Auswanderer in Grönland "Wenn ich den Stress in Deutschland sehe..."

Mächtige Eisberge, unbezähmbare Natur: Grönland ist ein spannendes Land. Aber dort leben? Drei Deutsche haben das Abenteuer gewagt. Hier erzählen sie, warum sie nicht mehr zurück möchten.

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"Es muss Spaß machen, sonst hältst du es nicht durch", sagt Jörg Sennhenn. Seit sechs Uhr morgens steht der 53-Jährige in einer zugigen kleinen Brauerei in der Innenstadt der grönländischen Hauptstadt Nuuk. Fast jeder Tag beginnt für den hessischen Braumeister so früh. Im Winter ist es stockdunkel, wenn er aus dem Haus geht - und auch tagsüber wird es nicht richtig hell.

Sennhenn kommt eigentlich aus Eschwege. Vor sechs Jahren ist er nach Grönland ausgewandert. "Mein Plan war schon immer, nicht mein ganzes Leben in Deutschland zu verbringen", sagt er. Dass er in Grönland gelandet ist, sei dann aber eher Zufall gewesen. Er habe sich bei vielen Brauereien beworben - und aus Nuuk dann eine Zusage erhalten.

Seitdem habe er die Entscheidung nur einmal bereut, gleich in der ersten Woche. "Da wollte ich zurück", sagt er. "Ich habe gedacht, es wäre mir alles zu teuer." Die Kälte und die Dunkelheit beeindrucken Sennhenn dagegen nur wenig. Auch die 400 Stunden, die er anfangs im Monat arbeitete, habe er leicht weggesteckt, sagt er. "Das hier ist nicht nur ein Job."

Für ihn sei Brauen eine Kunst. Und anders als in Deutschland könne er hier mit verschiedenen Geschmacksrichtungen wie Kokos, Zitronengras oder deutschen Sauerkirschen experimentieren. Sein neuestes Projekt: ein Champagnerbier namens "Pullartat".

Aus seiner Heimat fehle ihm wenig, abgesehen von ordentlichem Brot und Bratwurst, sagt Sennhenn. "Ich fühle mich eher fremd, wenn ich mal in Deutschland bin und den ganzen Stress sehe."

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Auswanderer in Grönland: Wohnen in der Arktis

In Grönland sei Zeit nicht so wichtig, die Menschen seien gelassener. "In Deutschland setzen sich manche Leute wegen unwichtiger Dinge unter Druck. Da frage ich mich: Warum?" Grönländer ließen vieles auf sich zukommen. "Wie wird das Wetter morgen? Das sehe ich morgen. Ändern kann ich es eh nicht."

"Man macht sich keine Sorgen, was in einem halben Jahr sein könnte"

Die Spontaneität der Grönländer hat auch Ebbe Volquardsen zu spüren bekommen. Das Jobangebot der Universität in Nuuk kam für den Junior-Professor in Kulturgeschichte überraschend. "Kurz vor Weihnachten 2015 wurde ich gefragt, ob ich am 1. Januar anfangen könnte", erzählt der 35-Jährige Berliner. Wow, die Grönländer sind spontan, habe er gedacht - und zugesagt.

Es sei die unberechenbare Natur, die die Menschen so anpassungsfähig gemacht habe, sagt er. "Man wird nicht zum Geburtstag in drei Wochen eingeladen, sondern übermorgen. Man macht sich keine Sorgen, was in einem halben Jahr sein könnte."

Obwohl er schon seit knapp zwei Jahren in Grönland lebt, unterrichtet Volquardsen seine Studenten auf Dänisch. Einmal in der Woche lernt er Grönländisch. "Es ist so weit entfernt von allen Fremdsprachen, mit denen ich jemals in Berührung gekommen bin" sagt er. Das Grönländische mache keinen Unterschied zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Und ein Wort könne übersetzt einen ganzen Satz lang sein. Das Wort für Kartoffel, "naatsiiat", bedeute etwa: etwas, worauf man lange warten muss, bis es gewachsen ist.

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Kulturschock: Arbeiten in fremden Welten

Michael Schluchtmann kennt sich inzwischen mit der grönländischen Sprache aus. Sein Boot trägt einen grönländischen Namen: "Nukappissat", was so viel heißt wie "drei Brüder". Der 47-Jährige ist vor sechs Jahren auf die Polarinsel ausgewandert, inzwischen ist sie seine Heimat geworden.

In Nuuk ist Schluchtmann neben seiner Arbeit bei der lokalen Telekommunikationsgesellschaft nicht nur Hobby-Angler, sondern auch Weihnachtsmann. Heiligabend besucht er jedes Jahr 15 Kinder, aber um 18 Uhr ist er wieder daheim bei der Familie.

Grönland sei das erste Land, in dem er sich wirklich zu Hause fühle, sagt Schluchtmann, der aus Hamburg kommt. "Egal, wo ich war, irgendwie hatte ich immer etwas zu meckern." Was ihm so gut gefällt? "Dass hier alles ein bisschen lockerer ist." Alles sei so sicher, "vom Terror merken wir hier nichts".

Die Menschen geben aufeinander acht. "In Hamburg könntest du in deiner Wohnung krepieren, und die Leute würden es nicht merken", sagt er. "Hier kannst du nicht einfach so verschwinden. Jeder kümmert sich."

Fischen? Abholen ist das treffendere Wort

Jedes Wochenende und manchmal auch in der Woche ist Schluchtmann im Fjord von Nuuk unterwegs. Mit seinem acht Meter langen Boot fährt er raus, um Fisch zu fangen. "Fischen hat hier nichts mit Angeln zu tun. Das ist Abholen", sagt er. Weil so viele Fische einem fast vor der Nase umher schwimmen.

Der Fischfang ist in Grönland der wichtigste Wirtschaftszweig. Während in den Ladenregalen manchmal Wochen und Monate kaum Gemüse zu finden ist, weil das Schiff sich den Weg durch das Eis nicht bahnen konnte, ist das Wasser immer voller Fische.

"Wenn du hier die Stadt verlässt, bist du innerhalb von Sekunden in einer anderen Welt", sagt er, während er den Schiffsmotor anwirft und sein Boot Richtung Fjord steuert. Vor ihm schwimmen Eisstücke im tiefblauen Meer. Auf den Bergen blitzen Schnee und Eis in der Sonne. Wäre das Knarren des Motors nicht, wäre es ganz still.

Im Fjord trifft Schluchtmann auf zwei Fischer. Von ihrem Kutter aus haben sie ein Netz ausgeworfen. Die beiden Männer ziehen einen Steinbeißer nach dem anderen in ihr Boot.

"Willst du einen haben?", ruft einer von ihnen, ein schnurrbärtiger, stämmiger Kerl. Vier große Tonnen Fisch haben die beiden schon vollgemacht, es ist 15 Uhr. Schluchtmann streckt den Arm über die Reling und nimmt das nass-glatte Geschenk entgegen. In einer Ecke am Heck des Bootes schneidet er dem toten Tier den Kopf ab. Eine glitschige Angelegenheit, aber streng riecht der Fisch nicht. "Ist ja ganz frisch", sagt Schluchtmann.

Inzwischen hat es angefangen zu regnen. Die Tropfen zeichnen flüchtige Kreise ins stille Fjordwasser. Das Thermometer zeigt drei Grad. In Nuuk freuen sich alle über den Regen, er kündigt endlich das Frühjahr an.

Julia Wäschenbach/dpa

insgesamt 54 Beiträge
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Bashir001 20.08.2017
1. Fast 100 Stunden Arbeit pro Woche, aber kaum Stress?
Der gute Mann hat in Grönland anfangs 400 Stunden im Monat gearbeitet, aber er findet Deutschland stressig? Muss man nicht verstehen. Also selbst wenn die Arbeit viel Spaß macht, sind 12-14 Stunden an 7 Tagen pro Woche doch etwas fett. Keine Familie, keine Freizeit?
vish 20.08.2017
2. Beneidenswert
Der Artikel nennt vieles beim Namen, was auch mich hierzulande stört. Aber noch ist die Faulheit stärker als die Genervtheit.
der_unbekannte 20.08.2017
3. @1
Wenn man in seiner Arbeit vollkommen aufgeht und im "Flow" ist, dann gehen auch 12-14 Stunden Arbeit am Tag wie nichts vorbei. Man sieht es auch nicht als Arbeit an, da Arbeit und Freizeit eher fließend sind. Es ist alles im Fluss. In Deutschland sind Arbeit/Freizeit doch sehr stark getrennt, da können schon 6 Stunden Büroarbeit mit gehetzten Kollegen und engen Zeitplänen viel stressiger sein. Ich beneide ihn, gönne es ihm auch, er hat seinen Traum wahr gemacht.
wrkffm 20.08.2017
4.
Zitat von Bashir001Der gute Mann hat in Grönland anfangs 400 Stunden im Monat gearbeitet, aber er findet Deutschland stressig? Muss man nicht verstehen. Also selbst wenn die Arbeit viel Spaß macht, sind 12-14 Stunden an 7 Tagen pro Woche doch etwas fett. Keine Familie, keine Freizeit?
Nicht diese Art von Arbeit ist für ihn Stressig, sondern die Mentalität und die Lebensweise, der Leute in Deutschland.
Chrishan Schaf 20.08.2017
5. Grüsse ins Hamsterrad.
Welchen Stress? Ich hatte nie Stress in Deutschland. Das lag wohl daran, dass ich weder faul noch überfordert war und meinen Beruf konnte. Der mich selten mehr als 20 Stunden in der Woche in Anspruch nahm. Stress haben Feuerwehrleute, wenn sie in einem Gebäude sind, das droht einzubrechen. Oder Polizisten, wenn jemand auf sie schiesst. Oder Chirurgen, die gerade ein Blutgefäss unabsichtlich durchtrennt haben. Oder Ärzte, die ihre Praxis als Goldgrube betrachten. Aber sonst ist es in Deutschland doch easy going. Es geht nie ums Überleben. Nur die berufsgeilen Frauen machen sich Stress, weil sie sich mit allem überfordert vorkommen. Deshalb schlucken die auch die meisten Psychopharmaka. Der Menschen schafft sich immer selbst seine eigene Hölle. Die anderen lasen Erich Fromm und und haben den sogar begriffen.
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