Berliner ESMT Manager-Mühle mit Sand im Getriebe

Die Business School ESMT will zügig in die Weltliga der MBA-Angebote aufsteigen, in Berlin schwärmte man schon vom "Harvard an der Spree". Nun hat der Wissenschaftsrat die Konzern-Hochschule akkreditiert. Ihr Gutachten würzen die Experten allerdings mit deutlicher Kritik.

Von Bärbel Schwertfeger und


ESMT von innen: Sozialistischer Restschmuck in der Managerschule
DDP

ESMT von innen: Sozialistischer Restschmuck in der Managerschule

Die Zentrale der European School of Management and Technology ist zweifellos ein Schmuckstück: Am Schlossplatz mitten in Berlin residiert die ESMT in einer ganz besonderen Immobilie, voll von Spuren aus den Wirren der jüngeren deutschen Geschichte. Einst war es das Staatsratsgebäude der DDR, beherbergte später den Umzugsbeauftragte der Bundesregierung, diente dann Gerhard Schröder als Übergangsquartier. Und heute der Managerausbildung. Ein gewaltiger Satz von der Plan- in die Marktwirtschaft - wo damals Honecker an sozialistischem Fensterbild und Liebknecht-Zitat vorbeischritt, hasten heute MBA-Studenten in teure Kurse.

Berlin knüpfte 2002 große Hoffnungen an die Hochschul-Neugründung durch 25 Unternehmen, darunter Allianz, Deutsche Bank, Eon und Siemens: Entstehen sollte ein "Harvard an der Spree", die ESMT setzte sich das Ziel "Top 10 in 10 Jahren". Nun hat der Wissenschaftsrat die Business School begutachtet und findet immerhin warme Worte für die Infrastruktur - die räumliche Unterbringung ermögliche "zum Teil hervorragende Arbeitsbedingungen".

Sonst aber muss man in der 71 Seiten starken Stellungnahme nach Lob länger fahnden. Wichtig ist für die ESMT, dass der Wissenschaftsrat überhaupt zu einem positiven Votum gelangte. Denn das Land Berlin hatte die Schule zunächst lediglich bis Ende 2007 befristet anerkannt, im März 2007 den Antrag auf Akkreditierung beim Wissenschaftsrat gestellt und dann die staatliche Anerkennung noch einmal bis Ende 2008 verlängert.

Es wurde also höchste Zeit für die Stellungnahme, die der ESMT die Mindeststandards einer wissenschaftlichen Hochschule bescheinigt. Die Akkreditierung hat der Wissenschaftsrat indes für lediglich fünf statt für zehn Jahre, wie sonst üblich, ausgesprochen und wendet sich zudem gegen ein Promotionsrecht. Die Gründe werden im Bewertungsbericht sehr deutlich, das Schlüsselwort zur Beschreibung der ESMT-Ziele lautet "ambitioniert" - auch in den Spielarten "sehr ambitioniert", "ehrgeizig" oder "nicht realistisch".

50.000 Euro Studiengebühren für ein MBA-Jahr

Sogar den Namen kritisieren die Experten des Wissenschaftsrates: Statt European School of Management and Technology müsse es eigentlich "Management of Technology" heißen. Denn Ziel sei nicht die Technologieentwicklung, sondern das bessere Management technologischer Innovationen. Allerdings werde der Managementaspekt durch die bisherigen Professoren "nur unzureichend abgebildet". Fehlende Profilbildung, eine zu unklare Programmstrategie, mäßige Forschungsleistungen - die Mängelliste ist lang.

Die ESMT wollte und will möglichst schnell in die internationale Topliga aufsteigen und sich mit den besten Business Schools messen. Ihren Weg pflasterten zunächst Finanzprobleme, fehlende Professoren und Kommunikationspannen. Statt auf akademische Programme setzte man in den ersten Jahren auf Weiterbildung von Firmenmitarbeitern. 2007 nahmen über 2500 Manager an dieser "Executive Education" teil, die für ESMT finanziell von großer Bedeutung ist. So mancher Personalmanager war und ist indes keineswegs begeistert, seine Führungskräfte nach Berlin schicken zu müssen. "Die wollen nicht zur ESMT, sondern lieber an international renommierte Schulen wie das IMD oder gleich nach Harvard", ist immer wieder hinter vorgehaltener Hand zu hören.

Echte Studiengänge für Führungskräfte brachte die ESMT erst spät an den Start: seit 2006 einen Vollzeit-MBA als Einjahresprogramm, außerdem seit 2007 den "Executive MBA", berufsbegleitend über 21 Monate. Für den Vollzeit-MBA nimmt die Managerschule den stolzen Preis von 50.000 Euro. Den zahlte keiner aus dem letztes Jahr gestarteten Jahrgang komplett selbst: Sieben der 37 MBA-Studenten wurden von den Sponsor-Unternehmen der ESMT voll finanziert. Die anderen 30 brachten nur etwa ein Drittel der Studiengebühren selbst auf; insgesamt wurden 2007 Stipendien von über insgesamt 1,1 Millionen Euro ausgeschüttet.

Think big: Alles soll sich verdreifachen, mindestens

"Vollkostendeckende Erlöse" erwarte man aus dem Programm nicht, so die ESMT in einer Stellungnahme an SPIEGEL ONLINE. Der MBA sei das "prestigeträchtige Flaggschiff jeder Business School", dafür müssten auch Unterdeckungen in Kauf genommen werden. Entscheidend sei die "Mischkalkulation über alle Programmbereiche", also inklusive Weiterbildung. Gleichwohl sieht der Finanzplan mehr als eine Verdreifachung der MBA-Gebühreneinnahmen bis 2010 vor.

Die Studentenzahlen will die Schule deutlich steigern. Im Januar 2008 starteten trotz hoher Stipendien nur 31 Teilnehmer ins Vollzeit-Programm, nächstes Jahr sollen es bereits 55 sein - obwohl der deutsche Markt als äußerst schwierig gilt. Beim Executive-MBA will die ESMT in diesem Jahr 50 Teilnehmer gewinnen; 2007 waren es lediglich 30.

Ihre finanziellen Ziele definiert die ESMT ähnlich optimistisch. Ende 2007 betrug das zinsbringende Stiftungskapital laut Wissenschaftsrat 66,5 Millionen Euro (plus nicht-zinsbringende 14,2 Millionen Euro); bis 2009 soll es auf 100 Millionen Euro und bis 2012 sogar auf 200 Millionen Euro anwachsen. Dabei setzt die ESMT auf eine "vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Stiftern" und verweist auf Aufstockungszusagen der Unternehmen. Zudem will man "insbesondere neue Stifter aus dem Ausland" einbeziehen; erste Erfolge wie eine "erhebliche Zustiftung der Gazprom" gebe es bereits. Konkrete Zahlen werden dazu aber nicht genannt.

Die Verdreifachung des bislang "zögerlich" aufgebauten Kapitals nennt der Wissenschaftsrat allerdings "extrem ambitioniert" und mahnt: Verfehle man die Ziele, sei der angestrebte Anschluss an die internationale Spitze der Business Schools in den nächsten Jahren nicht zu schaffen. Ähnlich skeptisch beurteilen die Experten den angestrebten Personalaufbau. Bald sollen 60 Professoren an der ESMT forschen und lehren - der Wissenschaftsrat äußert "erhebliche Zweifel, ob dies in den hierfür vorgesehenen kommenden fünf Jahren gelingen kann".

Forschung mit Potential, aber "erst am Anfang"

Denn gute Professoren sind weltweit rar und sehr teuer. Ende letzten Jahres hatte die ESMT gerade mal 16 Professoren. Sie hatte erst 2006 mit dem Antritt von Lars-Hendrik Röller als Präsident ernsthaft begonnen, sich als wissenschaftliche Hochschule zu positionieren. Dem früheren Chefvolkswirt der Generaldirektion Wettbewerb der EU-Kommission gelang es, 2007 immerhin neun neue Professoren, teils von renommierten Hochschulen, nach Berlin zu lotsen. Ohne diesen Kraftakt wäre die Akkreditierung vermutlich gescheitert.

Dass der Wissenschaftsrat sich gegen ein eigenständiges Promotionsrecht ausgesprochen hat, bedeutet die wohl größte Schlappe für die ESMT und erschwert ihr die Ausbildung des akademischen Nachwuchses. Die Leitung der Business School plant gemeinsame Doktorandenprogramme mit drei Berliner Universitäten, wertet aber das Promotionsrecht selbst als "für die wissenschaftliche Entwicklung essentiell" und will es "voraussichtlich innerhalb von zwei Jahren" beim Berliner Senat beantragen.

Der formell zuständige Senat wird sich kaum über das Votum des Wissenschaftsrates hinwegsetzen. Und das ist deutlich: Das Promotionsrecht binnen zwei Jahren sei "derzeit nicht realistisch", erklärt Generalsekretär Wedig von Heyden, "das Forschungsumfeld an dieser Hochschule muss sich noch entwickeln". Die Gutachter sprechen zwar von "guter Ausgangslage" und "viel versprechendem Potential". Aber zugleich nennen sie den Forschungsbereich "nicht ausgereift", der Aufbau der Forschung stehe "erst am Anfang", die Hochschule müsse "international sichtbare Schwerpunkte" erst noch herausbilden.

Sechs Jahre nach dem Start ist das alles andere als ein schmeichelhaftes Urteil - trotzdem gewähren die Experten der Hochschule eine Chance. Man habe sich schon sehr genau überlegt, ob man die ESMT akkreditiere, sagt von Heyden. Nach fünf Jahren werde "erneut zu prüfen sein, in welchem Umfang die ESMT ihre ambitionierten Ziele verwirklicht hat".



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