Beruf Blindenpädagoge Helfer in der Dunkelheit

Das Fach Blindenpädagogik wird nur an vier deutschen Hochschulen gelehrt. Die Absolventen sind gefragte Experten. Die meisten arbeiten im Schuldienst, manche machen sich aber auch selbständig.


Wer normal sehen kann, kennt solche Situationen nur aus dunkler Nacht: Sich tastend vorwärts bewegen, vorsichtig einen Schritt vor den anderen setzen. "Blind den Lebensalltag zu meistern ist unheimlich schwer. Das fängt bei alltäglichen Dingen in der Wohnung an: Gläser einschenken, Essen kochen oder Kleidung aussuchen", erzählt Ines Klaus, Orientierungs- und Mobilitätstrainerin aus Hamburg.

Blindenpädagogen helfen bei den Schritten in ein eigenständiges Leben
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Blindenpädagogen helfen bei den Schritten in ein eigenständiges Leben

Sehbehinderte oder blinde Menschen sind rund um die Uhr auf Gehör und Tastsinn angewiesen. Sich blind ein unbekanntes Gebäude oder sogar ein Stadtviertel zu erschließen, sei ein weiterer Schritt: "Man muss Strategien entwickeln, um sich zurecht zu finden", so Ines Klaus.

Die Expertin betreut blinde und sehbehinderte Kinder und bringt ihnen bei ihren regelmäßigen Hausbesuchen den Umgang mit dem Blindenstock und andere Hilfstechniken bei. Um sich als Blindenpädagoge zu spezialisieren, ist nach dem Studium eine weitere, vertiefende Ausbildung notwendig. Üblicher ist es daher, direkt nach dem Abschluss an Schulen zu arbeiten, die Spezialunterricht für Blinde und Sehbehinderte erteilen. Vertraut sein muss man mit praktischen Techniken aber allemal, um seinen Schülern gerecht zu werden.

Vielseitige Ausbildung mit Praktika

Der Studiengang Blindenpädagogik ist ein Schwerpunkt im Rahmen der Sonderschullehrerausbildung, erläutert Frank Laemers von der Fakultät für Rehabilitationswissenschaften an der Dortmunder Universität. Er betont die Vielseitigkeit des Fachs: "Neben philosophischen Fragestellungen über das Thema der Wahrnehmung und Wirklichkeitskonstruktion von Blinden beinhaltet der Lehrplan Aspekte wie Orientierung und Mobilität, Frühförderung, alltagspraktische Fertigkeiten, moderne Kommunikationstechnologien, die Brailleschrift und Augenheilkunde."

Das Studium ergänzen mehrwöchige Praktika sowohl in der allgemeinen als auch in der Blinden- und Sehbehindertenpädagogik. Ein weiterer wichtiger Schwerpunkt ist das Problem der Mehrfachbehinderung blinder Kinder: "Die Zahl mehrfachbehinderter, blinder Kinder hat in den letzten Jahren prozentual stark zugenommen", sagt Eberhard Fuchs.

Als Hauptgrund sieht der Vorsitzende des Verbands der Blinden- und Sehbehindertenpädagogen und -pädagoginnen (VBS) den medizinischen Fortschritt, der "Frühchen" das Leben rette: "Sie leiden im Falle einer Komplikation leider häufig an Mehrfachbehinderungen."

Nachwuchs dringend gesucht

Nur vier deutsche Unis bieten ein Studium der Blindenpädagogik an: die Humboldt-Universität in Berlin, die Pädagogische Hochschule Heidelberg und die Unis in Dortmund und Hamburg. Teils handelt es sich um ein grundständiges Studium über acht Semester, teils um ein viersemestriges Aufbaustudium oder. An jeder der Hochschulen regelt ein internen Numerus clausus die Zahl der Studienanfänger.

Nach dem Examen bieten sich Blindenpädagogen mehrere Einsatzbereiche. "Lehramtstudenten sind später meist an Sonderschulen für Sehgeschädigte und Blinde angestellt, arbeiten als Beratungslehrer an integrativen Regelschulen oder als Berater in Förderzentren", erklärt Professor Paul Nater von der Berliner Humboldt-Universität.

"Das schönste sind die kleinen Erfolgserlebnisse"

Der VBS-Vorsitzende Eberhard Fuchs betont die guten Berufsaussichten: "Der Arbeitsmarkt ist hervorragend." Vor allem im Süden Deutschlands werde dringend nach Nachwuchs gesucht. "In der Zukunft werden wir einen Mangel an Blindenlehrern haben", so der Wissenschaftler.

Nach dem zweijährigen Referendariat verdienen Blindenlehrer als Beamte ein Gehalt der Besoldungsgruppe A13 und können bis zu einem Rektorenposten mit A15-Gehalt aufsteigen. Nater verweist darauf, dass Absolventen des Diplomstudiengangs es schwerer haben: "Für sie gibt es kein fest umrissenes Berufsbild, und die meisten Posten werden über Schulen an Lehrer vergeben. Insofern müssen sie eine Nische finden, in der es nicht so sehr auf die pädagogische Ausbildung ankommt."

Neben dem Beamten- oder Angestelltenverhältnis können sich Blindenpädagogen auch selbstständig machen. In der mobilen Betreuung helfen sie zum Beispiel bei Frühförderung blinder Kinder oder der beruflichen Wiedereingliederung Späterblindeter arbeiten. "Das schönste Gefühl ist es", freut sich Ines Klaus, "wenn man abends an die kleinen Erfolgserlebnisse denkt. Wenn ein Kind schließlich mit dem Blindenstock umgehen kann - das ist einfach toll."

Von Mirjam Hägele, gms



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