Bachelor made in Germany Der große Titel-Wirrwarr

Bachelor? Klingt prima, wollen wir auch, sagen die Industrie- und Handelskammern. Deshalb nennen Handwerker, Industriemeister und Kaufleute sich jetzt gern Bachelor Professional. Kultusminister und Hochschulrektoren indes halten das für Titelmissbrauch - und rufen nach dem Staatsanwalt.

Von Hermann Horstkotte


Azubi: Heute schweißen wir einen Bachelor
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Azubi: Heute schweißen wir einen Bachelor

Am privaten "Studieninstitut für Sport, Freizeit und Tourismus" in Düsseldorf kann jeder, der nach dem Hauptschulabschluss eine Berufsausbildung absolviert hat, im Fernstudium mit achtzehn Lehrheften und sechs Wochenendseminaren den "Bachelor of Tourism (CCI)" machen. Der Klammerzusatz bedeutet Chamber of Commerce and Industry, das heißt: Die amtliche Industrie- und Handelskammer in der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt verleiht das Abschlusszeugnis.

Die IHK ist für Prüfungen in der beruflichen Aus- und Weiterbildung vom Azubi bis zum Fachwirt zuständig. Der Tourismus-Bachelor ist nichts anderes als der deutsche "Fachwirt für Tourismus". Der englische Titel klingt aber gerade in der internationalen Reisebranche besser, jugendlicher und akademisch obendrein. Ganz ähnlich wirbt das IHK-Bildungszentrum Halle-Dessau für den "Bachelor of Trade and Commerce (CCI)" und sogar den "Master of Business Management (CCI)".

Deutscher Meister "unter Wert"?

Die Beispiele sind keine Sonderfälle, ganz im Gegenteil. Schon im April 2004 haben der Deutsche Industrie- und Handelskammertag und der Deutsche Handwerkskammertag generell gefordert, Fortbildungsabschlüsse wie den "Fachwirt" offiziell auch als "Bachelor (professional)" bezeichnen zu dürfen. Das sei notwendig, weil im europäischen Binnenmarkt Bachelor- und Masterabschlüsse auch für rein berufspraktische Ausbildungsgänge "gebräuchlich sind" und "dem deutschen Berufsbildungssystem und seinen Absolventen aus Unkenntnis ein geringerer Wert beigemessen" werde.

Bachelor-Absolventen: Hochschulgrad entwertet?
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Der deutsche Meister fühlt sich im europäischen Ring offenbar verkannt. Dabei gehen die Kammern davon aus, dass ihre Fortbildungsabschlüsse die gern so genannte "Qualifikationsebene" des Hochschul-Bachelors erreichen: "Die Niveaus der Anforderungen und Kompetenzen gleichen sich immer weiter an."

NRW-Wirtschaftsminister Harald Schartau beispielsweise "unterstützt die Kammerauffassungen politisch", wie Ministeriumssprecher Andreas Lautz gegenüber SPIEGEL ONLINE bestätigt. Er sieht auch Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement auf der gleichen Linie.

Im Schmucke fremder Federn

Die Hochschulseite jedoch hält das für glatten Etikettenschwindel. Nach den Scherereien mit der internationalen Anerkennung des deutschen Bachelor empört sie sich nun über den vermeintlichen Missbrauch des Bachelor-Titels in der beruflichen Bildung. So wies die Kultusministerkonferenz (KMK) schon vor einem Jahr darauf hin, "dass der Bachelor nach deutschem Recht ausschließlich ein Hochschulgrad" sei. Die Titelvergabe durch die Kammern stelle mithin "nach dem Recht der meisten Länder eine Ordnungswidrigkeit" dar, etwa nach dem Hochschulgesetz von Nordrhein-Westfalen.

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Die KMK will die internationale Bezeichnung auch nicht als Übersetzungshilfe für den deutschen Fachwirt dulden. Wer seinen Bachelor (CCI) auf die Visitenkarte setze, mache sich wegen Titelschwindels "strafbar", genauso wie ein falscher "Doktor". Deshalb hat das KMK-Generalsekretariat inzwischen die Kultusminister der Länder aufgefordert, mit Anzeigen gegen die Kammern und ihre Scheinakademiker vorzugehen - allerdings ohne sichtbaren Erfolg.

Tatsächlich ist die KMK-Position nicht so gefestigt, wie sie klingt. So hat Baden-Württemberg vor vier Jahren die Bachelor-Master-Abschlüsse gesetzlich für die Universitäten und Fachhochschulen eingeführt - aber auch für die Berufsakademien (BAs), die amtlich nicht als Hochschulen gelten.

Karriere mit Lehre

Die staatlichen oder privaten BAs sind so etwas wie Berufsschulen für höchste Ansprüche. Zugelassen werden ausschließlich Abiturienten, die zugleich Azubis bei einer Firma sind und für den gleichzeitigen BA-Besuch ausgewählt wurden. Immer abwechselnd erwerben sie am Lernort BA theoretisch-systematisches Wissen, am Lernort Betrieb praktische Berufserfahrung.

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Die Berufsakademien haben sich seit den siebziger Jahren von Baden-Württemberg aus nach Berlin, Thüringen, Sachsen und Niedersachsen ausgebreitet. Zu den Vorzeigeabsolventen der BAs zählen beispielsweise Jürgen Gallmann, Deutschland-Chef von Microsoft, und Thomas Edig, Geschäftsführer Deutschland von Alcatel SEL und zugleich Personalvorstand des internationalen Elektronikkonzerns.

Soeben hat die Kultusministerkonferenz den Bachelor der Berufsakademie bundesweit anerkannt, und zwar wie bei Universitäten und Fachhochschulen ohne jede unterscheidende Herkunftsangabe etwa durch den Klammerzusatz (BA). Die Studiengänge müssen lediglich die gleiche fachliche Qualitätsprüfung (Akkreditierung) wie bei Hochschulen überstehen. Genau genommen ist der Bachelor hierzulande also keineswegs ausschließlich ein "Hochschulgrad", sondern alternativ auch eine "staatlich anerkannte Bezeichnung" für BA-Absolventen, die nach geltendem Recht nie Hochschüler waren.

Vor diesem Hintergrund schrumpfen die Vorbehalte gegen den Bachelor (CCI). Einwenden lässt sich aber, dass die Kammern bislang keine entsprechende Akkreditierung ihrer Fortbildungsangebote vorweisen können. Dieses Manko erscheint nicht zuletzt Christoph Anz von der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände als schwerwiegend.

Kompromiss im Titelkampf

Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn macht im Titelkampf zwischen KMK und Kammern jetzt praktisch ein Kompromissangebot. Sie hat eine Wettbewerbsinitiative zur "Anrechnung beruflicher Kompetenzen auf Hochschulstudiengänge" ausgeschrieben und entspricht damit auch einer Forderung der europäischen Bildungsminister auf ihrer Berliner Konferenz 2003: Gute Vorschläge werden auf mehrere Jahre mit Hochschulstellen zur wissenschaftlichen Begleitung entsprechender Projekte prämiert.

Einige Dutzend Beispiele funktionieren schon. So erkennt die Fachhochschule Aachen den IHK-Abschluss von "Mathematisch-Technischen Assistenten" (MATAs), die beispielsweise in den Rechenzentren großer Versicherungen gefragt sind, gleich als Vordiplom an. An der Uni Düsseldorf verkürzt sich der Bachelor-Studiengang Informatik für die MATAs um ein volles Jahr auf nur noch vier Semester.

Insgesamt haben Hochschulen und Bildungspolitik bislang aber die Chance verpasst, mit der Einführung des Bachelors Hochschul- und Berufsbildung enger zu verzahnen. Gerade die neuen IT-Berufe legen eine solche Reform nahe. Dafür muss jedoch, wie der Bildungsforscher Ulrich Teichler bitter feststellt, "die Koalition des akademischen Dünkels, des wissenschaftlichen Snobismus, des Willens zur Erhaltung großer Qualifikationsdistanzen" erst noch überwunden werden.



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