Berlin Eltern organisieren Demo gegen Kita-Not

Einen Kitaplatz in Berlin zu finden, ist derzeit fast unmöglich. Eltern wollen deshalb nun auf die Straße gehen. Was läuft schief in der Hauptstadt?

Ann-Mirja Böhm organisiert mit anderen Eltern eine Demo gegen fehlende Kitaplätze
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Ann-Mirja Böhm organisiert mit anderen Eltern eine Demo gegen fehlende Kitaplätze


Ann-Mirja Böhm hat eine lange, anstrengende Suche hinter sich. Mehr als 100 Tagesmütter und Kitas fragte die 35-Jährige an, bis sie endlich eine Betreuung für ihre Tochter fand - am anderen Ende der Stadt.

Wie ihr geht es vielen Eltern in Berlin, die nach der Geburt ihres Kindes wieder arbeiten wollen. "Es kann nicht wahr sein, dass das Normalität ist", sagt Böhm. Sie schloss sich einer Gruppe von Müttern und Vätern an und organisiert mit ihnen eine "Kita-Krise-Demo" an diesem Samstag - es soll die größte derartige Aktion seit vielen Jahren werden.

Eltern haben seit 2013 in Deutschland einen Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung. Seither bauen alle Bundesländer das Angebot massiv aus, um den Bedarf zu decken. Auch in der Hauptstadt ist eine Menge passiert, die Zahl der angebotenen Kita-Plätze wuchs stetig auf aktuell um die 170.000. Und der rot-rot-grüne Senat will bis 2021 weitere 25.000 Plätze schaffen.

80.000 Babys in zwei Jahren

Doch es ist ein Wettlauf mit der Zeit. Heute leben laut Senatsverwaltung um die 220.000 Kinder in Berlin - 50.000 mehr als noch vor zehn Jahren. Gleichzeitig liegt die Geburtenrate auf Rekordniveau. Allein in den vergangenen zwei Jahren kamen mehr als 80.000 Babys in der Hauptstadt zur Welt. Für den Senat bedeutet das: "Ausbauen, ausbauen, ausbauen", wie es Bildungs- und Familiensenatorin Sandra Scheeres (SPD) formulierte.

Geld scheint dabei nicht das Problem zu sein. 200 Millionen Euro aus Landes- und Bundesprogrammen will der Senat bis 2021 in die Hand nehmen. Um Planungs- und Bauzeiten zu verkürzen, sollen bis 2019 mindestens zehn "Schnellbau-Kitas" aus Modulen zusammengebaut werden.

Im Video: Kita-Chaos in Berlin

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Doch es hakt an anderen Stellen. Grundstücke sind knapp, und es fehlt an Erziehern - wie überall in Deutschland. Viel Stress, schlechte Bezahlung: Der Beruf gilt bei vielen als wenig attraktiv. In Berlin wird das Problem noch durch eine tarifliche Merkwürdigkeit verschärft: Hier werden Erzieher nach dem Tarifvertrag der Länder bezahlt. Wenige Kilometer weiter in Potsdam gelten dagegen die Regelungen für den öffentlichen Dienst. Dadurch verdienen Erzieher in der Hauptstadt bis zu mehrere Hundert Euro weniger im Monat als ihre Kollegen in Brandenburg.

SPD, Linke und Grüne haben Besserung versprochen. "Bei der Bezahlung der Erzieherinnen und Erzieher ist ein großer Schritt nach vorn nötig", sagt Scheeres. Gleichwohl könne der Fachkräftemangel nicht über Nacht behoben werden, auch wenn mehr Ausbildungsplätze geschaffen und mehr Quereinsteiger eingestellt würden.

Böhm und ihre Mitstreiter wollen nun ein Signal setzen. Zu der Demonstration am Samstag werden Tausende Teilnehmer erwartet. Denn die frustrierende Kita-Suche lässt viele Eltern verzweifeln, verbaut ihnen im schlimmsten Fall berufliche Karrierechancen. Einige können beispielsweise nach der Elternzeit nicht wie geplant wieder in den Job einsteigen, weil sie keinen Platz finden.

"Es wurde immer schlimmer, ich bekam immer mehr Absagen", sagt auch Böhm. "Dabei sind viele Paare auf ein doppeltes Einkommen angewiesen, gerade in großen Städten wie Berlin." Sie fand schließlich eine Tagesmutter in Charlottenburg im Westen, die Familie selbst wohnt allerdings im Bezirk Prenzlauer Berg im Osten der Stadt. Deswegen verbringen Böhm und ihr Partner nun viel Zeit damit, die Tochter durch die Stadt zu fahren.

Camilla Kohrs und Stefan Kruse/dpa/koe



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