so hoch, dass die Umsetzung zu aufwändig ist. Im Ausbildungsgang 3D-Programmierung - er dauert vier Semester und kostet 760 Euro monatlich - erlernt man daher neben Informatik und Visualisierung auch den Blick für das Machbare.

Die eigentlichen Game Designer sind das Bindeglied zwischen Grafik und Programmierung. Dieses dritte Angebot der Game Academy dauert zwei Semester und kostet 890 Euro im Monat. Sie sollen dafür sorgen, dass das Spiel auch Spaß macht - sonst wird es sich nicht verkaufen. "Game Designer sind für den 'proof of fun' zuständig", so drückt es Akademie-Leiter Thomas Dlugaiczyk in der Sprache der Experten aus.

Das fand Hendrik Bartinger spannend, als er nach zehnjähriger Tätigkeit als Stahlbetonbauer arbeitslos wurde und sich entschloss, komplett umzusatteln. "Wie Computerspiele funktionieren, hat mich schon immer interessiert", sagt Bartinger, "das wollte ich selber lernen." Ein halbes Jahr musste der 29-Jährige kämpfen, bevor ihm das Arbeitsamt den Game-Design-Kurs als Fortbildung genehmigte.

Anfang März wird er sein Abschlusszertifikat erhalten und sich auf dem Spielemarkt bewähren müssen. "Ein direkter Berufseinstieg mit nur einem Jahr Ausbildung ist zurzeit superschwer", schätzt Bartinger die Situation ein, "ich bewerbe mich gerade für Praktika."



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