Vergebliche Suche nach Kitaplatz Lasst mich wieder arbeiten!

Sie begann die Suche, als ihre Tochter noch ein Fötus war. "Name wird nachgereicht", schrieb sie auf die Wartelisten der Kitas. Jetzt ist die Kleine ein Jahr alt - und Sandra Sperber sitzt im Sandkasten statt im Büro.

Sandra Sperber
Privat

Sandra Sperber


"Meine Tochter ist zwar noch lange nicht geboren, aber wir würden sie in eineinhalb Jahren wahnsinnig gern in Ihre wunderbare Kita schicken" - das ist die Kurzfassung der Mails, die ich im Dezember 2016 an gut ein Dutzend Kindertagesstätten in Berlin geschrieben habe. Damals war ich im fünften Monat schwanger.

Nicht mal einen Kinderwagen oder das erste Paket Windeln hatten wir bis dahin gekauft. Bei der Kitaplatzsuche wollten mein Mann und ich auf Nummer sicher gehen, uns rechtzeitig kümmern.

Meine Tochter ist nun gerade ein Jahr alt geworden. Sie spielt neben mir im Sandkasten, während ich diesen Text schreibe. Ich sitze auf einem Spielplatz, statt am Schreibtisch im Büro. Denn auch nach eineinhalb Jahren Suche haben wir zu ihrem ersten Geburtstag keinen Kitaplatz gefunden.

Zur Person
  • Christian O. Bruch/ laif
    Sandra Sperber (Jahrgang 1986) arbeitet seit 2009 als Videoredakteurin für SPIEGEL ONLINE.

Trotz all der Wartelisten, auf denen meine Tochter schon stand, als sie noch nicht mal einen Namen hatte. Wird nachgereicht, ließen wir dort immer vermerken. Wir haben alles Mögliche versucht: Persönliche Vorstellung in diversen Kitas. Empfehlungen von Bekannten. Fördervereinsmitgliedschaft? Na klar. Alles vergebens.

Die Kitaplatzvermittlung des Bezirksamts war längst eingeschaltet ("Wir melden uns bei Ihnen"), Tagesmütter in der näheren und ferneren Umgebung waren auf lange Zeit ausgebucht - und selbst die wenigen privaten Kitas (800 Euro pro Monat) hatten keine Plätze mehr. Ein Kitaplatz mitten im Jahr? Aussichtslos.

"Da müssen Sie klagen, aber ich bezweifle, dass das was bringt", sagt die Dame vom Jugendamt Berlin-Pankow, als ich sie nach dem Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz frage. Seit August 2013 sind die Kommunen eigentlich gesetzlich verpflichtet, Kindern ab dem ersten Geburtstag die Betreuung in einer Kita oder bei einer Tagesmutter zu ermöglichen.

Im Video: Kita-Chaos in Berlin

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Auf dem Papier klingt das fortschrittlich. Doch in der Praxis hilft der Rechtsanspruch wenig, wenn Erzieher fehlen, Tagesmütter keine bezahlbaren Räume finden und die zuständigen Behörden erst aktiv werden, wenn zahlreiche Eltern tatsächlich klagen.

In Sonntagsreden erscheint Deutschland als fortschrittliches Land, in dem die Vereinbarkeit von Familie und Beruf auf der politischen Agenda weit oben rangiert. Im Alltag stellt sich die Lage ganz anders dar: Die Betreuungsmöglichkeiten reichen nicht aus. Bei Weitem nicht. Laut einer Berechnung des Instituts der deutschen Wirtschaft fehlen bundesweit 300.000 Kitaplätze.

Die Konsequenzen aus diesem - gesetzwidrigen - Mangel tragen fast immer Frauen. Elternzeit verlängert, unbezahlten Urlaub genommen, Angst vor dem Jobverlust - das sind die Geschichten, die ich von anderen Müttern in meiner Lage höre.

Für meine Tochter gibt es nun ab August einen Kitaplatz, weil dann die älteren Kinder in die Schule wechseln. Ich habe Glück. Viele andere Mütter, die ich im Laufe meiner Suche kennengelernt habe, sind noch immer auf der Suche. Und zunehmend verzweifelt.

Väter, die in dieser Notsituation zu Hause bleiben, sind mir bislang kaum begegnet. In einer Facebook-Gruppe zum Thema Kitaplatz-Klage, der ich vor Kurzem beigetreten bin, sind von 174 Mitgliedern gerade mal zwei Dutzend Männer. Kinderbetreuung ist in Deutschland weiter Frauensache. Natürlich nehmen auch stetig mehr Väter Elternzeit, aber in den meisten Fällen betreuen sie in diesen Monaten nicht das Kind, während die Frau arbeitet - sondern machen eine ausgiebige Reise mit der Familie.

Wie viele Väter sieht man vormittags auf dem Spielplatz? Und wie viele Mütter? Die Antwort ist klar. Ein Blick in die Statistik zeigt zudem: Überdurchschnittlich viele Mütter arbeiten hierzulande in Teilzeit. Deshalb tragen in Deutschland Frauen mit Kindern so wenig zum Haushaltseinkommen bei wie in keinem anderen OECD-Land. Deutschland, das Schlusslicht des Westens.

Der "Arbeitsplatz" von Sandra Sperber
Privat

Der "Arbeitsplatz" von Sandra Sperber

Solange Väter von sich aus nicht mehr Familienarbeit übernehmen, kann das nur eine bessere Bildungspolitik für die Kleinsten ändern. Sprich: mehr Betreuungsplätze, bessere Kitas mit qualifizierten und vor allem gut bezahlten Erziehern.

Aber ist es nicht schön, mit dem Kind viel Zeit zu verbringen? Klar. Fasziniert beobachte ich die ersten Schritte meiner Tochter. Aber manchmal ist es eben anstrengend, den ganzen Tag allein mit ihr zu verbringen. Sie will Unterhaltung, Aufmerksamkeit - und vor allem: mehr Kontakt mit anderen Kindern.

An manchen Tagen verfluche ich deshalb alle, die die aktuelle Kita-Krise auch nur irgendwie mit verantworten - von der Jugendamtsmitarbeiterin bis zur Familienministerin. Dann träume ich von einer guten Betreuung unter Gleichaltrigen in Kombination mit einer 30- statt einer 40-Stunden-Arbeitswoche. Für beide Elternteile.

insgesamt 99 Beiträge
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Seite 1
wowereit 26.05.2018
1. Zeit für eure Kinder!
Viele Eltern überlegen schon vor der Geburt, wie sie ihr Kind am schnellsten wieder abschieben können... traurig Versucht mal, die Zeit mit euren Kindern zu verbringen. Es gibt euch soviel! Diese Zeit gibt euch niemand zurück. Leider herrscht in unserer Gesellschaft derzeit ein unglaublicher Druck auf junge Eltern, eine Haltung wie die der Autorin des Artikels anzunehmen.
janie123 26.05.2018
2. Kita-Platz? Das ist noch einfach...
Während der Kita Zeit hat man wenigstens noch die Möglichkeit Elternzeit zu nehmen und man hat zumindest auf dem Papier einen Rechtsanspruch. Mein großer wird im Sommer eingeschult. Hortplatz? Mittagsbetreuung? Keine Chance. Schule endet kurz nach 11 da ist nicht Mal Teilzeit zu machen. Kein Rechtsanspruch nichts. Jetzt kann ich mir überlegen ob ich meinen Job kündige. Wundert sich da noch einer warum Kinder das größte Armutsrisiko sind und Altersarmut für Frauen ein Problem ist?
nordschaf 26.05.2018
3. we too
Wir haben es ähnlich gemacht mit unseren Töchtern. Dass wir einen der 20 Krippenplätze in unserer 20.000-Einwohner-Kleinstadt bekamen, glich einem Sechser im Lotto und war nur dem Umstand zu verdanken, dass zu diesem Zeitpunkt gerade eine neue Kita im Bau war, für deren erstes Kindergartenjahr wir uns frühzeitig anmelden konnten. Aber wie oft hat man schon das Glück, dass eine neue Kita gebaut wird?? Aber selbst wenn man diese Hürde genommen hat, gilt man doch für den jeweiligen Arbeitgeber bei zwei berufstätigen Eltern als "Minderleister". Egal, wie sehr man sich engagiert, das Voruteil ist stärker. Wir haben uns die Kinderbetreuungstage für Krankheit haarscharf 50:50 geteilt. Trotzdem hiess es immer "Kann nicht Ihre Frau..?" oder "Kann nicht ihr Mann..?". Dass eine gemeinsame Kinderbetreuung für uns Karriereverzicht bedeutete, war uns von vornherein klar. Als Informatikerpärchen waren wir beide immer eine knappe Ressource und unsere Teilzeitansinnen wurden wahlweise frühzeitig abgelehnt oder verschleppt, bis wir es nach gefühlt endlosem Improvisieren geschafft hatten, unsere Kinder ganztags in der Betreuung zu haben. Am schlimmsten hat mich als leidenschaftliche Technikerin, Frau und Mutter getroffen, dass man in der Personalabteilung der Sicherheitsbehörde, in der ich mittlerweile tätig bin, der Meinung war, wenn ich Vollzeit arbeite, dann muss man sowieso keine Rücksicht auf familiäre Belange nehmen. Wenn mir meine Kinder wichtig wären, würde ich schliesslich nicht Vollzeit arbeiten. Eine Position, die erstaunlicherweise auch die frühere Gleichstellungsbeauftragte und die noch immer männerdominierte Personalvertretung so vertraten. Dabei ist man als Familie mit berufstätigen Eltern umso mehr auf Flexibilität des Arbeitgebers angewiesen. Letzlich habe ich bzgl. der Vereinbarkeit von Familie und Berufstätigkeit in der Wirtschaft letztlich mehr Unterstützung erfahren, als in der Behörde. Dort ist man nur auf Teilzeit arbeitende, Vorzimmerdamen eingestellt. Dass auch Fachkräfte sich selbst (ohne aupair!) mit um ihre Kinder kümmern wollen, ist ein noch weitgehend unbekanntes Konzept. Und machen wir uns nichts vor: in einer Sicherheitsbehörde hat man immer wieder genauso viel Stress wie außerhalb im IT-Projektgeschäft. Personalknappheit und Politik-Triggerung lässt grüssen. Also komme mir da mal keiner mit Beamten-Mikado. Das ist irgendwo seit den 50er Jahren auf der Strecke geblieben zusammen mit der Dr. Oetker "Eine Frau kennt nur zwei Fragen .."-Werbung. Ich weiss ehrlich gesagt nicht, ob wir Kinder bekommen hätten, wenn wir vorher gewusst hätten, welche Kämpfe wir im Laufe der Jahre auszustehen hätten. Der Autorin des Artikels wünsche ich weiterhin viel Kraft und vor allem Hartnäckigkeit und zuweilen Brutalität.
Spiegelleserin57 26.05.2018
4. es nicht immer leicht einen Kitaplatz zu finden aber es gibt auch ande
meine Chefin hatte in FFM 3 !! Kitaplätze zur Auswahl. Unser Betrieb hat eine Betriebskita die den Leuten mit Schichtdienst vorbehalten ist. In meinem Wohnort hat die Kita die Öffnungszeiten verlängert damit auch besonders Früh-und Schichtleute ihr Kind dort unterbringen können. Zusätzlich kenne ich auch einige Frauen die gar nicht arbeiten wollen, auch das gibt es. Die Situation ist sehr unterschiedlich!
Stefan40 26.05.2018
5. Verstehe ich als soziales Problem, aber...
Lieber Spiegel, durch die wiederholte Schilderung von einzelnen Problemen wird ja Politik gemacht. Der Gesetzgeber hat ja bereits durch den Rechtsanspruch auf den Kitaplatz gehandelt. Was soll er nioch machen? Das ist nicht perfekt und mir stellt sich die Frage, warum immer nur auf den Staat verwiesen wird und dann eben nicht mehr private Initiativen gegründet werden. Gleichzeitig wird hier aber auch mal wieder beklagt, dass Väter nur wenig bis gar nichts zur Kinderbetreuung beitragen. Als betroffener Vater, der gerade nicht zur Kinderbetreuung beitragen darf, trifft mich dies natürlich immer wieder. Es gibt die nach wie vor herrschende Meinung (Politik, Jugendämter, Frauen (!)), dass es dem Kindeswohl nur entspricht, wenn die Mütter die Macht über die Kinder ausüben und damit Betreuungsmodelle, wie z.B. das Wechselmodell, verhindert werden. Auch das ist eine Realität in diesem Land - andere europäische Länder lösen dies anders und GLEICHBERECHTIGTER. Stefan
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