Ausbildung zum Clown Die Lachmacher von Konstanz

Laut Arbeitsagentur ist Clown ein Beruf mit Zukunft. Doch mit einfachem Herumblödeln ist es nicht getan: Wer professioneller Spaßmacher sein will, hat eine ernste Mission. Eine Clownakademie in Konstanz lehrt ihre Schüler, kranke Menschen gesundzulachen.

Von

Fabienne Hurst

Anny Huber hopst in den Raum. Sie trägt Balletschläppchen über dicken Tennissocken, dazu Leggins und ein pinkfarbenes Shirt, in ihrem zarten Gesicht leuchtet eine rote Schaumstoffnase. "Ooooh" raunt sie und: "Aaaah"; sie rollt mit den Augen, trippelt auf der Stelle, so wie es ein Clown ihrer Ansicht nach macht. Vor ihr sitzen 15 Mitschüler im Halbkreis, niemand lacht. Anny muss sie erst noch dazu bringen. Nur wie?

Anny ist im zweiten Ausbildungsjahr zum Gesundheitsclown. Mit 23 Jahren ist sie eine der Jüngsten im Kurs, ihre älteste Kollegin ist 68 Jahre alt. Eigentlich wollte Anny Schauspielerin werden, doch auf der Suche nach einer Schule ist sie bei der Tamala Clown Akademie in Konstanz hängengeblieben.

Das Wort Tamala kommt aus dem Sanskrit und ist der Name eines mystischen Baumes, der für "Wachstum" steht. Die Schulleiter haben sich für diesen Namen entschieden, weil auch die Auszubildenden in ihrer Persönlichkeit wachsen sollen. Anny hat sich in den letzten Monaten verändert: "Man hinterfragt ständig seine Einstellungen und merkt, dass wir vieles zu ernst nehmen. Dagegen will ich ein Zeichen setzen."

Schuhe kommen in den Kühlschrank

"Wir sind doch eigentlich die letzten Deppen", sagt Schulleiter Udo Berenbrinker und lacht. Der Vorteil des Clowns sei, dass ihm das nichts ausmacht. Dieses Selbstbewusstsein könne man nutzen, um kranken Menschen zu helfen, die vergesslich werden oder seltsame Dinge tun. Wenn ein Demenzkranker seine Schuhe in den Kühlschrank stellt, räume die Pflegerin sie an den richtigen Platz. "Der Clown stellt seine dazu."

Rund zwei Drittel der Tamala-Absolventen finden Arbeit in der Gesundheitsbranche, vor allem bei Demenz-Einrichtungen gibt es viele offene Stellen. Doch auch in Kinderkliniken oder Einrichtungen für Behinderte arbeiten Clowns. Viele machen sich selbständig und tingeln durch verschiedene Altenheime und Kliniken. Immer häufiger werden Clowns von den Einrichtungen auch stundenweise fest angestellt, auf 400 Euro Basis etwa. In ihrem Berufsverzeichnis stuft die Agentur für Arbeit den Clown bereits als Beruf mit Zukunft ein.

Humortherapie statt Antidepressiva

Berenbrinker und seine Partnerin Jenny Karpawitz haben an ihrer Schule die Idee professionalisiert, anderen Menschen mit Humor zu helfen. Die Ausbildung zum Gesundheitsclown haben sie patentieren lassen.

Die beiden Clownausbilder beziehen sich in ihrer Arbeit auf wissenschaftliche Studien aus der Humorforschung. Einer der wichtigsten Forscher ist für sie Rolf Hirsch, der Chefarzt in einer Bonner Klinik ist und die medizinische Wirkung des Humors untersucht. Seine These: "Jedes Pflegeheim braucht einen Clown. Humor als Antidepressivum ist oft wirkungsvoller als Pillen." Da Demenz nicht nur eine organische Krankheit, sondern auch von psychosozialen Faktoren abhängig sei, gebe es viele Möglichkeiten, Humor als Lebenselixier und Therapie einzusetzen.

Im Theorieteil der Ausbildung geht es auch um die Besonderheiten der verschiedenen Krankheiten. Auf jeden Patienten muss man sich anders vorbereiten, Jugendliche ab zwölf finden rote Nasen total blöd, und bei Kleinkindern funktioniert Tonsprache am besten, also das Kommunizieren mit Geräuschen statt mit Worten.

Darf man Senioren schlüpfrige Witze erzählen?

Die Schüler hören ihrem Lehrer zu. "Darf man Senioren auch mal einen schlüpfrigen Witz erzählen?", will jemand wissen. "Und was ist, wenn ein Arzt ins Zimmer kommt?" Manchmal gebe es kein Rezept, so Berenbrinker, alles sei eine Frage des Fingerspitzengefühls, das sich mit der Zeit entwickele. Deshalb wird monatelang geübt, Szenen werden nachgestellt, heikle Situationen, in denen ein Clown reagieren muss.

Je nach Krankheit oder Behinderung können die Patienten ungeahnte Aggressionen entwickeln und laut schreien oder um sich schlagen. Bei traumatisierten Kindern kommt es häufig vor, dass sie den Clown als ersten richtigen Freund akzeptieren, ihm mehr erzählen als den Therapeuten und Ärzten. Auch damit müssen die Schüler umgehen können.

Bis Anny eine Stelle als Klinikclown annehmen kann, arbeitet sie nebenher als Kellnerin, um sich die Schulgebühren leisten zu können. 3410 Euro kostet die Ausbildung im Jahr, ohne Unterkunft und Reisekosten. Die Sonderschullehrerin Ute Dinkelmann aus Frankfurt, 50, hat dafür sogar ihr Motorrad verkauft. Nach der Ausbildung möchte sie mit alten Menschen arbeiten, obwohl sie weiß, dass man in dieser Brache nicht reich wird. "Mein Lohn ist ein Lächeln", sagt sie, "das wiegt alles auf."

In der zwei Jahre langen Ausbildung entwickeln die Schüler ihre eigene Clownfigur, müssen sich ständig neue Programme ausdenken, tanzen lernen, singen oder ein Instrument zu spielen. "Eigentlich kann jeder Clown werden", sagt Udo Berenbrinker. Doch müsse man körperlich und vor allem psychisch strapazierfähig sein, eine große Portion Mut und vor allem den nötigen Biss mitbringen. Die Hälfte der Bewerber bekommt keinen der insgesamt 24 Plätze.

Auch Anny wird immer mehr bewusst, wie schwer das Handwerk Humor ist. Trainerin Karpawitz wirft ihr einen Korb vor die Füße. "Mach was damit!" Anny nimmt den Korb in beide Hände, blickt hilflos, windet sich, fängt von vorn an. Ihre Kritiker im Publikum sind streng: "Zu langsam! Zu wenig Energie! Zu hektisch!", bemängeln sie, einige gähnen. Schließlich gelingt es Anny aber doch: Sie benutzt den Korb als Hut, schaut verschmitzt und stolziert im Stechschritt davon. Dafür bekommt sie Beifall - und schallendes Gelächter. Endlich.



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Seite 1
seenoevil 19.04.2011
1. Nur was Erwachsene
Zitat von sysopLaut*Arbeitsagentur*ist Clown ein Beruf mit Zukunft. Doch mit einfachem Herumblödeln ist es nicht getan: Wer*professioneller Spaßmacher sein will, hat eine ernste Mission.*Eine Clownakademie in Konstanz lehrt ihre Schüler, kranke Menschen gesund zu lachen. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,755596,00.html
Ich erinnere mich an eine Umfrage, in der 150 von 150 Kindern sagten, sie mögen keine Clowns. Ehrlich gesagt, kann ich mich als Kind und Erwachsener an keine Situation erinnern, wo ein Clown gut angekommen wäre. Kleine Kinder haben eher Angst und Erwachsene fühle sich unwohl. Der ganze Clowns-Beruf scheint eher von den Ausübenden als vom potentiellen Publikum gebraucht zu werden.
Heiko1959 19.04.2011
2. Ist ein "alter Hut"
So eine Clownschule gibt es hier in Hannover auch ... schon seit vielen Jahren. http://www.tut-hannover.de/tut/tut_ind_cl.htm?gclid=CPbP2qrEqKgCFci-zAodTwqGHQ
miezemaus 19.04.2011
3. ..ein Job mit Zukunft....
...anscheinend haben viele Mitarbeiter der Arbeitsämter diese Ausbildung genossen....
muc3 19.04.2011
4. Es gibt sogar schon Literatur zum Clown-Beruf
Wer mehr erfahren möchte, kann ja mal in das Buch "Der Clown in der sozialen und pädagogischen Arbeit" (http://www.reinhardt-verlag.de/de/katalog/titel/50274/) hinein schauen.
Tastenhengst, 19.04.2011
5. Deindustrialisierung
Zitat von miezemaus...anscheinend haben viele Mitarbeiter der Arbeitsämter diese Ausbildung genossen....
:D Und es gibt noch viel mehr subventionierte und studierte berufe, etwa dipl.-puppenspieler_in (http://calimerosrumpelkammer.blogspot.com/2011/04/berufe-die-die-welt-nicht-braucht.html), die alle nichts handfestes machen.
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