Berliner Charité-Klinik Stille Revolte der Weißkittel

Mit einer ruppigen Kampagne kämpfen 240 Ärzte der Berliner Charité gegen Gehaltskürzungen. Nachdem Gespräche mit der Klinikleitung gescheitert sind, gehen die Doktoren in die Offensive: Per Sammel-Stellenanzeige drohen sie indirekt mit der Kündigung, wenn die Klinik nicht einlenkt.

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Berliner Charité: Ärzte formieren sich gegen den Klinikchef
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Berliner Charité: Ärzte formieren sich gegen den Klinikchef

Berlin - Stellenanzeigen sind im "Deutschen Ärzteblatt" nichts Ungewöhnliches. Das Medizinerblatt veröffentlicht in jeder seiner Ausgaben Hunderte Anzeigen von Medizinern, die einen neuen Job suchen, oder von Kliniken, die innerhalb der Leserschaft nach neuem Personal fahnden. Am kommenden Freitag aber wird sich unter den Annoncen ein sehr kurioser Text finden. "240 Fachärzte und Assistenzärzte (m/w) der Charité", steht in großen Buchstaben über der Anzeige, "suchen aufgrund verschlechterter Arbeitsbedingungen durch neue Tarifverträge neue, interessante Aufgaben."

Auf den ersten Blick wird sich der "Ärzteblatt"-Leser wohl mächtig die Augen reiben. Noch nie gab es in dem deutschen Fachjournal eine Anzeige, die so viele Ärzte einer angesehenen Klinik auf einmal auf dem freien Arbeitsmarkt anbietet. Aus insgesamt 30 Fachbereichen offerieren sich die Ärzte mit den Leistungsmerkmalen "in ungekündigter Stellung, wissenschaftlich ausgewiesen und in Klinik und Lehre engagiert". Der einzig logische Schluss aus der Anzeige kann für den kundigen Leser eigentlich nur sein, dass die Charité bald die Tore schließen muss und die Ärzte schon mal vorbauen.

Gespart wird nur unten, mosern die Ärzte

Doch der Hintergrund der Sammelanzeige ist ein anderer. Mit der indirekten Kündigungsdrohung wollen die Ärzte der Charité auf die aus ihrer Sicht unhaltbaren Zustände in der Klinik aufmerksam machen. So will die Charité in Zukunft bei den Assistenzärzten rund acht Prozent des Gehalts einsparen, um die Klinik wirtschaftlicher zu machen. Aus der betriebswirtschaftlichen Sicht des seit Februar tätigen Krankenhauschefs Detlev Ganten ein unvermeidlicher Schritt: Zum einen ist die Charité unrentabel, zum anderen wird die Stadt Berlin ihre Förderung ab 2010 um rund 100 Millionen Euro kürzen. Folglich hat die Klinikleitung für alle Neueinstellungen die Streichung des 13. Monatsgehalts und einen Wegfall des Urlaubsgelds angeordnet.

Anzeigentext: 240 Mediziner suchen "neue, interessante Aufgaben"

Anzeigentext: 240 Mediziner suchen "neue, interessante Aufgaben"

Die Ärzte sehen dies freilich kritisch. Deshalb haben sich die 240 Ärzte zu einer Initiative zusammengeschlossen. Zwar begrüßen die Mediziner einhellig die eingeleiteten Reformen, welche die Charité in den nächsten Jahren international wieder unter die Top 10 der Krankenhäuser bringen sollen, sagte ein Mitglied Sprecher der Initiative. Gleichwohl regt sich bei den Weißkitteln Unmut darüber, dass zwar bei den Assistenzärzten munter gekürzt wird, die meisten Chef- und Oberärzte und auch die Klinikleitung plus Verwaltung vom Rotstift nicht betroffen sein sollen. "Wenn schon gespart werden soll, dann doch bei allen", forderte nun die Initiative.

Alle ihre Klagen haben die Ärzte dem Klinikchef bereits vorgetragen. Doch der gibt sich beim Sparkurs hart. Die Ärztebewegung betonte, dass in der Praxis nicht nur neu eingestellte Mediziner von den Kürzungen betroffen seien. Grund ist, dass die Assistenten in der Berliner Klinik meist nur Ein- oder Zweijahresverträge bekommen. Viele dieser Verträge laufen in den kommenden Monaten aus. "So wie der Plan steht, werden alle diese Ärzte dann die neuen Bedingungen in die Verträge geschrieben bekommen", erklärte der Arzt. Kuriose Folge wäre, dass dann Ärzte mit den gleichen Aufgaben nebeneinander arbeiten, einer von ihnen aber ein kleineres Gehalt bekommt, prophezeit die Initiative.

"Wir lassen uns nicht alles gefallen"

Mit ihrer Protestaktion wollen die Ärzte nun in die Offensive gehen. "Wir wollen zeigen, dass wir uns nicht alles gefallen lassen", so einer der Ärzte. Schon jetzt sei die Arbeitsbelastung für die Assistenzärzte mit enorm vielen und ebenso unbezahlten Überstunden sehr hoch. Zudem sei eine unterschiedliche Bezahlung von gleichwertig ausgebildeten Medizinern schlicht nicht vertretbar. Ohne Druck jedoch sei die Klinikleitung offenbar nicht zu konstruktiven Gesprächen bereit. Deshalb haben sich die Ärzte zu der offensiven Anzeige entschieden, die in Medizinerkreisen sicher zu munteren Diskussionen führen wird.

Von ihrer medialen Offensive erhoffen sich die Mediziner der Charité Bewegung bei den festgefahrenen Verhandlungen. Eine Lösung wäre beispielsweise ein Haustarifvertrag für die Charité. Bis dieser zwischen Gewerkschaften und Klinikleitung ausgehandelt ist, können aber noch Monate oder gar ein Jahr vergehen. "Der Rücklauf der Anzeige wird der Klinik hoffentlich zeigen, dass andere Häuser eine echte Konkurrenz sind und auf unsere Forderungen eingehen", hofft ein Mitglied der Ärztebewegung. In Wirklichkeit nämlich, so gesteht einer der Aktivisten offen ein, wolle fast keiner der Medziner so richtig weg aus der Berliner Charité.



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