Attraktive Berufsausbildung Mit dem Abi in die Lehre

Mit dem Abi an eine überfüllte Uni? Auffällig häufig wählen Schulabgänger mit Hochschulreife mittlerweile eine Lehre. In Hamburg sind Abiturienten unter den Ausbildungsanfängern erstmals die größte Gruppe.

Azubi in Hamburg: Immer öfter mit Abitur
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Azubi in Hamburg: Immer öfter mit Abitur


Abitur und dann an die Hochschule, das war lange Zeit das logische Ziel für Gymnasiasten. Auch in Hamburg ist das zwar noch so - aber die Gewichte haben sich hin zur beruflichen Ausbildung verschoben. Zum ersten Mal stellen Abiturienten unter den Ausbildungsanfängern in der Hansestadt die größte Gruppe, teilt die Hamburger Schulbehörde mit.

Die Zahlen dazu stehen im Ausbildungsreport 2013/2014, den Schulsenator Ties Rabe (SPD) am Dienstag vorgestellt hat. 5028 Azubis hatten demnach im vergangenen Ausbildungsjahr das Abitur. Von insgesamt 13.196 neuen Lehrlingen waren das gut 38 Prozent.

Die übrigen Ausbildungsplätze verteilten sich zu rund 34 Prozent auf Jugendliche mit einem mittleren und zu 23 Prozent auf jene mit einem ersten allgemeinbildenden Schulabschluss. Schulabbrecher haben es auf dem Lehrstellenmarkt Hamburgs noch schwerer als anderswo: Nur 2,8 Prozent der neuen Ausbildungsverträge würden von jungen Erwachsenen ohne Abschluss unterschrieben.

Auch im Bund: Immer mehr Abiturienten machen eine Lehre

Dass Abiturienten geringer qualifizierte Bewerber verdrängen könnten, befürchtet Rabe nicht. Langfristig werde es sogar einfacher, einen Ausbildungsplatz zu bekommen, da die Zahl der Bewerber insgesamt zurückgehen werde. Die Betrieben müssten "hin- und wieder Abstriche machen" und sich bei sinkenden Bewerberzahlen eben "auch stärker auf junge Menschen einstellen", so Rabe. Der Senator sieht aber auch die Schulen in der Pflicht, "die Bildung zu verbessern", zitiert ihn das "Hamburger Abendblatt".

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Leerstellen im Lehrlingsmarkt: Tops und Flops der Ausbildungsberufe
Der Schulsenator sieht eine Erklärung für den Trend in der Zahl der anspruchsvollen Ausbildungsberufe in Hamburg. Selbst im Handwerk werde inzwischen häufig das Abitur gefordert, hier hätten bereits rund 16 Prozent der Azubis die Hochschulreife. Hinzu kommt, dass die Stadt offenbar ein attraktiver Standort auch für Abiturienten aus anderen Bundesländern ist: Bereits 42 Prozent aller Azubis seien zugezogen, davon brächten 52 Prozent ein Abiturzeugnis mit. Außerdem ist der Anteil an Abiturienten in Hamburg ohnehin sehr hoch: Beinahe 60 Prozent machten dort im vergangenen Schuljahr die Hochschulreife, einen Hauptschulabschluss hingegen nur noch 10 Prozent.

Im Vergleich zum Bundesdurchschnitt liegt in Hamburg der Anteil an Azubis mit Abi tatsächlich vorn. 2011 war gut jeder fünfte Anfänger einer Berufsausbildung Abiturient. Doch auch deutschlandweit ist ihr Anteil gestiegen, von 17,7 (2005) auf zuletzt 22,1 Prozent.

joe



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jstawl 17.09.2014
1. Vernunft kehrt ein
So schön es ist, dass Menschen studieren... Aber insbesondere die duale Ausbildung ist ein Hauptgrund, warum in Deutschland die jungen Menschen zumindest relativ selten arbeitslos sind (dafür gibt es zu viele Zeitverträge etc.). Also ist diese Entwicklung doch nur richtig. Wenn ich auf der Arbeit sehe, was gute Realschüler oder Abiturienten mit Ende 20 und gut 10 Jahren Berufserfahrung leisten und was Studierte mit Ende 20 und 0 Jahren Berufserfahrung leisten, dann frage ich mich oft, wofür diese Menschen studieren, wenn ein Vorteil nicht zu erkennen ist bzw. nur ein geringer Vorteil nachweisbar erscheint. Ich bin froh, dass ich nicht studiert habe und den Weg über die Lehre gegangen bin.
rus13 17.09.2014
2.
Ich fordere eine Erhöhung des Schwierigkeitsgrades im Abitur! Mein Abitur ist noch nicht allzu lange her und ohne mich groß anzustrengen, habe ich einen Schnitt von 1,4 erzielt. Schon zu der Zeit ist mir aufgefallen, dass wenn man sich zur Übung mal die Abiklausuren von z.b. 2003 und früher angeguckt hat, der Anspruch viel höher war. In der Uni kam dann die große Umstellung (nicht ganz unproblematisch). Eine Erhöhung des Schwierigkeit würde ebenso den Wert der anderen Abschlüsse steigern. Heutzutage bewerben sich doch Leute mit Abitur für eine Ausbildung zum Maler und Lackierer. Natürlich werden sie dann auch im Vergleich zu Real- und Hauptschülern bevorzugt behandelt, obwohl der Abschluss nichts über das wahre Können im Beruf verrät.
ziju 17.09.2014
3.
Ich empfinde meine Ausbildung als Abiturient ziemlich unattraktiv. Mein Betrieb kann sich nicht auf mein Engagement und schnelle Auffassungsgabe einstellen. Aufgaben, entsprechend meiner Fähigkeiten erhalte ich keine. Die Berufsschule ist der größte Witz. Unterforderung pur, es werden falsche Prioritäten gesetzt. Bis auf Industriekaufmann und Bankkaufmann kann ich niemandem eine Berufsausbildung empfehlen. Achja mein Betrieb ist eine IHK, man sollte denken, dass die wissen, wie Ausbildung geht..
goldstück1977 17.09.2014
4. So kann man das natürlich auch sehen
Wie wäre es mit dieser Sichtweise: Die Qualifikation der Schulabgänger ist inzwischen so schlecht geworden, dass die Betriebe darauf angewiesen sind Abiturienten einzustellen, um die Mindestqualifikation für den Ausbildungsberuf zu erreichen. Dadurch steigt zwangsläufige der prozentualer Anteil von Abiturienten.
tlatz 17.09.2014
5. Ausbildung mit Abi
Spaßig eigentlich. Als ich 1997 Abi machte und mein Vater mich irgendwann mal fragte, was denn meine Schulfreunde nun in Zukunft zu machen planten, zählte ich ihm das auf und als der erste Name in Kombination mit Bankkaufmann fiel, unterbrach mich mein Vater und meinte: "Wie, der geht nicht studieren? Wieso hat er denn dann Abi gemacht?" Aus der Abiturklasse meines Vaters hat jeder ein Studium angetreten und der alte Herr konnte sich absolut nicht vorstellen, dass das heute anders sein könnte und dass jemand, der Abitur macht anschließend "nur" eine Lehre antreten würde. Das Abitur war bei ihm damals noch fest abgespeichert als Allgemeine Hochschulreife und für nichts anderes brauchte man das. Spaßig ist das deswegen, weil er Realschullehrer war. Selbst Lehrer konnten Ende der 90er anscheinend nicht erkennen, wohin der Zug geht, nämlich Abi für nahezu jeden und das Ende der normalen 10-Jahres-Schule. Eigentlich eine bedauerliche Entwicklung, dass man als 16-jähriger Realschulabsolvent für eine Banklehre heute schon fast nicht mehr in Frage kommt.
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